Der Preis für Rohöl ist erstmals seit 2014 auf mehr als 100 Dollar je Fass gestiegen.

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Die russische Invasion in der Ukraine samt Angriffen zu Boden und in der Luft hat zum befürchteten massiven Preisanstieg auf den internationalen Energiemärkten geführt. Der Preis für die in Europa maßgebliche Nordsees-Ölsorte Brent, die auch als Referenz für russisches Rohöl gilt, hat Donnerstagfrüh erstmals seit 2014 die Marke von 100 Dollar pro Fass (159 Liter) übersprungen, mit Ausreißern bis 104 Dollar. Das wird aber noch nicht das Ende der Fahnenstange sein.

Dabei flattert, bildlich gesprochen, auf der Stange nicht nur eine Flagge in Weiß-Blau-Rot, den Farben Russlands. Es ist ein Mix an Faktoren, der die Preise für Energie, Rohöl wie Gas, wohl für längere Zeit oben hält.

Rohöl

Russland ist mit einer Tagesproduktion von rund 11,5 Millionen Fass der drittgrößte Erdölproduzent der Welt nach den USA (rund 19,5 Millionen Fass) und Saudi-Arabien (knapp zwölf Millionen Fass). Österreich bezieht etwa zehn Prozent seines Rohölbedarfs aus Russland.

Während der Pandemie wurde die Produktion von Rohöl zurückgefahren. Die Reservekapazitäten sind bescheiden. Auch das treibt die Preise.
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Der Einmarsch Russlands in der Ukraine kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, sofern es überhaupt einen günstigen geben kann. Die globale Reservekapazität oder die Menge an zusätzlichem Öl, die innerhalb kürzester Zeit in den Verkauf gelangen kann, ist nach Berechnungen der US-Investmentbank JP Morgan auf 2,8 Millionen Fass am Tag gefallen. Das liegt fast um die Hälfte unter den fünf Millionen Fass pro Tag an sogenannter Reservekapazität, die historisch gesehen als guter Puffer zur Entschärfung von Preisspitzen in krisenhaften Zeiten gegolten haben.

Warum das so ist? Ein Grund ist die Pandemie, die uns seit zwei Jahren im Griff hat. Mit dem Ausbruch von Corona im Frühjahr 2020 haben die internationalen Ölkonzerne die Produktion drastisch zurückgefahren, sozusagen im Gleichschritt mit der stark gesunkenen Nachfrage infolge des Wirtschaftseinbruchs. Auch Investitionen in neue Förderstätten wurden großteils auf Eis gelegt. Für das Weltklima war das gut, für die Brieftaschen der meisten Bürger und Bürgerinnen ist es schon jetzt und in Zukunft wohl noch mehr eine Last. Die weltweite Nachfrage nach Rohöl wird heuer Experten zufolge auf mehr als 100 Millionen Fass steigen. Hohe Nachfrage bei weniger Zusatzproduktion und starken Zweifeln, wie es mit Russland weitergeht, bedeutet hohe Preise.

Gas

Bei Erdgas ist die Abhängigkeit des Westens von Russland noch weit ausgeprägter als bei Rohöl. Russland ist der mit Abstand wichtigste Erdgaslieferant für Europa, etwa 40 Prozent des in der EU verbrauchten Gases kommen aus russischen Pipelines. Österreich bezieht gar 80 Prozent seines Gasbedarfs aus dem Osten. Die Preise sind nach dem Einmarsch der Russen in der Ukraine etwa verzögert, aber doch stark gestiegen, sodass sich die vor kurzem von Dimitri Medwedew geäußerte Drohung gar nicht mehr so unrealistisch anhört. Russlands früher Präsident hatte über Twitter verbreitet, dass sich die Gaspreise nach dem vorzeitigen Aus für die umstrittene Ostseepipeline Nord Stream 2 auf 2000 Euro je 1000 Kubikmeter Gas verdoppeln könnte.

Die Gaslieferungen aus Russlands durch die Ukraine nach Österreich waren am Donnerstag nicht durch den Einmarsch russischer Truppen im Nachbarland beeinträchtigt.
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Zum Zeitpunkt seiner Aussage am Dienstag dieser Woche lag der Preis für Gas an der Amsterdamer Börse bei 830 Euro oder 79 Euro je Megawatt. Aktuell liegt der Preis schon bei 115 Euro oder rund 1215 Euro pro 1000 Kubikmeter. Dabei haben sich die Gaspreise bereits seit dem Sommer vervielfacht.

Nun mehren sich Stimmen, die auf eine Diversifizierung des Gasbezugs drängen. Zweitwichtigster Lieferant von Gas ist für Österreich Norwegen. Auch dieses Gas kommt über Pipelines nach Österreich, kostet dem Vernehmen nach aber einiges mehr als das Russengas. Dabei geht es um die in Langfristverträgen vereinbarten Liefermengen. Diese Preise sind um einiges tiefer, als die auf den Spotmärkten gehandelten Mengen an Gas kosten. Wirklich in die Karten schauen lässt sich niemand.

Diversifizieren ist aber leichter gesagt als getan. Eine oft genannte Option ist Flüssiggas (LNG), das per Schiff aus anderen Weltgegenden nach Europa geholt werden könnte. Insbesondere Frankreich und Spanien und teilweise Italien beziehen LNG auch in größerem Stil und haben in den vergangenen Jahren die entsprechende Infrastruktur aufgebaut, sprich in Entladeterminals investiert. Aber auch hier gilt: LNG ist in der Regel um einiges teurer als Pipelinegas, weil Zusatzkosten für die Verflüssigung des Gases und die anschließende Regasifizierung sowie den Schiffstransport anfallen. In Europa jedenfalls geht die Produktion seit Jahren zurück. Was die Situation in diesem Winter verschärft hat, sind die vergleichsweise schwach gefüllten Gasspeicher. Bei den Gaslieferungen aus Russland wurden am Donnerstag keine Beeinträchtigungen beobachtet.

Haushalte

Für alle, die mit Gas heizen oder damit kochen, bedeutet das zumindest preislich nichts Gutes. Viele Haushalte haben schon Post von ihrem Energieversorger und die Information erhalten, dass sich Gas, aber auch Strom verteuern.

Heizen mit Gas ist teuer und wird vermutlich noch längere Zeit teuer bleiben.
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Elektrische Energie ist deshalb stark vom Gaspreis beeinflusst, weil sie nicht nur in Wasserkraftwerken oder mittels Wind- und Solaranlagen erzeugt wird, sondern vor allem in den Wintermonaten mangels Alternativen in Gaskraftwerken. Die jüngsten Vorkommnisse rund um die Ukraine und das, was noch kommen könnte, deuten jedenfalls nicht auf eine Entspannung an der Preisfront hin.

Autofahrer

Schlechte Karten haben im Moment und wohl noch für längere Zeit Autofahrer und Autofahrerinnen. Die Preise für Benzin und Diesel, die in Österreich, und nicht nur hierzulande, bereits in der Vorwoche Rekordhöhen erreicht haben, sind weiter im Steigen begriffen.

Tanken geht jetzt schon schwer ins Geld und wird in den kommenden Tagen vermutlich noch teurer.
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Wer mit dem Elektroauto fährt, ist aber auch nicht aus dem Schneider. Wer nicht die Möglichkeit hat, die Autobatterie mit Strom vom eigenen Dach zu laden, muss dies an der Stromtankstelle tun, zu bereits gestiegenen und voraussichtlich noch weiter steigenden Preisen. (Günther Strobl, 24.2.2022)