World Monuments Watch ist ein Projekt des World Monuments Fund, einer gemeinnützigen Organisation, die auf bedrohte historische und kulturelle Stätten in der ganzen Welt aufmerksam macht. Alle zwei Jahre nimmt der Fund neue Stätten in seine Beobachtungsliste auf, um die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken und Mittel für den weiteren Schutz der Stätten zu sammeln.

2022 sind es weltweit 25 Kulturerbestätten von "außerordentlicher Bedeutung", die mit unterschiedlichsten Herausforderungen konfrontiert sind. Dazu zählen neben dem Klimawandel und Krisen etwa bewaffnete Konflikte oder Naturkatastrophen, zu viel oder zu wenig Tourismus und eine gewisse Unterrepräsentation in der öffentlichen Wahrnehmung.

Aufmerksamkeit

Bis heute hat die Organisation nach eigenen Angaben mehr als 110 Millionen Dollar direkt für Projekte an über 300 Stätten bereitgestellt. Laut World Monuments Fund (WMF) würden die Stätten auch einen erheblichen wirtschaftlichen Nutzen aus der erhöhten Sichtbarkeit ziehen, die mit einem Platz auf der Beobachtungsliste einhergeht, wie auf CNN nachzulesen ist.

Dort ist auch ein Statement von Bénédicte de Montlaur, Präsidentin und CEO des WMF, zu lesen: "Wir fordern die Welt auf, sich an die Seite der Gemeinschaften zu stellen und diese Orte von außerordentlicher kultureller Bedeutung zu retten. Kulturerbestätten sind eine unglaubliche Ressource für die Bewältigung größerer gesellschaftlicher Probleme sowie lokaler Bedürfnisse nach Anerkennung, Zugang, Teilhabe und wirtschaftlichen Möglichkeiten."

Das sind die 25 Kulturerbestätten, die auf der diesjährigen Watchlist stehen. Der World Monuments Fund erklärt auch warum.

Kinchela Aboriginal Boys Training Home, Kinchela, Australien

Unter der Leitung von Überlebenden soll eine ehemalige staatliche Einrichtung für Aborigines-Buben, die ihren Familien gewaltsam entrissen worden sind, in einen "Ort der Wahrheitsfindung und Heilung" umgewandelt werden.

La Maison du Peuple, Ouagadougou, Ouagadougou, Burkina Faso

"Ein wichtiges Wahrzeichen und einzigartiges Beispiel des afrikanischen Modernismus in Burkina Faso muss saniert werden, um das öffentliche Leben zu verbessern und den Stolz der Bürger zu fördern", unterstreicht der World Monuments Fund die Bedeutung dieser Stätte.

Die historische Moscheenstadt Bagerhat, früher Khalifatabad, gehört seit 1985 zum Weltkulturerbe der Unesco.
Foto: Getty Images/iStockphoto

Historische Moscheenstadt Bagerhat, Bagerhat, Bangladesch

Bangladesch gehört zu jenen Ländern, die zwar kaum zum Klimawandel beitragen, aber besonders darunter leiden. So auch die historische Moscheenstadt von Bagerhat, früher Khalifatabad, deren Umgebung an den Klimawandel angepasst werden muss, damit sie erhalten bleibt.

Staatspark Monte Alegre, Brasilien

Prähistorische Höhlenmalereien im Amazonasgebiet sind durch Umweltzerstörung bedroht und erfordern eine bessere Verwaltung, die die umliegenden Gemeinden einbezieht und ihnen zugutekommt.

Befestigte Herrenhäuser von Yongtai, Fujian, China

Diese befestigten Familiensitze im abgelegenen Südosten Chinas bieten eine Chance für die Wiederbelebung des vom sozialen Wandel besonders betroffenen ländlichen Raums. Dazu gehören ein von der Gemeinde geführtes Umweltmanagement und nachhaltiger Tourismus.

Die Ruinen von Lamanai.
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Maya-Ruinen von Lamanai, Belize

Wie viele andere Länder in Mittelamerika und der Karibik ist Belize stark vom internationalen Tourismus abhängig. Die Einnahmen aus dem Tourismus, insbesondere aus dem Kreuzfahrttourismus, finanzieren die Verwaltung und den Unterhalt von archäologischen Stätten wie Lamanai, bringen den angrenzenden Gemeinden aber nur minimale Vorteile. Das derzeitige Tourismusmodell schränkt das Engagement und den Nutzen für die Gemeinden ein, indem es den Zugang limitiert und die Anwohner ausschließt. Gefordert wird daher ein umfassenderer Plan zur Verwaltung des Kulturerbes, um die Beziehung zwischen der Stätte und den Einheimischen zu stärken.

