Aufwachsen im Labor: Kann in Zukunft jeder mithilfe einer künstlichen Gebärmutter Kinder bekommen?

Foto: Science Photo Library / pictured

Die sogenannte Biobag sieht alles andere als appetitlich aus: Es ist ein transparenter Plastikbeutel, von dem eine Reihe von Schläuchen und Kabeln wegführt und in dessen Inneren ein rosafarbiger Lammfötus liegt. Er hat die Augen geschlossen, schwimmt in einer milchfarbigen Flüssigkeit und wird über die Nabelschnur und eine Maschine mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Vier Wochen ist das Lämmchen im Beutel, bis es herauskommt, die Augen öffnet und selbstständig atmet.

Was den Wissenschafterinnen und Wissenschaftern bei diesem Versuch in Philadelphia vor einigen Jahren gelungen ist: Sie entwickelten eine Maschine, die bis dato am ehesten einer künstlichen Gebärmutter gleichkommt. Gleichzeitig regte das erfolgreiche Experiment die Hoffnung an, eines Tages auch menschliche Babys in einer solchen künstlichen Gebärmutter außerhalb des menschlichen Körpers zu "züchten". Diese Technologie soll in Zukunft nicht nur Frauen die oftmals schmerzhafte und vor allem in Entwicklungsländern gefährliche Schwangerschaft ersparen, sondern es potenziell allen erlauben, einfacher und schneller Kinder zu haben. Aber wie realistisch ist die Technologie? Und welche Folgen hätte sie für die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und für unser Verständnis von Leben?

Mutterleib nachahmen

So beeindruckend die Maschine der Forschenden bei dem Versuch mit Lämmern bereits war, einer richtigen "Geburtenmaschine" entsprach sie noch nicht. Denn die Lämmer wuchsen die ersten 105 bis 120 Tage noch im Mutterleib auf, bis sie per Kaiserschnitt geboren und anschließend in der Biobag eingeschlossen wurden. Damit entsprach ihr Entwicklungsstand ungefähr dem von Frühchen im Alter von 23 bis 24 Wochen. Die Forschenden verbanden die Nabelschnur der Lämmer über Kanülen mit einer Maschine, die die Aufgaben der Plazenta übernahm und Sauerstoff und Kohlendioxid im Blut austauschte, und füllten den Beutel mit künstlich hergestelltem Fruchtwasser. Die Biobag sollte somit gänzlich die Bedingungen in einem Mutterleib nachahmen.

Bis zu vier Wochen lang konnten die Lämmer in der künstlichen Gebärmutter weiterversorgt und dann auf die Welt gebracht werden.
Foto: Childrens Hospital of Philadelphia via AP

Dass die Wissenschafterinnen und Wissenschafter das Experiment mit Schafen durchführten, ist kein Zufall: Die Trächtigkeit dauert bei Schafen sehr lange, zudem haben die Lammföten eine zumindest annährend ähnliche Größe wie menschliche Föten. Von einem direkten Versuch am Menschen ist man allerdings noch weit entfernt. Zu riskant ist das Vorhaben, zu wenig ist über potenzielle gesundheitliche Schäden bekannt. Auch die Entwicklung des Gehirns verlaufe beim Menschen anders, geben Experten zu bedenken.

Versorgung von Frühchen

Als einen Ersatz für die Schwangerschaft sehen die Forschenden die Technologie ohnehin noch nicht. Dafür aber als potenzielle Möglichkeit, Frühchen künftig besser am Leben zu erhalten. Denn im Moment haben Babys, die vor der 22. Schwangerschaftswoche geboren sind, keine Chance zu überleben. Und selbst in Ländern mit guter medizinischer Versorgung besteht nur eine 23-prozentige Chance, Neugeborene in der 23. Schwangerschaftswoche am Leben zu erhalten. Und auch wenn die Frühchen in dieser Phase überleben, tragen 87 Prozent von ihnen bleibende Schäden davon. In Industrieländern sind Frühgeburten deshalb die größte Ursache für den Tod oder gesundheitliche Schäden von Babys und Kindern unter fünf Jahren.

Schwangere Frauen, denen eine Frühgeburt bevorsteht, könnten ihr Baby eines Tages an eine künstliche Gebärmutter, eine Art Biobag, übergeben, in dem die Frühchen weiter heranwachsen können, sagen die Wissenschafter. Vor allem Babys, die zwischen der 23. und 25. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen sind, soll dadurch noch besser geholfen werden. Gleichzeitig sollen Eltern in der Lage sein, die Entwicklung ihres Babys in Echtzeit zu verfolgen, beispielsweise mithilfe von Ultraschall und Kameraaufnahmen. Die Forschenden rechnen damit, dass die Technologie bereits in den nächsten zehn Jahren zum Einsatz kommen könnte.

