Richterin Christina Salzborn muss sich in einem Körperverletzungsprozess durch recht widersprüchliche Versionen des Vorfalls kämpfen.

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Wien – Christina Salzborn, Richterin und Vizepräsidentin des Landesgerichts für Strafsachen Wien, ist zwar noch jung, kokettiert im Prozess gegen Markus P. aber dennoch mit ihrem Alter. "Was ich mich dunkel an Discos erinnern kann – dort wird man öfters angerempelt oder bekommt einen Drink drübergeschüttet", erklärt Salzborn einer Zeugin, die vom 35-jährigen Angeklagten im Lokal Bettel-Alm geschlagen worden sein soll, ehe er ihrem Freund einen Kopfstoß verpasste, der dem die Nase brach und einen Teil des Schneidezahns ausschlug.

Es war der 18. Juli, der Geburtstag von P.s Freundin. Der Anlass wurde bereits ab Mittag bei einem Heurigen zelebriert, ehe man in das Innenstadtlokal wechselte. Dort leerte der Angeklagte nach eigenen Angaben eine halbe Flasche Wodka, obwohl er das Dreivierteljahr davor abstinent gewesen sei. "War das gscheit?", fragt die Richterin eher rhetorisch. "Nein", gibt P. zu. Ein Zeuge beschreibt den damaligen Zustand des Angeklagten mit: "Der war schon ziemlich kniawach."

"Affekthandlung" nach acht Jahren Haft

Dem Ethanol-Konsum sei auch zuzuschreiben, dass er nur noch ungenaue Erinnerungen habe, entschuldigt der Angeklagte sich. Er habe mit seiner Freundin getanzt, dann habe ein fremder Mann zunächst seiner Freundin einen "Stesser" verpasst, danach ihm. Worauf P. mit dem Kopfstoß reagierte. "Es war eine Affekthandlung. Ich war acht Jahre in Haft", begründet der fünffach vorbestrafte Arbeiter sein Verhalten mit Putativnotwehr. Verletzungsabsicht habe er aber keine gehabt.

Dass zunächst er der Freundin des Verletzten einen Schlag gegen den Unterkiefer versetzt habe, mag der Angeklagte nicht glauben. "Da weiß ich nichts davon", sagt er. Und: "Ich würde in einem Lokal nie eine Frau schlagen!" – "Das 'in einem Lokal' ist interessant", merkt die Richterin da an.

Im weiteren Verlauf des Prozesses zeigt sich, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sein können. Die Beschreibung der Gästefrequenz in dem Lokal reicht von "es war bummvoll" bis zu "es war wenig los". Grundsätzlich wirken alle Beteiligten aber durchaus glaubwürdig, umso schwerer ist es für Salzborn, herauszuarbeiten, was wirklich passiert ist.

Rempeleien am Rande der Tanzfläche

Die Freundin des Verletzten schildert die Sache so: Sie sei mit Freunden an einem Stehtisch am Rande der Tanzfläche gestanden und vom betrunkenen P. mehrmals angerempelt worden. Während ihr Freund das WC aufsuchte, habe sie sich einmal umgedreht, um den Angeklagten um mehr Vorsicht zu ersuchen. Daraufhin habe er ihr ins Gesicht geschlagen. "Ich denke, dass es gewollt war", erklärt die 27-Jährige, die zehn Tage im Krankenstand war und 2.000 Euro Schmerzengeld will. Als ihr Freund retour kam, habe sie ihm davon erzählt, als der P. zur Rede stellen wollte, folgte der Kopfstoß.

Interessanterweise erzählt der verletzte Freund Salzborn aber etwas anderes: Als er vom WC kam, habe seine Freundin ihm erzählt, sie sei von P. "mehrmals gestoßen" worden. Auch die Nachfrage der Richterin, ob damals von einem absichtlichen Schlag die Rede gewesen sei, verneint er. Und der Zeuge sagt auch, er habe mit P. gar nicht mehr sprechen können: Als er sich in dessen Richtung umwandte, sei bereits der Kopfstoß erfolgt. Für seine Verletzungen will er 2.500 Euro vom Angeklagten, dieser bietet an, 2.000 Euro in Raten zu bezahlen.

Unterschiedlichste Aussagen

Der nächste Zeuge, ein Freund des Verletzten, erzählt wieder etwas anderes. Er will ein "kleines Geschubse" wahrgenommen haben, ehe der Kopfstoß erfolgte. Und er sagt, der Verletzte sei bereits neben seiner Freundin gestanden, als die von P. attackiert worden sei. Die Freundin des Angeklagten wiederum ist der Meinung, der Verletzte habe zunächst sie gestoßen – im Vorbeigehen, wie sie auf Nachfrage sagt. Ein Freund des Angeklagten, der als Einziger keinen Alkohol intus hatte und die Szenerie aus einiger Entfernung beobachtete, will beobachtet haben, dass der Verletzte zunächst den Angeklagten gestoßen habe, woraufhin der sich wehrte. "Ich hätte genauso reagiert", versichert er.

Da die Polizei nicht alle Anwesenden vernommen hat, vertagt Salzborn schließlich auf den 16. März, um weitere Zeugen hören zu können. (Michael Möseneder, 23.2.2022)