Abydos.
Foto: APA/AFP/KHALED DESOUKI

Abydos, Ägypten

World Monuments Watch 2022 macht auf die Herausforderungen aufmerksam, mit denen Abydos, eine der wichtigsten Stätten des alten Ägypten, konfrontiert ist. Durch die Zusammenarbeit mit lokalen Interessenvertretern und die Einbeziehung der umliegenden Gemeinden in die Erhaltung der Stätte, die Verwaltung und die Tourismusplanung will der World Monuments Fund dazu beitragen, ein Modell für die nachhaltige Erhaltung von Abydos zu schaffen, das den Schutz der Stätte verbessert und gleichzeitig Möglichkeiten für besser gesteuerte Besuche schafft.

Hurst Castle.
Foto: Getty Images/iStockphoto

Hurst Castle, Lymington, UK

Eine von Heinrich VIII. erbaute Festung, die im Jahr 2021 teilweise eingestürzt ist, zeigt, "wie dringend notwendig es ist, die Auswirkungen des Klimawandels auf das Kulturerbe an der Küste durch kontinuierliche Überwachung zu berücksichtigen".

Traditionelle Asante-Gebäude, in der Nähe von Kumasi, Ashanti-Region, Ghana

Heilige Lehmschreine, die zu den letzten architektonischen Überbleibseln des Königreichs Asante gehören, sind von einem fortschreitenden Verfall bedroht, der neue Ansätze für Management und Instandhaltung erfordert.

Die Sumbanesen leben unter anderem von der Fischerei.
Foto: REUTERS/Willy Kurniawan

Insel Sumba, Indonesien

Die heiligen Häuser der Sumbanesen werden ohne eine von der Gemeinschaft geleitete Ausbildung im traditionellen Wissen, das für die Erhaltung dieser Strukturen und ihrer vielschichtigen symbolischen Bedeutung erforderlich ist, verloren gehen.

Tiretta-Basar, Kolkata, Indien

Obwohl Tiretta die älteste Chinatown Indiens ist, ist die Gemeinschaft marginalisiert und ihr Erbe gefährdet. Infolge der Industrialisierung und der sich immer weiter ausdehnenden globalen Lieferketten, die die lokale Produktion unhaltbar machen, haben Ad-hoc-Frühstücksmärkte für Kolkatas Pendler das Viertel übernommen. Das Viertel leidet unter einem Mangel an Anerkennung und grundlegenden Dienstleistungen wie einer zuverlässigen Müllabfuhr. Die angrenzende Bebauung dringt in das historische Viertel ein und bedroht seine Existenz, während eine schrumpfende und alternde Gemeinschaft die lokale Tradition aufrechterhalten muss.

Häuser der Bunong in Kambodscha.
Foto: Getty Images/iStockphoto

Kulturlandschaft des Bunong-Volkes, Provinz Mondulkiri, Kambodscha

Die Kartierung und Dokumentation von Kulturerbestätten soll den Kampf des Bunong-Volkes zum Schutz des Landes seiner Vorfahren vor agroindustrieller Entwicklung und Übergriffen unterstützen.

Baudenkmäler in Beirut, Libanon

Die pulsierende Küstenstadt Beirut, die durch die Explosion im August 2020 verwüstet wurde, benötigt weitere Unterstützung beim Wiederaufbau, um die für ihre Identität wichtigen historischen Gebäude zu schützen und zu sanieren.

Historisches Stadtzentrum von Bengasi, Bengasi, Libyen

Die Wiederbelebung eines wichtigen öffentlichen Platzes im kriegszerstörten Bengasi soll als Katalysator für den Wiederaufbau und als Symbol für die Widerstandsfähigkeit der Stadt dienen.

Koagannu-Moscheen und -Friedhof, Malediven

Ein historischer Friedhof am Wasser mit ausgeprägter Korallensteinarchitektur ist durch den raschen Anstieg des Meeresspiegels bedroht und verdeutlicht die Dringlichkeit der Klimakrise und die Notwendigkeit anpassungsfähiger Erhaltungslösungen.

Teotihuacán.
Foto: AP/Rebecca Blackwell

Teotihuacán, San Juan Teotihuacán, Mexiko

Obwohl der archäologische Park von Teotihuacán in Mexiko ein beliebtes Ausflugsziel ist, hat der World Monuments Fund die Stätte in seine Liste für 2022 aufgenommen, um zu verdeutlichen, dass die Popularität von Teotihuacán nicht unbedingt bedeutet, dass die Anwohner wirtschaftliche Vorteile daraus ziehen. Eine integrativere Tourismusplanung und Besucherverwaltung soll dazu beitragen, die wirtschaftlichen Herausforderungen der umliegenden Gemeinden zu bewältigen.