Züchten von Mäuse-Embryos

Auch in den Niederlanden arbeiten Wissenschafter seit einigen Jahren daran, eine künstliche Gebärmutter herzustellen. Erst kürzlich erhielten Forschende der Universität Eindhoven 2,9 Millionen Euro an Förderung für die weitere Entwicklung der Technologie. Ähnlich wie bei der Biobag soll diese zunächst dabei helfen, Frühchen länger am Leben zu erhalten. Dafür soll etwa deren Nabelschnur mit einer Maschine verbunden, und die Frühchen sollen in einem Fruchtwassersack eingeschlossen werden. Getestet wird die Technologie derzeit an einer mit einer Reihe von Sensoren ausgestatteten babyähnlichen Puppe. Bis 2024 soll es einen ersten Prototyp geben, ab 2030 könnte die Technologie dann auch in Krankenhäusern zum Einsatz kommen, sagen die Forschenden.

Wissenschaftern in Israel wiederum ist es im vergangenen Jahr gelungen, Mäuse-Embryos elf bis zwölf Tage in einer künstlichen Gebärmutter zu züchten – rund die Hälfte der natürlichen Trächtigkeitsdauer der Tiere. Die Embryos wurden innerhalb eines Glasgefäßes mit Sauerstoff versorgt und starben erst, als sie eine bestimmte Größe erreicht hatten. Laut den beteiligten Wissenschafterinnen könnten eines Tages auch menschliche Embryos innerhalb eines solchen Systems versorgt und bis zur fünften Woche nach der Empfängnis am Leben erhalten werden. Aus diesen Embryos könnte dann wiederum Gewebe für Forschungszwecke und möglicherweise auch für medizinische Behandlungen gewonnen werden, sagen die Forschenden. In vielen Ländern ist es derzeit allerdings noch verboten, menschliche Embryos länger als 14 Tage im Labor zu züchten.

Folgen für Abtreibung

Die Technologie bewegt sich also aus zwei Richtungen aufeinander zu: auf der einen Seite, indem Embryos immer mehr Wochen in einer künstlichen Gebärmutter überleben. Auf der anderen Seite, indem Frühchen immer besser versorgt werden können. Sobald sich beide Seiten treffen, wäre eine künstliche Gebärmutter laut den Entwicklern in der Lage, die komplette Schwangerschaft zu ersetzen.

Das wirft jedoch schon jetzt viele rechtliche und ethische Fragen auf, die etwa auch Auswirkungen auf Abtreibungen haben könnten. Föten wären durch die Technologie bereits weitaus früher in ihrer Entwicklung überlebensfähig. Dadurch könnte das Recht auf Abtreibung für Frauen in einigen Ländern darauf beschränkt werden, den Fötus aus dem eigenen Körper zu entfernen, aber nicht dessen Leben zu beenden, sagen Experten. Der Fötus würde dann in einer künstlichen Gebärmutter weiterleben und -wachsen.

Weniger Ungleichheit

Eine künstliche Gebärmutter würde wohl auch unser Verständnis von Muttersein und Geschlechterrollen verändern. Einige Feministinnen, wie etwa die kanadisch-US-amerikanische Aktivistin Shulamith Firestone, argumentierten etwa, dass die Technologie Frauen von der natürlichen Bürde der Reproduktion befreien würde. Denn die Schwangerschaft sei nach wie vor für einen Teil der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern verantwortlich, etwa was das Einkommen zwischen Männern und Frauen betrifft. Eine künstliche Gebärmutter würde es zudem auch männlichen und Transgender-Paaren, unfruchtbaren und älteren Frauen ermöglichen, Kinder zu bekommen.

Andere befürchten jedoch, dass Babys, die in einer künstlichen Gebärmutter aufwachsen, die natürliche Bindung zu ihrer Mutter und umgekehrt verlieren, die während der Schwangerschaft entsteht. Für viele Menschen widerspricht die Technologie auch schlicht der Vorstellung der "natürlichen" menschlichen Fortpflanzung.

Rechte eingeschränkt

Nicht zuletzt stellt sich die Frage, ob und wie die Technologie missbraucht und Rechte, insbesondere von Frauen, einschränken könnte. Beispielsweise könnte Frauen, die sich während der Schwangerschaft "unangemessen" verhalten, etwa indem sie Drogen konsumieren, der Fötus "entzogen" werden. Bei der Abtreibungsdebatte könnte das Recht auf Leben des Kindes über jenes der Selbstbestimmung von Frauen gestellt werden. Ist die Technologie künftig nur für einige wenige Menschen leistbar, könnte sie eine Kluft schaffen zwischen wohlhabenden Frauen, die zugunsten ihrer Karriere auf eine künstliche Gebärmutter setzen, und anderen, die mit den ökonomischen und gesellschaftlichen Konsequenzen einer natürlichen Schwangerschaft leben müssten.

Noch bleibt die Technologie äußerst komplex und teuer – und von realen Versuchen am Menschen wohl noch einige Jahre entfernt. Schon jetzt tun Forschende allerdings gut daran, Frauen und unterschiedliche Bevölkerungsgruppen in die Entwicklung einer künstlicher Gebärmutter einzubinden, sagen Expertinnen – und über die sozialen Konsequenzen der Technologie nachzudenken. Nur so könne am Ende auch tatsächlich der Nutzen der Technologie den potenziellen Schaden überwiegen. (Jakob Pallinger, 1.3.2022)