Der Krieg in der Ukraine wirft Rohstoffmärkte weltweit aus der Spur. Das hat fatale Folgen für die Ernährungssicherheit.

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Wien – Landwirten in der Ukraine läuft die Zeit davon. Maximal eine Woche bleibt ihnen noch für die Aussaat. Werden die Felder bis dahin nicht bestellt, droht der Welt ein erheblicher Rohstoffengpass. Nicht nur die Ukraine, auch zahlreiche Schwellenländer fürchten Hungersnöte. Denn die Ukraine und Russland sorgten bisher für ein Drittel der weltweiten Weizenexporte und für knapp ein Fünftel der internationalen Maisausfuhren.

Die Hochschule für Wirtschaft in Kiew erwartet nicht nur heuer massive Exportausfällen, sondern auch in den kommenden zwei bis drei Jahren. Heuer könne dies die Getreidepreise auf dem Weltmarkt um 30 Prozent erhöhen. Damit einher gehe eine humanitäre Krise mit Folgen für hunderte Millionen Menschen. Nordafrika etwa importiert die Hälfte seines Bedarfs an Lebensmitteln – einen großen Teil davon aus der Schwarzmeerregion.

Die Ukraine sei als Getreidelieferant nicht zu ersetzen, sagt Hendrik Mahlkow, Ökonom des Kiel Instituts für Weltwirtschaft. Tunesien etwa müsse sich bei etlichen Sorten langfristig auf eine Teuerung von 25 Prozent gefasst machen. Die Vereinten Nationen rechnen weltweit mit einer Steigerung der Lebens- und Futtermittelpreise von bis zu 20 Prozent.

Millionen Menschen vor Unterernährung

Sollte der Krieg Monate dauern, könnte das zum sprunghaften Anstieg der Zahl an unterernährten Menschen führen. Von 13 Millionen Hungernden in Afrika, im Nahen Osten und asiatisch-pazifischen Raum ist die Rede, um sechs Millionen mehr als bisher. Immer wieder führt teures Brot zu politischen Unruhen.

Die Agrarminister der sieben großen Industrienationen berieten am Freitag über die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine auf die Ernährungssicherheit. Ziel ist es, die globalen Märkte offen zu halten und zu stabilisieren.

Deutschland etwa gibt eine Million Hektar an zusätzlicher Fläche frei, um sie für Tierfutter zu verwenden, und will erneuerbare Energien in der Landwirtschaft stärker fördern.

Auch Österreich versucht, die explodierenden Kosten für Treibstoff, Dünger und Futtermittel zu dämpfen. Das Landwirtschaftsministerium richtete einen Einsatzstab ein. Verhandlungen mit dem Finanzministerium über Entlastungen laufen. Bauernvertreter verlangen zugleich eine Abkehr vom Green Deal. Ihr Tenor: Jeder Quadratmeter Boden werde gebraucht. Versorgungssicherheit habe eine höhere Priorität als der Schutz des Klimas.

Wettlauf um Düngemittel

In der Landwirtschaftskammer relativieren Experten allerdings auf Anfrage: Jeder Bauer müsse selbst über die Reaktivierung stillgelegter Äcker entscheiden dürfen. Realistisch seien lediglich bis zu 30.000 Tonnen Weizen und Mais, die sich zusätzlich anbauen ließen. Konflikte mit Ökologen zettle man keine an. Derzeit dienen sieben Prozent der Ackerflächen in Österreich nicht dem Getreideanbau, sondern der Biodiversität, der Begrünung und Erosionsbekämpfung.

Die Nervosität sei verständlich, sagt Otto Gasselich, Vize-Obmann des Verbands der Biobauern. Wer nach Versorgungssicherheit rufe, müsse aber die enorme Abhängigkeit konventioneller Landwirtschaft von synthetischem, schnelllöslichem Dünger bedenken, wie ihn Borealis liefere – und an dem wohl über lange Zeit gut verdient wurde. Dünger ist in Europa aufgrund teuren Gases mittlerweile Mangelware und wird zu Höchstpreisen gehandelt.

Mehr Soja, weniger Fleisch

Aus Gasselichs Sicht ist Biolandbau die einzige Chance, um Europas Selbstversorgung zu stärken. Ebenso wichtig sei es, Eiweißproduktion zurückzuholen, um sich von Sojaimporten unabhängiger zu machen. Der Vorteil von Soja: Es braucht keinen Dünger. Keinen Weg vorbei sieht Gasselich an geringerem Fleischkonsum. Nur so würden Ackerflächen frei für den Anbau wichtiger Lebensmittel.

Werner Zollitsch vom Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit an der Boku Wien warnt davor, den Green Deal infolge des Krieges als "Ökologisierungswahnsinn" abzutun. Der Klimawandel werde ebenso wenig enden wie die Biodiversitätskrise.

Europas Landwirte produzierten bereits jetzt auf hohem Niveau – "da noch was draufzulegen bezahlen wir mit starken Umweltauswirkungen". Auch er appelliert daran, starke Fleischproduktion durch mehr pflanzliche Rohstoffe zu ersetzen. Für ebenso effektiv hält er es, der Versiegelung hochwertiger Ackerflächen den Riegel vorzuschieben.

Österreich selbst bleibt trotz aller Verwerfungen mit Lebensmitteln gut versorgt. Das betonte am Freitag einmal mehr ÖVP-Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger.

Exportverbote

Auch Peter Stallberger, Müller und Chef von Goodmills Österreich, hat keine Sorge, dass seiner Branche das Getreide ausgeht. Die Versorgung sei stabil. Sein Silo in Schwechat umfasst 15.000 Tonnen und sei prall gefüllt. Insgesamt reichten die Lagervorräte des größten Mühlenbetriebs in Österreich – wie jedes Jahr – bis zur nächsten Ernte im Sommer. Wie wichtig das ist, habe man in den vergangenen beiden Pandemiejahren gelernt.

Das Getreide dafür stamme zu 98 Prozent aus Österreich. Verträge mit den Landwirten wurden im Dezember vereinbart. Das Preisniveau war bereits im Herbst hoch, sagt Stallberger, der weitere Anstieg bis zum Sommer "wird uns mit voller Breitseite erwischen".

Eine Mauer zu bauen, wie es Ungarn vorlebt, hält er für falsch. Ungarn hat Getreideexporte aufgrund der Preissteigerungen durch den Ukraine-Krieg verboten. Serbien zog zum Schutz des eigenen Marktes am Freitag nach. (Julia Beirer, Verena Kainrath, 12.3.2022)