Es war kein beispielloser, aber ein sehr ungewöhnlicher Schritt, für den sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Sonntag entschied. Mangels direkten militärischen Eingreifens anderer Armeen bat Selenskyj Freiwillige in aller Welt, sich den Kämpfen der ukrainischen Armee gegen den russischen Aggressor anzuschließen und der neuen Internationalen Legion zur territorialen Verteidigung der Ukraine beizutreten. Nun kommt tatsächlich Bewegung in die Sache.

Auch der ukrainische Außenminister rief Freiwillige auf, sich der ukrainischen Armee anzuschließen.

Es handle sich um den Beginn eines Krieges gegen Europa, europäische Strukturen, Demokratie, Menschenrechte. Er richte sich zudem gegen eine globale Weltordnung des Rechts, basierend auf Gesetzen und friedlicher Koexistenz, hieß es in dem Statement. Freiwillige, bevorzugt mit militärischer Erfahrung, sollten sich beim Militärattaché der jeweiligen ukrainischen Botschaft melden, wo nach einem Gespräch über Eignung und Motivation die Formalitäten geklärt würden.

Unterschrieben werde der begrenzte Vertrag dann nach der Ankunft in der Ukraine. Die ukrainische Botschaft in Österreich war heute für den STANDARD nicht erreichbar, der nachfragen wollte, ob sich auch Österreicher bereits gemeldet haben. Ein 2016 unterzeichnetes Dekret – das seinerseits eine Reaktion auf die Konflikte im Donbass sowie auf der Krim war – erlaubt die Eingliederung Freiwilliger jedenfalls in die ukrainische Armee. In Israel, wo viele Personen mit ukrainischen Wurzeln leben, soll die ukrainische Botschaft gar aktiv für den Kampf gegen Russland werben.

Freischeine und Bedenken

Die Vize-Verteidigungsministerin des Landes, Hanna Malyar, sprach im "Kyiv Independent" bereits von tausenden Anträgen – eine Zahl, die eher der tobenden Propagandaschlacht geschuldet ist als verifizierbaren Infos. Tatsächlich aber mehren sich Berichte über Veteranen und Ex-Angehörige von Spezialeinheiten samt Nato-Training aus westlichen Ländern, die in die Ukraine aufbrechen wollen, besonders viele etwa auch aus baltischen Staaten und aus Georgien – meist jeweils im ein- bis zweistelligen Bereich.

Ein georgischer Legionär bei der Militär-Ausbildung von Zivilisten.
Foto: AP/Efrem Lukatsky

Die Außenministerinnen von Großbritannien und Kanada befürworteten die Vorhaben dezidiert. "Ich werde sie unterstützen", sagte die britische Foreign Secretary Liz Truss über britische Kämpfende, die sich auf den Weg machen. Lettlands Parlament verabschiedete gar einstimmig ein Gesetz über Straffreiheit für Personen, die für die Ukraine in den Krieg ziehen. Die Niederlande und Dänemark sehen zumindest keinen Grund, warum ein Einsatz illegal sein sollte, während Australien seine Landsleute ob der rechtlich unklaren Situation vor Kampfhandlungen in der Ukraine warnte – auch weil man nicht wolle, dass diese als "Kanonenfutter für die Russen" enden. Litauen betonte, dass sich Staatsangehörige eine Erlaubnis einholen sollen, um nicht Gefahr zu laufen, die Staatsbürgerschaft zu verlieren.

Bisher keine Österreicher bekannt

Vonseiten des Österreichischen Innenministerium heißt es auf STANDARD-Anfrage, dass bekannt sei, dass "innerhalb gewisser Communitys darüber diskutiert wird, sich ukrainischen oder russischen Truppen anzuschließen". Die Direktion für Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) beobachte die Szene deshalb sehr genau. Konkrete Erkenntnisse, dass Personen bereits auf der einen oder anderen Seite an Kämpfen teilnehmen, würden derzeit aber nicht vorliegen.

Österreichischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern, die im Ausland an Kampfhandlungen teilnehmen, drohe der Verlust beziehungsweise die Entziehung der Staatsbürgerschaft, heißt es vom BMI. Die Entziehung kann allerdings problematisch sein, wenn keine Doppelstaatsbürgerschaft vorhanden ist und Menschen dadurch de facto staatenlos gemacht werden würden. Für in Österreich schutzberechtigte Personen würde die "Teilnahme an einem kriegerischen Konflikt einen Aberkennungsgrund darstellen", heißt es aus dem Innenministerium.

In sozialen Medien verkünden indes zahlreiche Männer ihre Bereitschaft, aufseiten der Ukraine zu kämpfen. Vom syrisch-ukrainischen Businessmann über russlandfeindliche syrische Rebellen und militante Muslime von der Krim bis hin zum Bundeszentralrat der Schwarzen in Deutschland. Auch einschlägig rechtsextreme bis neonazistische Gruppen innerhalb der Ukraine wollen sich dem Kampf gegen Russland anschließen.

Meldungen, wonach die französische Fremdenlegion Kämpfer für den Einsatz in der Ukraine freistelle, stellten sich indes als unwahr heraus. Auf Twitter bekräftigte die französische Armee, dass Truppen der Fremdenlegion einzig und allein in den Dienste Frankreichs stehen.

Auch Russland sammelt Unterstützung

Doch auch auf der Gegenseite wird rekrutiert. Neben Truppen des tschetschenischen Despoten Ramsan Kadyrow – Zehntausende seien laut ihm kampfbereit – sollen schwer verifizierbaren Meldungen zufolge auch bereits Truppen der für ihre Brutalität berüchtigten russischen Söldnermiliz Gruppe Wagner im Land sein – die vom einschlägig naziaffinen russischen Gründer Dmitri Utkin nach Hitlers Lieblingskomponisten Richard Wagner benannt wurde. 2016 wurde Utkin im Kreml von Putin der russische Tapferkeitsorden für seine Verdienste um die Miliz verliehen.

Ableger der Privatmiliz, wie die "Task Force Rusich", sollen sich bereits in der ukrainischen Stadt Charkiw im Nordosten aufhalten. Auch das US-Verteidigungsministerium ist angeblich im Besitz von Hinweisen auf eine Präsenz der wegen zahlreicher Menschenrechtsverletzungen mit EU- und US-Sanktionen belegten Truppe.

Eine offizielle Bestätigung von Russland des Einsatzes der Wagner-Männer wird es schon deshalb nicht geben, weil solche Private Military Contractors (PMC) nach Artikel 359 des russischen Strafgesetzbuches verboten sind, wie der Russland-Experte Gerhard Mangott kürzlich in Interviews erklärte.

Moralbooster

Rein aus militärtaktischer Sicht werden einzelne Soldaten freilich nicht große Unterschiede machen, glaubt der Militärstratege Franz-Stefan Gady. "Ganze Verbände sind da schon problematischer", sagt er, doch auch hier gelte es, die Einheiten im Detail anzuschauen. Internationale Legionäre zu integrieren sei aus mehrerlei Gründen jedenfalls schwierig. "Die Einsatztaktik gehört abgestimmt, die Logistik koordiniert sowie Befehlsschemen aktkodiert", so der Experte. Dazu kämen oftmals Sprachprobleme. Auch wenn sich einzelne Einheiten im Gefecht sicher gut schlagen können, gehe es auf ukrainischer Seite laut Gady – wie bei den internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg damals auch – vor allem um eine moralische Stärkung der ukrainischen Kampfkraft. (Fabian Sommavilla, 1.3.2022)