Viele Menschen flüchten aus der ostukrainischen Stadt Charkiw, es kam zu langen Staus.

Foto: Reuters/Kacper Pempel

Kilometerlange Staus sind auf der Autobahn aus Kiew in Richtung Westen zu sehen. Jetzt, wo Wladimir Putin seinen Angriff auf die Ukraine gestartet hat, flüchten die Menschen, um sich in Sicherheit zu bringen. Wo genau wollen sie hin, und wie viele könnten es werden?

EU-Vizekommissionspräsident Margaritis Schinas sprach von bis zu einer Million Ukrainerinnen und Ukrainer, die in die EU flüchten könnten. US-Geheimdienste gehen von bis zu fünf Millionen Vertriebenen aus. Der deutsche Migrationsforscher Franck Düvell und seine ukrainische Kollegin Iryna Lapshyna erwarten im schlimmsten Fall acht Millionen.

"Vieles ist noch Spekulation, weil es davon abhängt, wie sich der Gewaltkonflikt weiterentwickelt", sagt Expertin Nadine Biehler von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). "Zunächst dürften viele Menschen versuchen, sich innerhalb der Ukraine in Sicherheit zu bringen. Dort werden sie humanitäre Hilfe brauchen." Auch OSZE-Generalsekretärin Helga Schmid sagte am Donnerstag, dass "eine humanitäre Krise entsteht".

Mehr Hilfe

Die Hilfsorganisationen reagierten rasch. Das Rote Kreuz wird die Aktivitäten in der Ukraine ausweiten. Die Caritas geht davon aus, dass zu den 1,5 Millionen Binnenvertriebenen und insgesamt 2,9 Millionen Menschen im Land jetzt noch viele weitere dazukommen würden. Deshalb hat sie 300.000 Euro aus Österreich an Soforthilfe zur Verfügung gestellt. Ärzte ohne Grenzen und Unicef kündigten die Fortsetzung ihrer Ukraine-Hilfe an.

Und wovon hängt nun ab, ob die Vertriebenen ins Ausland fliehen? "Viele werden eine Kosten-Nutzen-Rechnung machen: Wie lange könnten die Kämpfe noch andauern? Ist absehbar, dass ich vielleicht wieder zurück in mein Haus kann?", sagt Biehler. Für wahrscheinlich hält sie, dass zunächst eine Minderheit mit mehr Ressourcen ins Ausland fliehen könnte, schließlich sei dies teuer und anstrengend. "Ältere und arme Menschen müssen zurückbleiben."

Anlaufstellen an polnischer Grenze

So oder so, vor allem die umliegenden EU-Länder bereiten sich seit Wochen auf eine Fluchtbewegung vor. Polen gilt dabei als primäres Ziel, leben dort doch bereits bis zu zwei Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer. Am Donnerstag wurden an mehreren Grenzübergängen Anlaufstellen für Flüchtende errichtet. Von einem Ansturm auf die Grenze geht man aber nicht aus, eher von einer Fluchtbewegung über mehrere Monate hinweg.

Das EU-Land mit der längsten Grenze zur Ukraine hat Rumänien (rund 600 Kilometer). In allen grenznahen Bezirken wurden laut der Regierung bereits Aufnahmezentren und provisorische Unterkünfte aufgestellt. NGOs kritisieren aber, dass dies nicht einmal ansatzweise ausreichen werde. Die Slowakei hat einen Notfallplan in der Schublade, auch Ungarn verwies auf einen Aktionsplan.

Im Laufe des Donnerstags trafen bereits die ersten Flüchtlinge in Polen, Ungarn, Rumänien sowie in der ebenfalls angrenzenden Republik Moldau ein, es wurden Tausende gezählt. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sieht Europa gut vorbereitet und versprach den betroffenen Mitgliedsstaaten Unterstützung.

"Community-Effekt"

Dies könnte nicht nur den Nachbarländern gelten: Deutschland und Italien werden auch als mögliches Fluchtziel eingeschätzt, leben dort doch bereits geschätzt 280.000 bzw. 240.000 Menschen mit ukrainischen Wurzeln. "Community-Effekt" nennt man das, wenn Menschen dorthin flüchten, wo sie Verwandte oder Freunde haben. Zudem herrscht zwischen EU und Ukraine Visafreiheit: Ukrainische Staatsbürger können sich ohne Visum bis zu 90 Tage in EU-Ländern aufhalten.

In Österreich bereitet man sich laut dem Innenministerium sowohl darauf vor, Binnenflüchtlingen in der Ukraine und in den Nachbarstaaten des Landes zu helfen – als auch auf mögliche Ankünfte in Österreich. Letzteres wird als "Nachbarschaftshilfe in Österreich selbst" bezeichnet.

Die Vorbereitungsarbeiten dafür würden "mit betroffenen anderen Ressorts, den Bundesländern, Blaulichtorganisationen und der Asylagentur BBU" erfolgen, heißt es in einer schriftlichen Antwort auf Fragen des STANDARD. Die ukrainische Community in Österreich ist mit 12.700 Personen aber im Vergleich zu jenen in anderen europäischen Staaten klein. (Kim Son Hoang, Irene Brickner, 24.2.2022)