Hitis im Kathmandu-Tal, Nepal

Das umfangreiche System historischer Wasserverteilungsstellen und unterirdischer Kanäle soll instand gehalten werden, um sicherzustellen, dass die örtlichen Gemeinden zuverlässig Zugang zu sauberem Wasser haben.

Das Grabmal wurde für Jahangir errichtet, der dieses Mogulreich in Pakistan von 1605 bis 1627 regierte.
Foto: imago/Pacific Press Agency

Mausoleum von Jahangir, Lahore, Pakistan

Das einzige kaiserliche Mogulgrab in Pakistan muss restauriert werden, um neue Besucher anzulocken und einen Grünraum für die Erholung der Bevölkerung in einem wachsenden städtischen Umfeld zu schaffen.

Yanacancha-Huaquis-Kulturlandschaft, Bezirk Miraflores, Peru

Alte Wassermanagementsysteme aus der Prä-Inka-Zeit und eine nachhaltige Tourismusplanung sind für die Andengemeinschaft von entscheidender Bedeutung, um sich an den Klimawandel anzupassen und einen lokalen wirtschaftlichen Nutzen zu erzielen.

Triptychon "Lá vem a Nau Catrineta", Lissabon, Portugal

Die Wandmalereien des afroportugiesischen Künstlers José de Almada Negreiros aus der Mitte des letzten Jahrhunderts müssen erhalten werden, um "als Katalysator für die Wiederbelebung des Hafens von Alcântara zu dienen".

Synagoge in der Fabrikstadt und jüdisches Erbe von Timișoara (Temeswar), Rumänien

Die kulturelle Kartierung und Restaurierung einer großen Synagoge soll das jüdische Erbe in Westrumänien wieder sichtbar machen und den sozialen Zusammenhalt vor Ort fördern.

Nuri, Sudan

Die durch Umwelteinflüsse bedrohten Pyramiden des antiken Königreichs von Kusch erfordern neue Bewirtschaftungsstrategien und Erhaltungsmaßnahmen, um einen weiteren Verfall zu verhindern.

Von ehemaligen Sklaven gegründet: Africatown im Süden der USA.
Foto: AP/Julie Bennett

Africatown, Mobile, Alabama, Vereinigte Staaten

Africatown ist eine historische Gemeinde in Alabama, die von ehemals versklavten Afrikanern gegründet wurde. 2019 wurde die Clotilda entdeckt, ein Schoner, der 110 Afrikaner in den tiefen Süden der USA transportierte und 1860 sank. Heute leben noch etwa 100 Nachkommen der Überlebenden der Clotilda in Africatown. Angesichts neuer archäologischer Entdeckungen und der immer weiter voranschreitenden industriellen Erschließung ist die Zukunft von Africatown ungewiss. Die Aufmerksamkeit, die die öffentlichkeitswirksame Suche und Bergung des Schiffs, das seit seinem Untergang im Jahr 1860 an derselben Stelle verblieben war, auf sich gezogen hat, hat neue wirtschaftliche Möglichkeiten mit sich gebracht, die von der Gemeinschaft der Nachfahren genutzt werden. Nun gilt es, die Neugier der Besucher mit dem dauerhaften Nutzen für die Gemeinschaft in Einklang zu bringen und dafür zu sorgen, dass dieser wichtige Teil der amerikanischen Geschichte weiterhin von den Nachfahren selbst erzählt wird, meint man beim World Monuments Fund.

Garcia-Weide, Brownsville, Texas, Vereinigte Staaten

Das traditionelle Territorium des Carrizo Comecrudo Tribe of Texas, das durch den Abbau natürlicher Ressourcen und die Entweihung des Landes seiner Vorfahren bedroht ist, benötigt eine formale rechtliche Anerkennung, um seine Zukunft zu sichern, heißt es vonseiten des World Monuments Funds.

Soqotra-Archipel, Jemen

Das Volk der Soqotra möchte seine Identität durch eine kulturelle Kartierung und eine Bestandsaufnahme seines reichen Erbes auf der Insel Soqotra schützen und fördern. Der World Monuments Fund will dabei helfen. (red, 4.3.2022)

Weitere Informationen und Details zu den hier genannten Kulturstätten unter World Monuments Fund.