Den "Beginn einer neuen Ära", verkündete Äthiopiens Regierungschef Abiy Ahmed am Sonntag, bevor er eine Taste am Computer drückte. Auf diese Weise werden inzwischen selbst Mega-Bauvorhaben in Betrieb genommen – in diesem Fall das mit Abstand größte Staudammprojekt Afrikas.

Nach mehr als zehnjähriger Bauzeit warf Abiys Zeigefinger die erste von 13 Turbinen des "Großen Äthiopischen Renaissance-Staudamms" an – und prompt leuchteten die Lichter auf, die bald den zweitbevölkerungsreichsten Staat des Kontinents erstrahlen lassen sollen. Bei voller Leistung werden die Turbinen mehr als 5000 Megawatt Elektrizität herstellen – wesentlich mehr, als das gesamte Land am Horn von Afrika bislang generiert.

Höchstleistung in zwei Jahren

Zwei Drittel der 110 Millionen Äthiopier sind noch immer nicht ans Stromnetz angeschlossen. "Wir tun das für unsere Mütter, die das Holz auf ihren Rücken zu den Dörfern schleppen müssen", sagte Abiy. Spätestens in zwei Jahren soll der See hinter der 1,8 Kilometer langen und 145 Meter hohen Betontalsperre voll sein – und das Kraftwerk seine Höchstleistung erreichen.

"Wir tun das für unsere Mütter, die das Holz auf ihren Rücken zu den Dörfern schleppen müssen", sagt Äthiopiens Regierungschef Abiy Ahmed.
Foto: Amanuel SILESHI / AFP

Unmut in Anrainerstaaten

Ganz ohne dunkle Wolken verlief allerdings auch diese Feierstunde im Bürgerkriegsstaat nicht. Äthiopiens Nachbarn, der Sudan und vor allem Ägypten, laufen schon seit Jahren Sturm gegen das Mammutprojekt. Sie sind für ihren Wasserbedarf fast ausschließlich auf den Nil angewiesen und fürchten, von dem Staudamm ausgetrocknet werden zu können. Alle Verhandlungen über eine Reglementierung des Wassers verliefen bisher im Sand: In Kairo wurden zeitweise sogar die Kriegstrommeln gerührt. "Wir wollen keinem Schaden zufügen", suchte Premierminister Abiy während der Feierstunde zu schlichten: "Wir sind zur Kollaboration bereit."

Eine riesige Talsperre staut den Nil zu einem 1874 Quadratkilometer großen See auf.
Foto: Reuters/Stringer

Wie jeder selbst sehen könne, fließe das Wasser des Blauen Nils weiterhin, setzte Abiy noch flapsig hinzu: Natürlich glaubt auch in Kairo keiner, dass das Nil-Wasser von einem Tag auf den anderen abgestellt werden könnte. Unklar ist jedoch, wie sich Äthiopien in Zeiten der Dürre verhalten wird – wenn der Staudamm zur Stromgewinnung auf einem gewissen Stand gehalten werden muss und die südlichen Anrainerstaaten auf das Wasser dringend angewiesen sind. Bislang glaubte Ägypten ein Recht auf das Wasser zu haben: Die britische Kolonialmacht hatte Kairo vor fast hundert Jahren 75 Prozent des Blauen Nilwassers zuerkannt. Äthiopien wurde damals erst gar nicht gefragt.

Megaprojekt.
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Fachleute werfen heute allerdings ein, dass die Regulierung des Nils auch Vorteile bringen könne. Überschwemmungen, wie sie regelmäßig im Sudan vorkommen, könnten so verhindert werden. Mit dem Assuan-Staudamm hätten die Ägypter außerdem die Chance, den Wasserzufluss in ihrem Land nach eigenen Bedürfnissen zu regeln. Und mit technologischen Errungenschaften wie Satellitenbildern lasse sich das Management des Nils erheblich verbessern, meint Hisham Eldaradiry von der Universität Washington.

Einigung steht noch aus

Allerdings müssen dazu die Anrainerstaaten zur Kooperation bereit sein. Weil die Fertigstellung des Großen Renaissance-Staudamms ohnehin nicht mehr verhindert werden kann, müssten sich Ägypten, der Sudan und Äthiopien irgendwann zusammensetzen, meint der Wissenschafter: Eine Einigung sei dabei keineswegs ausgeschlossen.

Äthiopiens Regierungschef Abiy Ahmed lässt sich feiern.
Foto: Amanuel SILESHI / AFP

Schon für den Bau des Staudamms hatte Äthiopien Berge versetzt. Da der bettelarme Schuldnerstaat nicht noch weitere Kredite aus dem Ausland aufnehmen wollte, wandte sich die Regierung sowohl an ihre Staatsbeamten als auch an die Bevölkerung: Erstere mussten für den Bau des Damms auf einen Monatslohn verzichten, Letztere sollte direkt spenden oder Anleihen aufnehmen. So kamen schließlich die fast fünf Milliarden US-Dollar zusammen, die für den Bau des Megastaudamms nötig waren. (Johannes Dieterich, 21.2.2022)