600 Kilometer Luftlinie südwestlich von der aktuellen Krisenregion rund um Luhansk und Donezk, im Grenzgebiet zwischen der Ukraine und der Republik Moldau, könnte sich womöglich eine weitere Front für die bedrängte Kiewer Regierung auftun. Einer rumänischen Parlamentarierin zufolge haben sich die prorussischen Führer der selbsternannten Pridnestrowischen Moldauischen Republik – besser bekannt als Transnistrien – am Dienstag nach Moskau aufgemacht, um bei Russlands Präsident Wladimir Putin ein ähnliches Modell wie jenes der "Volksrepubliken" im Donbass für sich zu reklamieren – also die Anerkennung ihres Gebiets als eigener Staat.

Auch wenn eine unabhängige Bestätigung für das Hilfegesuch des 1991 nach einem kurzem Bürgerkrieg entstandenen und bisher von keinem Staat der Welt anerkannten Gebiets am Ostufer des Flusses Dnister noch aussteht, fühlt man sich in Tiraspol, der Hauptstadt Transnistriens, von den Ereignissen im weit entfernten Osten der Ukraine bestärkt.

Riesiges Munitionsdepot

Seit der Zuspitzung des Ukraine-Konflikts im Februar haben auch die etwa 1.500 russischen Soldaten, die in dem 200 Kilometer langen, aber kaum mehr als ein paar Kilometer breiten Streifen von der Größe des Burgenlands stationiert sind, Manöver durchgeführt. In Cobasna im Norden des schmalen Landes lagern zudem 22.000 Tonnen Munition, das größte derartige Lager in Osteuropa. Das meiste Material stammt so wie die vielen Lenin-Statuen, die in Tiraspol und anderen Städten Transnistriens zu sehen sind, noch aus Sowjetzeiten.

Der Gründer der Sowjetunion, Lenin, wacht über einem Platz in Tiraspol, der Hauptstadt Transnistriens.
Foto: Diego Herrera via www.imago-images.de

Offiziell sollen die russischen Truppen, die aus den Resten der 14. sowjetischen Gardearmee bestehen und Teile der Hauptstadt Tiraspol als eine Art exterritoriales Gebiet verwalten, den Frieden zwischen Transnistrien und Moldau wahren und russische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger beschützen, behauptet Moskau.

Sollte es tatsächlich zu einem großangelegten Angriff der russischen Armee auf die Ukraine kommen, wird aber befürchtet, dass sich Transnistrien als weitere Angriffsfront auftun könnte. Seit Jahren fordert die Republik Moldau, zu der das Gebiet völkerrechtlich nach wie vor gehört, ebenso wie die Nato, die Ukraine und die USA den Abzug der russischen Truppen aus Transnistrien – bisher vergeblich.

Viele der 400.000 Transnistrier und Transnistrierinnen, die sich mehrheitlich Russland zugewandt fühlen und in einem Land leben, das bis heute Hammer und Sichel im Wappen führt, besitzen seit einer Moskauer Initiative 2002 russische Pässe. Auch der Umstand, dass Transnistrien über eigene Sicherheitskräfte, einen Geheimdienst, eine eigene Währung – den Rubel – sowie ein De-facto-Grenzregime verfügt, lässt beinahe vergessen, dass nicht einmal die Schutzmacht Russland das kleine Land bisher anerkennt.

Hammer und Sichel im Wappen.
Foto: AP Photo/Dmitri Lovetsky

Zwar stärkt der Kreml der Separatistenrepublik mit großzügigen Treibstoff- und Pensionszuschüssen den Rücken, ihr Ansuchen um Aufnahme in die Russische Föderation ließ man aber seit den Neunzigerjahren unbeantwortet, wie der emeritierte Leipziger Osteuropa-Forscher Stefan Troebst erklärt: "Dass sich daran jetzt etwas ändert, scheint mir schon deshalb unwahrscheinlich, weil Transnistrien geopolitisch Russland nicht viel bringt. Es handelt sich um ein hochproblematisches Territorium, dessen Bevölkerung zu einem großen Teil emigriert ist und heute aus sehr vielen Rentnern besteht, die von Moskau unterstützt werden müssen."

Grafik: STANDARD

Einzig die – ebenfalls von Russland abhängigen – georgischen Separatistenrepubliken Abchasien und Südossetien sowie die armenische Exklave Bergkarabach erkennen das autoritäre Regime in Tiraspol an. Dessen selbsternannter Präsident Vadim Krasnoselski wurde Mitte Dezember vergangenen Jahres mit großer Mehrheit wiedergewählt, in einer Wahl, die sowohl von der Republik Moldau als auch vom EU-Mitglied Rumänien als "illegitim" verurteilt worden war. Seine wichtigsten Wahlversprechen: das Monopol des im Land allmächtigen Sheriff-Konzerns beizubehalten und Transnistrien noch näher an Russland zu führen.

Das Hauptquartier der russischen Truppen im Stadtzentrum von Tiraspol.
Foto: Photo by Sergei GAPON / AFP

Experten rechnen nicht mit Anerkennung

Dass sich am Status quo in näherer Zukunft trotz allem viel ändern wird, bezweifelt auch Andreas Kappeler, ein emeritierter Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien. "Eine Annexion Transnistriens, wie es jetzt früher oder später im Donbass passieren dürfte, steht in diesem Fall nicht an, allein schon deshalb, weil das Gebiet viel zu weit vom russischen Kernland entfernt ist. Moskau wird sich nicht unbedingt eine Exklave schaffen wollen." Auch eine Anerkennung als unabhängiger Staat durch Russland erwartet Kappeler nicht unmittelbar. "Das hätte Moskau ja schon längst tun können."

Kappelers Leipziger Kollege Stefan Troebst hält die Gefahr eines russischen Angriffs auf die Ukraine von Transnistrien aus für wenig realistisch – vor allem deshalb, weil russische Luftstreitkräfte ukrainisches oder Nato-Territorium überfliegen müssten, um zusätzliche Soldaten nach Tiraspol zu schaffen. "Wenn, dann würden die russischen Truppen dort die Grenze zur Ukraine nicht überschreiten, sondern versuchen, die gegnerischen Soldaten dort zu binden, damit sie nicht an anderer Stelle ihr Land verteidigen können." (Florian Niederndorfer, 23.2.2022)