"Get up, You bum!", schrie "The Greatest" seinem Kontrahenten Sonny Liston zu, nachdem er ihn mit dem "Phantom Punch" k. o. geschlagen hatte. Um einen ähnlich unsichtbaren Schlag geht es auch in einem Prozess in Wien.

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Wien – Der zweite Weltmeisterschaftskampf von Muhammad Ali gegen Sonny Liston dauerte zwar nur kurz, ging aber dennoch in die Boxgeschichte ein. Wegen des "Phantom Punch", des Phantomschlags Alis in der ersten Runde, der seinen Gegner auf den Ringboden beförderte. Im Prozess gegen Herrn Deniz D., den Richterin Corinna Huber verhandelt, geht es ebenso um einen mysteriösen Schlag, der Frau R. am 26. Oktober vor dem Gürtellokal "Q" umgehauen haben soll.

Das Vorleben des 28-jährigen Angestellten ist nicht unbedingt das beste. Fünf Vorstrafen hat er bereits, dreimal musste er deshalb eine Haftstrafe verbüßen. Wie viele Schulden er hat, weiß er nicht genau, es seien aber "um einiges mehr als 10.000 Euro" – gesammelt habe er sie wegen Schwarzfahrens, verrät der Angeklagte Huber. Was er dagegen sicher weiß: Er hat ein Kind mit Frau V., was auch der Grund sei, warum er heute hier sitze.

Durch Hinterausgang zu Taxi

Denn am fraglichen Abend seien V., zwei ihrer Schwestern und zwei Freundinnen fort gewesen. Laut Anklage soll D. darüber verärgert gewesen sein, wollte die junge Mutter seines Kindes zur Rede stellen und sei deshalb zu dem Lokal gefahren. Der Türsteher ließ ihn nicht hinein, die Damengruppe entfernte sich über den Hinterausgang und hielt ein Taxi an. Da für die 19-jährige R. kein Platz mehr war, stieg sie wieder aus. Dann sei der Angeklagte angerannt gekommen, habe ihr mindestens einen Schlag ins Gesicht verpasst, sie an den Haaren wieder hochgezogen, minutenlang fest am Arm gepackt und weggezerrt, sagt die Staatsanwältin.

Stimmt nicht, sagt der ohne Verteidiger erschienene Österreicher. "Hätte ich Gewalt angewendet, würde man auch etwas sehen", argumentiert er. "Ich wollte wissen, wo MEIN Kind ist", begründet D., warum er mit V. sprechen wollte. Da die schon abfuhr, wollte er Frau R. dazu bringen, V. anzurufen, um diese Information zu erhalten. R. sei wie alle anderen betrunken gewesen, anstatt mit ihm zu reden, habe sie sich niedergesetzt. Da habe er sich unter ihrem Arm eingehakt, um sie hochzuziehen, danach sei er mit ihr spazieren gegangen, um die Lage zu besprechen. "Sicher, ich hatte am Anfang einen aggressiven Ton", gibt der Angeklagte zu, aber er habe R. weder an den Haaren gezogen noch ins Gesicht geschlagen, beteuert er aufgebracht.

Eifersucht und Schulden

Warum ihn die fünf Frauen mit ihren Aussagen bei der Polizei belastet haben, will die Richterin wissen. D. ortet unterschiedliche Motive: "R. ist in meine Freundin verliebt, eine Schwester meiner Freundin schuldet mir noch Geld wegen einer Stange Zigaretten für ihren Vater", führt er aus. Er geht davon aus, dass besonders die ältere Schwester ihn nicht leiden könne. "Sie machen eine Falschaussage, damit ich von der Bildfläche verschwinde. Und weil ich vorbestraft bin, wird mir niemand glauben", fürchtet er, dass der Plan erfolgreich umgesetzt wird. Sein Verhältnis zu R. und den anderen Beteiligten? "Ich kenne sie aus Floridsdorf. Aber jetzt will ich mit den ganzen Personen nichts mehr zu tun haben."

Zeugin R. wird als Erste vernommen, sie sagt aus, D. sei wortlos herangestürmt und habe ihr einen Faustschlag über das rechte Auge verpasst. "Er hat mir eine gegeben, dann lag ich auf dem Boden", fasst sie zusammen. Ob er sie an den Haaren gezogen habe, wisse sie nicht, das hätten ihr ihre Freundinnen, die die Szenerie vom Taxi aus beobachtet hätten, später erzählt. "Er hat mich kurz am Arm gehalten", weiß die 19-Jährige auch noch, "danach haben wir eigentlich eh ganz normal geredet." Und sich vor der alarmierten Polizei versteckt, wie R. schildert.

