Das Messages Quartet spielt Werke von Simon Laks.

Imago dei

Auch der kurdisch-syrische Sänger und Buzuk-Vituose Salah Ammo gastiert bei Imago Dei

Imago Dei

Neue Intendantin des Festivals Imago Dei: Nadja Kayali.


Foto: Walter Skokanitsch

Die Minoritenkirche in Krems ist ein besonderer Raum. Sakral und säkular, alt und modern, imposant und intim; ein architektonisches und akustisches Meisterwerk. Seit ihrer Erbauung im 13. Jahrhundert war sie Gotteshaus, Salzdepot, Tabaklager, Feuerwehrhaus, Ausstellungsraum und fungiert seit der Renovierung als Klangraum für außergewöhnliche Musik- und Klangkunst.

Kenner wissen, dass man hier einmalige Konzerte erleben kann – von Glatt & Verkehrt über das Donaufestival bis zum Festival Imago Dei. Letzteres findet heuer unter neuer Intendanz statt: Unter dem Motto "Zwischenwelten" hat Nadja Kayali ein Programm zusammengestellt, das ihre Liebe zur Sprache und Literatur genauso spiegelt wie jene zum Theater.

Die Musikarchitektur

Die Minoritenkirche spielt dabei eine essenzielle Rolle, erzählt Kayali: "Ein säkularisierter Kirchenraum, der eine großartige Atmosphäre hat. Ich spüre darin Weite, Konzentration und auch einen Freiraum. Hier muss nichts, hier kann alles sein." Diese Gedanken haben Kayali dazu bewogen, die Komponistin Tamara Friebel mit dem Auftrag zu betrauen, aus der Architektur der Kirche heraus eine Partitur zu entwickeln.

Unter dem Titel Illuminations schickt Friebel, die bei Chaya Czernowin Komposition und bei Zaha Hadid Architektur studiert hat, die Stimmen der Company of Music in die Tiefe des Raumes, dem so ein klingendes Denkmal gesetzt wird (12. März). Der zweite Festivalkomponist, den Nadja Kayali mit einem Auftragswerk betraut hat, ist Wolfgang Suppan. "Suppans Musik hat eine Tiefe und dramaturgische Meisterschaft, die mich sehr berührt. Sie ist auf intellektueller Ebene und im Gefühl gleichermaßen stark", so die Intendantin.

Das letzte Werk

In Welten...auseinander für Ensemble und Elektronik (26. März) entwickelt Wolfgang Suppan aus der Welt der Wissenschaft in Klang gesetzte Denkvorgänge und nimmt dabei Bezug auf Heinz Rebers String Trio, das an diesem Abend ebenfalls uraufgeführt wird. Kayali hat bei Reber Musiktheaterregie studiert, und bevor er 2007 starb, übergab er ihr sein Streichtrio Walking in the limits. "Es war sein letztes Werk, und ich habe sofort gespürt, dass er mit dieser Musik den Boden des Lebens bereits verlassen hat", erzählt sie.

Auftakt opulent

Zum Auftakt des Festivals Imago Dei am 11. März steht aber zunächst geballte weibliche Energie auf der Bühne. Unter dem Titel Imago Deae ("das Bildnis der Göttin") treffen 50 Musikerinnen aus verschiedenen Klangwelten aufeinander. Unter der Leitung von Sängerin Nataša Mirković und Jazzmusikerin Beate Wiesinger sowie unter der Mitwirkung von Künstlerinnen wie Anna Anderluh, Sakina Teyna, Golnar Shahya und Basma Jabr erklingen syrische, bosnische, persische, kurdische, kroatische und dann auch sephardische Lieder. Die vokale Verstärkung kommt von Mirkovićs Ensemble Glas (was übersetzt "Stimme" bedeutet) und den Damen des burgenlandkroatischen Ensembles Kolo Slavuj.

Mysterium Skrjabin

Musik, Puppenspiel und Tanz gibt es am 19. März, wenn Pianistin Anika Vavić, Christoph Bochdansky (Puppenspiel) und Rose Breuss (Choreografie) Alexander Skrjabins Geist heraufbeschwören. Skrjabin selbst hatte die Idee zu einem "Mysterium" als Symbiose zwischen Dichtkunst, Musik, Mimik und Tanz – bei Imago Dei bietet der Klangraum in der Minoritenkirche den idealen Rahmen dazu.

Überhaupt sind Zeitreisen und Genregrenzen Teil der "Zwischenwelten" in Krems. Der Linzer Cembalist Johannes Maria Bogner gestaltet am 9. April einen Abend über vier Jahrhunderte: "Ob Johannes Bogner spielt, erkenne ich nach zwei Takten. Er ist ein Klangzauberer", so Nadja Kayali, die mit den "Zwischentöne Polen" ein "Festival im Festival" programmiert hat, das dem polnischen Komponisten Simon Laks gewidmet ist (30. März bis 1. April) gewidmet ist. "Syria alive" bringt wiederum Musik und Texte von in Österreich lebenden Syrerinnen nach Krems (2. April). Angelika Messner inszeniert wiederum am 3. April Leonard Evers Kinderoper Gold, die von Armut, Habgier und Maßlosigkeit einerseits und der Verbundenheit zur Natur andererseits erzählt. "Wir müssen gerade mit unseren Kindern wichtige Fragen wie ‚was wir tatsächlich zum Glücklichsein brauchen‘ besprechen", sagt Intendantin Nadja Kayali. "Und ihnen auch Rede und Antwort stehen." Besonders wohl auch in Pandemiezeiten

Auf den Spuren der Vielfalt mit "Syria alive" am 2.4.

Wichtig auch der Schwerpunkt "Syria alive": Es geht um ein Land, das als Symbol der Vielfalt galt. Nirgendwo sonst im Nahen Osten lebten so viele unterschiedliche Kulturen, Religionen und Ethnien zusammen. Dann kamen Krieg und Elend, Flucht und Vertreibung. Nadja Kayali ist sich dessen sehr bewusst. Sie wurde als Kind syrisch-österreichischer Eltern in Wien geboren, reiste als Baby nach Syrien und kam als Kleinkind wieder in ihre Geburtsstadt zurück. Sie hat sich immer als Österreicherin gefühlt – bis in den 1990er-Jahren Fragen nach ihrer Herkunft kamen. Also begann sie, sich mit ihren Wurzeln zu beschäftigen, insbesondere mit dem Einfluss des "Orients" auf die europäische Musik. Seither fungiert die Regisseurin und Dramaturgin, Moderatorin und Ö1-Radiomacherin als Vermittlerin zwischen den Kulturen – dies auch in ihrer Funktion als Intendantin von Imago Dei, wo am 2. April im Rahmen von "Syria alive" Texte und Musik von syrischen Künstlerinnen und Künstlern im Mittelpunkt stehen werden.

Ost und West

Unter ihnen ist auch der kurdisch-syrische Sänger und Buzuk-Vituose Salah Ammo, der 2013 als Schutzsuchender nach Österreich kam und sich seither einen Ruf als Brückenbauer zwischen Ost und West, zwischen klassischer und orientalischer Musik erworben hat. Zusammen mit dem neu gegründeten Salah Ammo Ensemble spielt er beim Festival Imago Dei sein Debütkonzert. Dazu lesen vier syrische Schriftstellerinnen und Schriftsteller, also Hamed Abboud, Luna Al-Mousli, Omar Khir Alanam und Jad Turjman aus ihren Werken und erfüllen den Klangraum mit Literatur und Poesie. (Miriam Damev, 21.2.2022)