Gone but not forgotten: Mark Lanegan ist gestorben, sein üppiges Erbe bietet einiges zu entdecken. Eine Einstiegshilfe mit zehn ausgewählten Songs.

Foto: Pias

Am 22.2.2022 ist Mark Lanegan gestorben. Den Nachruf finden Sie hier. Der US-Musiker besaß eine der markantesten Stimmen im Rock. Er setzte sie in unzähligen Aufnahmen und Kollaborationen ein, wo er dabei war, lohnte es sich, wenigstens reinzuhören. Nicht alles war immer Gold, echt nicht, aber mit seinem melancholischen Kellerbariton konnte er noch den konventionellsten Ideen Mehrwert verleihen. Im Folgenden sind einige Höhepunkte seines daran nicht armen Outputs beschrieben und zu hören.

Queens of the Stone Age — Hanging Tree

Lanegan kannte Josh Homme aus den 1990ern, Homme, damals eine rotblonde Kaulquappe von außerordentlichem Talent, verstärkte Lanegans Band Screaming Trees bei vielen Konzerten. Homme wiederum lud Lanegan später ein, bei den QOTSA zu singen. Bestes Beispiel dieses Dream Teams ist der Song Hanging Tree vom QOTSA-Meilenstein Songs for the Deaf aus 2002. Die Band gastierte 2003 an einem lauen Sommerabend in der Wiener Arena und gab ein spektakuläres Konzert. Mitten im Set schlich eine groß karierte Altkleidersammlung mit Baseball-Kappe auf die Bühne, umklammerte das Mikro und hob an: Lanegan, unpackbar.

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Screaming Trees –Witness

Es passt zu ihrer Karriere, dass die Screaming Trees ihr bestes Album zu einer Zeit aufgenommen haben da das Publikum dafür schon weitergezogen war. Nichts destotrotz ist Dust aus 1996 ein Meisterwerk – kein schwacher Song, wiewohl Lanegan nur unter schwerstem Einsatz des Produzenten George Drakoulias dazu zu bewegen war überhaupt im Studio aufzutauchen. Witness ist fast beliebig gewählt, das Album eine Bank.

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Eines geht noch: Screaming Trees –Western Dime

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Soulsavers — Some Misunderstanding

Wer sich an dieses Meisterwerk von Gene Clark wagt, muss etwas zu melden haben, sonst würde das ganze im Status der Schande im Gulli versinken. 2009 versuchten sich die Soulsavers an dem zentralen Stück von Clarks Meisterwerk No Other – und Lanegan holte die Kartoffeln allesamt aus dem Feuer. Weitgehend werkgetreu gespielt verleiht er dem Song nicht nur die elegische Stimmung des Originals, er gibt ihm eine desperate Tiefe, die nur er anbieten konnte. Im Vorprogramm von Depeche Mode in der Wiener Stadthalle vor zehn, elf Jahren ging die Band dann leider unter — zu leise und zu wenig Interesse seitens der 12.000 DM-Fans. Aber auf Platte ein Traum.

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Mark Lanegan – Don’t Forget Me

Eines dieser herzblutenden Gstanzln aus Redneck Forrest, dem der Hinterwälder-Sohn nie ganz entkam. Ökonomisch instrumentiert hängt er sich mit vollem Herzen rein – das vielleicht beste Stück seines 2001 erschienenen Albums Field Songs. Duff McKagan spielen mit, Chris Goss und Mike Johnson of Dinosaur Jr fame. Apropos Chris Goss ...

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Masters of Reality — High Noon Amsterdam

Chris Goss hat sich als Produzent für Kyuss, QOTSA und anderen einen Namen gemacht und betreibt die nach dem dritten Black-Sabbath-Album gerufene Band Masters of Reality. 2001 veröffentlichte der mittlerweile komplett in die Verschwörerszene abgedriftete Goss das Album Deep in the Hole — ein wenig bekanntes Meisterwerk im Orbit des Stonerrock. Dementsprechend sind hier mit Nick Oliveri, Josh Homme und Troy van Leeuwen einige Kapazunder vertreten. Und Lanegan. High Noon Amsterdam ist es eines der hübschesten Lieder, der Rest ist ebenfalls Bombe.

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Mark Lanegan — On Jesus Program

1999 veröffentlichte er sein letztes Sub Pop Album. Benannt nach dem Soul-Klassiker I’ll Take Care of You nahm er sich Songs des Gun Club vor, von den Leaving Trains, Brook Bentons titelgebenden Song und mittendrin den Gospel On Jesus Program. Den hat der mit nur 41 Jahren gestorbene Southern-Soul-Tragöde O.V. Wright mit der Gospelgruppe Sunset Travelers aufgenommen. Eine feinspitzige Wahl und ein Kirchgang für Dark Mark. Es gibt ein QOTSA-Bootleg, auf dem er den Song a capella singt — da reißen ihm beinahe die Stimmbänder. Bei einem Auftritt im Flex auf der Bubblegum-Tour hat er es auch gespielt: Gänsehaut im Saal.

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Matt Boroff – Thirst

Der in Vorarlberg lebende US-Amerikaner Matt Boroff hat 2016 das Album Grand Delusion veröffentlicht. Mit Leuten wie Jack Irons (Pearl Jam) am Schlagzeug und Alain Johannes am Bass. Schwere Prominenz fürs Ländle. Und für das Geisterhaus-Stück Thirst hat sich Lanegan ins Zeug gelegt. Was man für einen Teller Kässpätzle nicht alles macht.

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Isobel Campbell & Mark Lanegan — Ramblin’ Man

Mit der Schottin hat er zwei Alben aufgenommen, die ein wenig mit dem Nancy-&-Lee-Schmäh kokettieren: The beauty and the beast. Beide zählen nicht zu seinen besten Arbeiten, waren und sind aber ziemlich populär. Ihre gemeinsame Version von Hank Williams Klassiker Ramblin' Man schlurft Cowboy-mäßig durch die Wüste — ein Highlight dieser Paarung.

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Mark Lanegan – Fire and Brimstone

Für das Prohibitionsdrama Lawless von Regisseur John Hillcoat haben Nick Cave und Warren Ellis 2012 die Musik verantwortet. Der Soundtrack eröffnet Lanegan mit einer angestochenen Coverversion von Link Wrays Weltnummer Fire and Brimstone. Der Redneck singt beim Schnapsbrennen um sein Leben — lange ist es gut gegangen, dann kam Covid und hat den Mann doch noch erwischt. Was bleibt, ist ein immenses Erbe, denn das hier ist natürlich nur die Spitze des Eisbergs. (Karl Fluch, 23.2.2022)

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