Strafprozess keine "Kinderkacke"

Eigentlich will sie mit der Sache aber nichts mehr zu tun haben. "Ich lebe noch, mir geht es gut", sagt sie, sowie: "Ich will nicht, dass er ins Gefängnis muss." Sie habe mittlerweile keinen Kontakt mehr zu den anderen Frauen und möchte ihr eigenes Leben führen. "Ich will diese Kinderkacke nicht mehr mitmachen", stellt sie fest und wird von Richterin Huber darauf hingewiesen, dass es für D. nicht um "Kinderkacke", sondern eine bis zu einjährige Haftstrafe geht.

V., die Freundin des Angeklagten, sagt, sie sei im Taxi auf dem Fahrersitz gesessen und habe gehört, wie ihre beiden Schwestern "Er schlagt sie! Er schlagt sie!" geschrien hätten. Allerdings seien ihre Schwestern kurzsichtig, die ältere habe minus 1,5 Dioptrien. Die zweite Schwester habe auch ein Video aufgenommen, darauf sei aber nichts zu sehen gewesen, habe es bei der Polizei geheißen.

Das Video hat die Schwester mittlerweile gelöscht, sie behauptet aber in ihrer Aussage, es bei der Exekutive überhaupt nicht präsentiert zu haben. "Wieso filmen Sie das überhaupt?", will die Richterin wissen. "Ich filme alles, weil ich auf Insta und Snapchat bin", erfährt man. Die Schwester schildert überhaupt einen gänzlich anderen Ablauf: Der Angeklagte sei dem Taxi hinterhergelaufen, dann sei R. ausgestiegen. "Als wir nach hinten schauten, haben wir gesehen, wie er sie an den Haaren hochgezogen und geschlagen hat", behauptet sie. Allerdings sei das Taxi da schon 20 Meter entfernt gewesen, andere Zeuginnen sprechen von einem bis zwei Metern. Verwirrenderweise will die Zeugin bereits zu filmen begonnen haben, als D. dem Taxi hinterherlief, genau den Schlag aber nicht aufgenommen haben.

"Wir sind alle kurzsichtig"

Die ältere Schwester ist die Nächste, und auch sie bietet eine neue Version. "R. ist ausgestiegen, D. ist ihr hinterhergelaufen und hat sie gepackt, dann waren es ein oder zwei Schläge", ist sie sich sicher. Auf Hubers Frage nach ihrer Sehkraft antwortet sie: "Wir sind alle kurzsichtig." – "Ich trage auch Kontaktlinsen, also aus ein paar Metern Entfernung sieht man schon ziemlich verschwommen, wenn man keine trägt, oder?", fragt die Richterin. "Ja, es war schon verschwommen", gibt die Zeugin lachend zu.

Auch die fünfte Frau erscheint und sorgt mit ihrer Aussage für eine Überraschung. "Ich habe nicht gesehen, wie er sie gehaut hat", erklärt sie. Als R. schon am Boden war, habe D. sie am Arm ergriffen und hochgezogen. "Bei der Polizei haben Sie gesagt, dass er sie an den Haaren hochgezogen hat?", ist die Richterin irritiert. "Das hat R. uns nachher erzählt." – "Die hat heute aber gesagt, ihre Freundinnen haben ihr das gesagt?" – "Ich habe gesagt, was mir erzählt wurde."

Als Huber der Zeugin vorhält, dass sie bei der Polizei auch geschildert habe, sie habe gesehen, wie R.s Kopf durch den Schlag nach hinten geschleudert wurde, sagt die 18-Jährige zur Verblüffung der Richterin: "Das kann nicht sein." – "Sie haben es aber unterschrieben, ich lüge Sie nicht an!", versichert Huber.

Schlussendlich gibt die junge Frau ihre tatsächliche Einschätzung ab: "Ich glaube nicht, dass er R. geschlagen hat. Ich glaube, sie hat das gesagt, weil sie wütend war." Auch V.s Schwestern hätten später einmal gesagt: "Vielleicht haben wir es falsch gesehen, und er hat sie gar nicht gehaut."

"Kleiner Bastard" und "Stück Dreck"

Am Ende lässt der Angeklagte die Richterin noch einen Chatverlauf lesen, in dem ihn die ältere Schwester V.s als "kleiner Bastard" bezeichnet und damit droht, dass er seinen Sohn nicht mehr sehen werde: "Dafür ist es zu spät, du Stück Dreck, er gehört uns. Unsere Familie ist größer geworden", schrieb sie.

Als Huber seinen nicht rechtskräftigen Freispruch verkündet, atmet D. hörbar erleichtert aus. "Ich habe Ihnen geglaubt, den Zeuginnen aber nicht", begründet die Richterin ihr Urteil. Sie ortet bei den Aussagen der Frauen "Widersprüche in Hülle und Fülle", sie könne auf keinen Fall mit der für ein Strafverfahren nötigen Sicherheit sagen, was passiert sei. (Michael Möseneder, 25.2.2022)