Eiskunstläuferin Olga Mikutina weiß nicht, wie es weitergeht. "Es ist einfach nur schrecklich", sagt sie. Einige Familienangehörige leben in Charkiw.

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Ein Herz für den Frieden.

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Olga Mikutina redet mit ruhiger Stimme. Innerlich ist sie geschockt, aufgewühlt. "Ich mache mir wahnsinnige Sorgen um meine Familie, meine Verwandten und Freunde. Es ist einfach nur schrecklich", sagt die 18-Jährige zum STANDARD. Mikutina ist Eiskunstläuferin, bei den Olympischen Spielen in Peking erreichte sie im Einzel Platz 14. Und sie ist gebürtige Ukrainerin. Ihre Heimatstadt ist Charkiw, eine der umkämpften Großstädte im Osten des Landes. "Mein Großvater und weitere Verwandte sind in ein kleines Dorf außerhalb der Stadt geflüchtet. Meine Familie versteckt sich dort in einem Bunker. Man hört Raketen detonieren, Alarmsirenen heulen dauernd auf. Freunde von mir suchen Schutz in den U-Bahn-Stationen von Charkiw."

Olga Mikutina lebt in Feldkirch. Vor sechs Jahren kam sie gemeinsam mit ihrer Mutter nach Vorarlberg, wo sie unter ihrer Trainerin Elena Romanowa zur besten Eiskunstläuferin Österreichs aufgestiegen ist. Im vergangenen Jahr wurde Mikutina bei der Weltmeisterschaft in Stockholm sensationell Achte. Die damals 17-Jährige sicherte Österreich damit das beste WM-Abschneiden seit 24 Jahren und einen Quotenplatz für Olympia 2022, womit auch ein Traum Mikutinas in Erfüllung gegangen ist.

Ständiger Kontakt

Vater Roman Mikutin organisiert Eishockeyturniere, ist Direktor einer Eishalle in Charkiw. Seine Tochter traf er nach den Olympischen Spielen am Flughafen in Wien, danach ging es auf Geschäftsreise. Eine Rückkehr in die Ukraine wäre für Mikutin für nächste Woche geplant gewesen. "Wir wissen nicht, ob die Eishalle noch steht. Wir sind in ständigem Kontakt mit unserer Familie, aber das Handynetz fällt immer wieder aus. Niemand kann rein oder raus aus dem Land", sagt Mikutina.

In Feldkirch besucht Mikutina das Gymnasium, nächstes Jahr will sie die Matura machen. Nach ihrer Kür bei den Winterspielen zeigte sie sich selbstkritisch: "Es gibt noch Elemente, an denen ich arbeiten muss. Vor allem bei den Sprüngen habe ich Fehler gemacht." Im März steigt die Eiskunstlauf-WM 2022 in Montpellier, ein großes Ziel für Mikutina."Ich hoffe dass ich bis dahin meinen Kopf freibekommen kann." Eine Flucht Richtung Westen ist für ihre Verwandten in Charkiw keine Option. Aus ihrer Heimatstadt werden schwere Kämpfe vermeldet. "Sie berichten von langen Autoschlangen vor den Tankstellen, Staus auf den Straßen, es gibt ja keinen Flugverkehr mehr. Über Land zu reisen ist es einfach zu unsicher. Derweil haben sie noch genug Essen im Keller vorrätig, und sie warten, bis es ruhiger wird."

Als Vierjährige stand Mikutina in der Ukraine zum ersten Mal auf Eis, schaute ihrem Vater oft beim Eishockeyspielen zu. Ihre Eltern haben sie dann zum Eiskunstlauf gebracht. Erste Titel folgten – und mit zwölf Jahren der Umzug nach Österreich. Vor zwei Jahren hat Mikutina die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten.

Ein Wahnsinn

Die Heim-EM 2020 in Graz misslang mit vier Stürzen in der Kür, auch weil Mikutina damals Fieber hatte. Im November des Vorjahres verpasste sie den Staatsmeistertitel, den gewann die Oberösterreicherin Stefanie Pesendorfer. Mit neuen Choreografien, schnellerem Schlittschuhtempo und mehr Beweglichkeit will Mikutina 2022 wieder ein Sprung nach vorne gelingen.

Ruhig schlafen kann Mikutina derzeit nicht. "Ich wünschte, es wäre Frieden. Krieg ist immer mit dem Töten und Sterben von Massen verbunden, und das ist ein Albtraum. Ich hoffe wirklich, dass baldmöglichst ein Weg gefunden wird, diesen Wahnsinn zu stoppen." (Florian Vetter, 28.2.2022)