Der Schutzsarkophag in Tschernobyl umfasst den Katastrophenreaktor von 1986. Derzeit gehe vom Gelände keine Gefahr aus, obwohl die Stromzufuhr beeinträchtigt ist.
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Nachdem offenbar die Stromversorgung des ehemaligen Atomkraftwerks Tschernobyl beeinträchtigt ist, wächst bei manchen nun die Sorge: Könnte die Stätte des größten nuklearen Unfalls wieder zu einer massiven Sicherheitsgefahr werden?

Der Physiker Ingomar Gutmann versucht auf Twitter, Ängste einzudämmen. Die "jüngsten" Brennstäbe in Tschernobyl sind bereits 21 Jahre alt, im Jahr 2000 wurde der letzte Reaktor abgeschaltet. Gutmann schreibt, die Brennstäbe müssen nicht mehr aktiv gekühlt werden. Die instabilen und radioaktiven Atome, sogenannte Radionuklide, seien kurzlebig – deshalb nimmt die Wärme, die sie freisetzen, exponentiell ab. Sie müssen also nicht so stark wie zu Beginn gekühlt werden – sollte die Kühlung ausfallen, stellt dies also keinesfalls eine Katastrophe dar.

Aktuell gibt es keine Hinweise darauf, dass aus dem Reaktor erhöhte Strahlung austritt, betont die Strahlenschutzabteilung des Klimaschutzministeriums: "Für Österreich besteht keine Gefahr und es sind keine weiteren Veranlassungen in Österreich erforderlich."

"Keine kritischen Auswirkungen auf Sicherheit"

Nach derzeitigen Informationen kam es am Mittwochvormittag zur Notabschaltung einer Freileitung, die auch das AKW Tschernobyl mit Strom versorgt. Die Informationen stammen von der ukrainischen Aufsichtsbehörde, die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) bestätigte sie bereits. Dies sei zwar ein Verstoß gegen einen zentralen Sicherheitspfeiler, da ununterbrochene Stromversorgung gewährleistet sein muss. Die IAEA sehe allerdings "keine kritischen Auswirkungen auf die Sicherheit".

Durch die beeinträchtigte Stromversorgung ist prinzipiell nicht gesichert, wie lange der verbrauchte Kernbrennstoff im Zwischenlager noch gekühlt und der Schutzsarkophag "New Safe Confinement" (NSC) belüftet werden kann. Es gebe aber auch Dieselgeneratoren, die für sicherheitskritische Systeme Notstrom liefern. Diese sollten für 48 Stunden Energie liefern. Ob zusätzlicher Treibstoff während der aktuellen russischen Kontrolle noch verfügbar sein wird, ist unklar, sagt der aus Österreich stammende Radioökologe Georg Steinhauser von der Universität Hannover.

Doch selbst beim Ausfall der Systeme sei die Lage in Tschernobyl in Sachen Radioaktivität längst nicht kritisch: "Der Katastrophenreaktor von 1986 ist das geringste Problem, er wird nicht aktiv gekühlt", sagt Steinhauser im Gespräch mit dem STANDARD. Auch die Hitzeleistung der Brennelemente aus den anderen Reaktoren, die sich im Zwischenlager befinden, sei nach 20 Jahren seit ihrer Abschaltung zu gering dafür: "Wenn sich diese Brennelemente noch im Nasslager befinden, kann die Temperatur im Kühlbecken ansteigen – wenn sie schon im Trockenlager sind, ist die Lage noch sicherer."

Worst-Case-Szenario überschaubar

Hier sei es im schlimmsten Fall möglich, dass in der Umgebung in überschaubarem Rahmen die Radioaktivität steigen könne. Außerhalb der Sperrzone Tschernobyl werde dies mit hoher Wahrscheinlichkeit niemanden betreffen: "Die Sperrzone ist riesig – so groß wie das Bundesland Vorarlberg – und damit ein sehr guter Puffer zwischen dem AKW und der umliegenden Zivilisation." In Tschernobyl sei die Physik also "auf der Seite der Menschheit".

Eigentlich war es geplant, nun – im März 2022 – den gesamten radioaktiven Abfall der ukrainischen Atomkraftwerke auf dem Reaktorgelände von Tschernobyl in einem Zwischenlager zu sammeln. "Das ist durch die Invasion natürlich nicht zustande gekommen", sagt Steinhauser. "Jetzt stellt sich das als Glücksfall dar."

Schwere Zeit für AKW-Personal

Für die Belegschaft des Atomkraftwerks sei dies aber eine herausfordernde Entwicklung. Diese wurde von der russischen Besatzung zwangsverpflichtet, ihre Arbeit aufzunehmen. Die aktuelle Lage dürfte von den üblichen Schichten abweichen (normalerweise arbeitet jede Person für vier aufeinanderfolgende Tage): Der IAEA zufolge sind 210 Techniker und Sicherheitspersonal seit beinahe zwei Wochen ohne Schichtwechsel im Dienst. Sie werden zwar mit Nahrung und Wasser versorgt, die Lage verschlechtere sich allerdings. Außerdem hat die Atombehörde keine Verbindung zu den Überwachungsgeräten.

Vor Ort lebt man selbst in Friedenszeiten mit äußerst sparsamer Infrastruktur, die Steinhauser mit Indoor-Camping vergleicht: "Es gibt zwar vier Wände und ein Dach, aber es ist sehr kalt, mit etwas Glück gibt es fließend Wasser – ob das warm ist und zum Duschen reicht, ist nicht vorherzusagen." Wenn als letzter "Luxus" der Strom und damit auch die Heizung wegfalle, sei dies für alle zivilen Kräfte extrem belastend.

Trockentraining für laufende AKWs

Man könne die aktuelle Situation aber als eine Art Trockentraining betrachten für den Fall, dass laufende Atomkraftwerke eingenommen werden oder deren Stromleitungen im Zuge der Kämpfe getroffen werden. Ein lokaler oder nationaler Blackout wäre problematisch, weil die Bevölkerung damit bis zur Wiederherstellung der regulären Stromversorgung auch auf Diesellieferungen angewiesen wäre, sagt Steinhauser: "Da müsste man jetzt sehen, wie schnell eine solche gekappte Leitung repariert werden kann – wenn es die Kampfhandlungen zulassen."

Hinzu kommt die dringend notwendige Kühlung von Brennstoffen, die erst eine kurze Abklingdauer hinter sich haben, also in laufenden AKWs. Wie vorsichtig hier vorgegangen werden muss, zeigt die Tatsache, dass von ukrainischer Seite der Widerstand in Bezug auf das Atomkraftwerk Saporischschja im Süden des Landes eher gering war: Statt die Anlage verbissen zu verteidigen, habe man sie lieber quasi unbeschädigt in russische Hände fallen lassen, sagt Steinhauser. Dort ist auch die Strahlungssicherheit aktuell gewährleistet. (Julia Sica, 9.3.2022)