Den Verkehrsknotenpunkt Praterstern betritt man wegen der "heutigen Jugend" am besten nur mit einem Messer – sagt ein 15-jähriger Angeklagter.

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Wien – "Ich dachte, es wird wie im Film", sagt der 15-jährige D. an einer Stelle zum Schöffensenat unter Vorsitz von Daniela Zwangsleitner, warum er im vergangenen Herbst in fünf Wochen mehrere Raubüberfälle und eine Körperverletzung begangen hat. Mit "Film" meint er wohl "Musikvideos", klärt seine Bewährungshelferin später auf: "Er hat mir gesagt, er wollte das so machen wie in Musikvideos, um sich zu beweisen."

Begonnen hat die Serie am 4. September, damals war D. noch 14 Jahre alt: "Wir waren draußen und wollten halt etwas Geld", erklärt der unbescholtene Serbe. Gemeinsam mit einem Unmündigen ging der Angeklagte zu drei anderen Teenagern und fragte: "Habt ihr Geld mit?" Als die verneinten, konterte D. mit "Wieso lügt ihr mich an?" und forderte seinen Begleiter auf, ein Messer zu ziehen. "Darauf sind sie zu einem älteren Herrn gegangen", erklärt D., warum die Tat scheiterte.

Angst vor "heutiger Jugend"

Am Praterstern war er erfolgreicher, da hatte er selbst ein Klappmesser dabei. "Warum haben Sie ein Messer mit, mit 14 Jahren?", will Vorsitzende Zwangsleitner wissen. "Weil ich zum Praterstern musste. Zur Verteidigung. Die heutige Jugend dort ist schlimmer als ich", begründet der Angeklagte, der derzeit von seiner Schule suspendiert ist.

Auch in Wien-Währing war D. aktiv, seinen Mittäter will er vor Gericht nicht verraten. Dort wurden die Opfer im Bus ausgespäht und verfolgt, wieder waren sie in deutlicher Überzahl. "Was denkt man sich? Wie kommt man darauf?", versucht Zwangsleitner zu ergründen. Es sei ihm ums Geld gegangen, erzählt D. ihr. Am Folgetag beging er dort wieder einen Raub, diesmal lautete das Verhältnis eins zu neun, dafür war der Angeklagte nicht nur mit seinem Messer bewaffnet, sondern auch mit einer Sturmhaube getarnt.

Angriff von hinten

Damals wurde er auch erwischt und kam kurz in Haft. "Das war nicht sehr schön", erinnert D. sich. "Und was war mit Milan? Das war auch nicht schön!", leitet die Vorsitzende zum Anklagepunkt der Körperverletzung über. "Weil er mich angemacht hat", liefert der Angeklagte als Motiv, warum er das Opfer bei einer U-Bahn-Station von hinten attackierte, schlug und trat, selbst nachdem eine Passantin dazwischengegangen war.

"Hat es Anfang Oktober irgendetwas gegeben? Was Familiäres?", interessiert Zwangsleitner. "Ich wollte nur Geld", lautet zunächst die simple Antwort. Groß war die Beute übrigens nicht: knapp 200 Euro, ein Feuerzeug und zwei Paare kabelloser Kopfhörer. "Bei der Körperverletzung ist es aber nichts ums Geld gegangen", merkt die Vorsitzende an. "Da wollte ich mich beweisen."

20 Euro Taschengeld im Monat

Verteidiger Peter Philipp sieht sehr wohl auch einen Zusammenhang mit der familiären Situation: D.s Mutter lebe in Serbien, der Vater sei irgendein Hilfsarbeiter, der Angeklagte bekomme 20 Euro Taschengeld im Monat. Für über eine halbe Stunde ist Philipp im Saal auch der gesetzliche Vertreter des 15-Jährigen: Sein Vater habe vergessen, einen PCR-Test zu machen, daher verspäte er sich, verrät der Teenager. Als der Vater dann kommt, wird dieser zweimal ermahnt, da er schwätzt beziehungsweise sich ungefragt in das Verfahren einmischt.

"Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?", möchte Zwangsleitner etwas zu den Plänen des Jugendlichen erfahren. "Ich stelle mir vor, dass ich den Hauptschulabschluss mache, dann eine gute Lehre, eine eigene Wohnung bekomme und eine Familie", denkt D. schon recht weit voraus. Dabei könnte schon der Schulabschluss eine Herausforderung werden: Nicht nur derzeit, bereits im Jänner war er suspendiert. "Warum?", will Zwangsleitner wissen. Zum Unglauben einer Schöffin behauptet der Angeklagte, es sei wegen Gesprächen während des Unterrichts und Dazwischenredens gewesen. "Kann es nicht auch sein, dass Sie frech zu den Lehrern gewesen sind?", mutmaßt Staatsanwältin Petra Frey. D. gibt das zu.

Anklägerin sieht "freches Früchtchen"

Frey hält in ihrem Schlussplädoyer fest, dass sie den Angeklagten für ein "freches Früchtchen" hält und stellt auch klar, dass es sich um "kein Kavaliersdelikt" handle – bei einem Raub unter Verwendung einer Waffe drohen auch einem Minderjährigen bis zu siebeneinhalb Jahre Haft. Verteidiger Philipp meint, dass das Geld und das Imponiergehabe zu gleichen Teilen das Motiv liefern. Und er ist optimistisch: "Ich glaube, er wird sein Leben ändern."

Der Senat versucht das nach kurzer Beratung mit seinem Urteil sicherzustellen: D. erhält 21 Monate Haft, drei davon sind unbedingt. "Der unbedingte Teil kann aber vom Gesetz her ausgesetzt werden, solange Sie eine Ausbildung machen – und nach deren Absolvierung in eine bedingte Strafe umgewandelt werden. Haben Sie das Urteil verstanden?", fragt Zwangsleitner den Angeklagten. "Nein", antwortet Verteidiger Philipp eine Viertelsekunde vor seinem Mandanten, der die Frage ebenso verneint. "Wenn du brav die Schule und die Lehre machst, gehst du keinen Tag sitzen", übersetzt Philipp das Juristendeutsch in verständliche Sprache.

D. und sein Vater registrieren das erleichtert und akzeptieren die Entscheidung, ebenso Anklägerin Frey, das Urteil ist daher rechtskräftig. "Es liegt ganz allein an Ihnen, ob Sie ins Gefängnis müssen!", gibt Zwangsleitner dem 15-Jährigen noch mit auf den Weg. (Michael Möseneder, 28.2.2022)