Alexander Zverev schlägt in Acapulco wie wild auf den Schiedsrichterstuhl ein...

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Für Alexander Antonitsch ein No-Go: "Hallo? Wo sind wir denn?"

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Alexander Antonitsch hat auf dem Tennisplatz fast alles erlebt – unter anderem zwei knappe Niederlagen gegen John McEnroe. Der US-Amerikaner war der Bad Boy seiner Zeit, stets am Rande der Eskalation, er konnte fluchen wie kein anderer. "Als Schiedsrichter musste man aber keine Angst vor ihm haben", sagt Antonitsch im Gespräch mit dem STANDARD. Der Schiedsrichter sei, so der Kärntner Ex-Profi, tabu. Man könne mit ihm diskutieren, mit ihm streiten, ihn aber niemals bedrohen oder anrühren.

Alexander Zverev hat dieses Tabu gebrochen. Der Deutsche stürmte beim Turnier von Acapulco wild fluchend auf Schiedsrichter Alessandro Germani zu, um sein Racket immer wieder mit voller Wucht gegen den Hochstuhl des Italieners zu dreschen. Der Schiedsrichter zuckte mehrfach zurück. "Hallo? Geht’s noch? Wo sind wir denn?", fragt Antonitsch. Der 56-Jährige zeigt sich ob der Bilder aus Mexiko schockiert und spricht von einem No-Go: "Dafür gibt es keine Entschuldigung, das kann man nur verurteilen."

Natürlich hat es Zverev trotzdem mit einer Entschuldigung probiert. "Es ist schwer, in Worte zu fassen, wie sehr ich mein Verhalten während und nach dem gestrigen Doppel bereue", schrieb der 24-jährige Weltranglistendritte in den sozialen Medien, nachdem er von der ATP für das restliche Turnier disqualifiziert worden war: "Ich habe mich privat beim Stuhlschiedsrichter entschuldigt, weil mein Ausbruch ihm gegenüber falsch und inakzeptabel war, und ich bin nur von mir selbst enttäuscht."

Kritik von Kollegen

Mit ein paar netten Wörtern ist die Sache aber nicht vom Tisch. Der frühere Weltranglistenerste Andy Murray sah eine "gefährliche und rücksichtslose" Aktion. Der spanische Tennisgott Rafael Nadal sprach von einer "verdienten Strafe". Sponsor Adidas kündigte wiederum an, das Gespräch mit dem Hamburger suchen zu wollen: "Grundsätzlich distanzieren wir uns von respektlosem, unsportlichem Verhalten und erwarten von unseren Partner und Partnerinnen die gleiche Haltung."

Aber warum flippt einer, der gute Chancen hat, den Tennis-Thron zu erklimmen, der bereits mehr als 30 Millionen Dollar eingespielt hat, wegen einer verhältnismäßig unbedeutenden Doppelpartie derartig aus? Was ist da los? "Echte Spitzensportler hassen es zu verlieren", so Antonitsch. "Zverev ist ein Wettkämpfer. Wenn es eng wird, wenn es um die Wurscht geht, ist man im Tunnel, egal, ob jetzt Einzel oder Doppel, ob Wimbledon oder Acapulco."

Zverev hatte zuletzt Wert auf ein verbessertes Image gelegt. Die Zeiten, in denen der Olympiasieger regelmäßig seine Schläger zu Kleinholz verarbeitete oder er seinen Vater wüst beschimpfte, schienen der Vergangenheit anzugehören. Eine aufpolierte Außendarstellung könnte Zverev in der Tat nicht schaden, derzeit untersucht die ATP Vorwürfe häuslicher Gewalt gegen eine Ex-Freundin. In Summe gibt der deutsche Sportler des Jahres 2021 kein gutes Bild ab. Zur Tennisgröße, zum Vorbild reicht es noch lange nicht.

Aber wie wird die ATP weiter vorgehen? Ist es mit dem Ausschluss in Acapulco getan? Schwamm drüber und erledigt? "Da wird noch etwas kommen, da muss etwas kommen", sagt Antonitsch. "Sonst sind die Schiedsrichter Freiwild. Man muss ein Zeichen setzen. Dieser Vorfall war keine Kurzschlussreaktion. Er hatte Zeit zu überlegen, da war ein Handshake dazwischen. Nicht jeder ist so ein Musterschüler wie Rafael Nadal oder Dominic Thiem, ich war selbst ein Häferl. Aber das geht eindeutig zu weit."

Wenig Respekt

Haben die aufkommenden Stars keinen Respekt vor der Autorität am Schiedsrichterstuhl? Zuletzt war es der russische Weltranglistenzweite Daniil Medwedew, der bei den Australian Open unangenehm auffiel. Er musste wegen seines unartigen Benehmens im Halbfinale eine Strafe von 10.750 Euro bezahlen. Medwedew hatte wüste Schimpftiraden gegen den Schiedsrichter losgelassen. "Bist du dumm? Oh mein Gott, du bist so schlecht. Schau mich an, ich rede mit dir", brüllte Medwedew.

"Bei heiklen Charakteren muss man routinierte Schiedsrichter einsetzen", fordert Antonitsch, "und die müssen rechtzeitig eingreifen. Es darf nicht passieren, dass sich ein Schiedsrichter fürchten muss." (Philip Bauer, 24.2.2022)