Ab 1983 zierte ein Porträt Schrödingers den 1.000-Schilling-Schein. Rund zehn Jahre später benannte man einen Hörsaal in Irland nach ihm, was nun rückgängig gemacht wurde.

OeNB

Vor drei Jahren wurde er in Irland, wo er 17 Jahre seines Lebens verbracht hatte, noch als genialer Physiker mit Einfluss weit über die Fachgrenzen hinaus gefeiert. 1943 hielt der aus Wien stammende Wissenschafter am Trinity College in Dublin, Irlands ältester und renommiertester Universität, seine drei legendären Vorlesungen unter dem Titel "What is Life?". Ein Jahr später wurden sie publiziert und beeinflussten eine Generation von Molekularbiologinnen und -biologen nachhaltig. 2018 und 2019 wurden die beiden 75-Jahr-Jubiläen in Dublin ausführlich begangen.

Nun ist wegen neu aufgewärmter und umstrittener Missbrauchsvorwürfe alles ganz anders: Die Universität hat kürzlich beschlossen, den seit den 1990er-Jahren nach Schrödinger benannten großen Hörsaal am Physikinstitut wieder in Physik-Lehrsaal (konkret: Physics Lecture Theatre) rückzubenennen. Und auch die nach Schrödinger benannte Vortragsreihe erhält einen neuen Titel, nämlich "What is Life?".

Falsche Altersangaben

Aufschlussreich ist, wie es dazu kam: Anfang Dezember erschien in der Online-Ausgabe der "Irish Times" ein Text, der alte Verdächtigungen neu aufgriff, nach denen sich Schrödinger angeblich in ein zwölfjähriges irisches Mädchen verliebt hatte, ehe mutmaßlich der Großonkel des Mädchens weitere Annäherungen unterbunden hatte. Zudem zählte der Artikel einige weitere angebliche Affären Schrödingers auf, die – nach allem, was wir wissen – allerdings platonisch blieben. Bei anderen Liebschaften waren Altersangaben zu den Mädchen/Frauen falsch: So begann die problematische sexuelle Beziehung zu Ithi Junger wohl nicht, als sie 14 war, sondern nach ihrem 17. Geburtstag. Und die Abtreibung hatte sie nicht mit 17, sondern als sie 20 war. (DER STANDARD berichtete.)

Der schlecht recherchierte Text, der unter dem Titel "Wie Schrödinger in Irland seinem Lolita-Komplex frönte" erschien, hatte trotz (oder wegen) seiner Fehler eine erstaunliche Resonanz: Schrödinger wurde in etlichen anderen Medien, die diese falschen Fakten reproduzierten, abwechselnd für parthenophil oder für pädophil erklärt sowie als (serieller) Missbrauchstäter denunziert. Für das New Yorker Wissenschafts- und Technologiemedium "Futurism" wurde Schrödinger durch die fragwürdigen "Enthüllungen" gar zum "Monster".

Diesen diffamierenden Text wiederum hielt der angesehene Caltec-Physikprofessor und Bestsellerautor Sean Carroll (mehr als 300.000 Follower) für so gut und/oder wichtig, dass er ihn zustimmend vertwitterte:

Trotz all der Anschuldigungen sind die Indizien für sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Schrödinger dürftig und stammen letztlich allesamt aus einer selbst nicht unumstrittenen Biografie, die mehr als 30 Jahre alt ist. Neu sind nur die Faktenverdrehungen.

Korrekturkultur bei Wikipedia

Das kann und soll selbstverständlich nicht die problematischen Beziehungen des Physikers zu (jüngeren) Frauen kleinreden, die darunter fraglos gelitten haben. Aber ein "pädophiler Missbrauchstäter" ist dann doch etwas anderes. Auch aus diesem Grund haben die Autorinnen und Autoren des deutschen Wikipedia-Eintrags zu Schrödinger einen neu eingefügten Absatz mit den Pädo-/Parthenophilie-Vorwürfen öffentlich nachvollziehbar diskutiert – und wieder gestrichen.

Am Trinity College hingegen obsiegte die Empörung. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Redaktion der "University Times". Das ist die Studierendenzeitschrift des Trinity College, die 2017 als weltweit beste nicht täglich erscheinende Zeitschrift ihrer Art ausgezeichnet wurde. Die Redaktion der "University Times" bezeichnete Schrödinger ebenfalls als pädophil und forderte die Umbenennung des Hörsaals.

Erfolgreiche Kampagne

Die Zeitschrift unterstützte zudem eine Umfrage in der Sache unter fortgeschrittenen Physik-Studierenden, die sich mit knapper Zweidrittelmehrheit dafür aussprachen. Die Petition, hinter der sowohl Studierende als auch Lehrende der School of Physics standen, ging an die Universitätsleitung, was die "University Times" wiederum als "Blaupause für kollegiale Entscheidungsfindung" lobte.

Prompt kam die zuständige Vizerektorin diesem Wunsch nach. Seitens der Presseabteilung der Universität hieß es dazu: "Die aktuelle Vorgangsweise würdigt weiterhin den unbestreitbaren wissenschaftlichen Beitrag Erwin Schrödingers, während sie gleichzeitig beunruhigende Informationen – viele davon aus Schrödingers eigenen Tagebüchern – berücksichtigt, die man nun ebenfalls kennt."

Diese vermeintlich neuen Informationen über private Begebenheiten vor 70 bis 100 Jahren sind, wie beschrieben, mehr als 30 Jahre alt, selbst fragwürdig und haben sich seither nicht verändert. Geändert hat sich aber zum einen ihre Bewertung, was man als zivilisatorischen Fortschritt sehen kann. Und zum anderen aber auch: die (Un-)Kultur der Empörung. (tasch, 24.2.2022)