Paris betrat er durch die Hintertür. Als Albert Einstein am 28. März 1922 am Gare du Nord ankam, wartete bereits eine Schar Reporter, Fotografen und Schaulustiger auf ihn. Der Physiker jedoch verließ den Zug nicht zum Bahnsteig, sondern stieg zwischen den Gleisen aus und entschwand zum menschenleeren Boulevard de la Chapelle hinter dem Bahnhof. Unbehelligt in die Metro gelangt, um zu einem kleinen Apartment im Quartier Latin zu fahren, soll sich Einstein über den Streich "wie ein Kind amüsiert" haben.

Der Physiker Albert Einstein (1879–1955) wurde 1922 mit Physiknobelpreis ausgezeichnet.
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So überliefert es der Astronom und Wissenschaftspublizist Charles Nordmann in einer Reportage über den Besuch des genialen Physikers in Frankreich. Nach den ersten spektakulären Bestätigungen seiner 1915 vollendeten Relativitätstheorie wegen war Einstein schon damals weltberühmt.

Krümmung von Lichtstrahlen

Rund um den Globus hatten die Titelseiten von Zeitungen 1919 die Fotografie einer Sonnenfinsternis des britischen Forschers Arthur Eddington reproduziert, welche die von Einstein vorhergesagte Krümmung von Lichtstrahlen durch die Gravitation des Sonne belegte. Und nur wenige Monate nach seiner Reise nach Paris wurde ihm sogar der Nobelpreis verliehen – allerdings nicht der teils noch umstrittenen Relativitätstheorie wegen, sondern für die Entdeckung des photoelektrischen Effekts.

Dass sich die schwedische Akademie für eine ungleich weniger revolutionäre Leistung entschied, hatte auch mit den Ereignissen in Paris zu tun. Einstein kam auf Einladung des am Collège de France tätigen Physikers und langjährigen Freundes Paul Langevin, um in der altehrwürdigen Institution die Relativitätstheorie vorzustellen. Solche Reisen gehörten zu jener Zeit zu Einsteins Alltag. Im Vorjahr war er bereits in den USA, England und Italien, um nur wenige Monate nach dem Besuch in Frankreich nach Japan aufzubrechen.

Auf diplomatischer Mission

Die Reise nach Paris aber war besonders, hatte sich die Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich mit dem Ersten Weltkrieg und dem Versailler Vertrag noch vertieft. Solche Spannungen erstreckten sich auch in die Gelehrtenwelt, weswegen Einstein die Einladung zunächst sogar abgelehnt hatte. Zu sehr fürchtete er, "Hass und Feindschaft" gegen seine Person in Deutschland mit einer Reise zum "Erbfeind" neue Vorwände zu liefern.

Umgestimmt hat ihn schließlich Walther Rathenau, der wenige Wochen zuvor zum Außenminister der Weimarer Republik geworden war – und noch im Juni desselben Jahres von Rechtsextremen ermordet wurde, auf deren Todeslisten sich auch Einsteins Name fand.

Ausdrücklich wollte Einstein mit seiner Reise dazu beitragen, "das Unheil dieses Krieges allmählich wieder gutzumachen" und dem wissenschaftlich-kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Frankreich einen neuen Anstoß zu geben, wie er Langevin in seiner Zusage schrieb. Auf seinen Wunsch hin hat Einstein auf dem Rückweg am 10. April auch die Ruinen besonders stark verwüsteter Städte wie Saint-Quentin im französischen Norden besucht.

Mit der Einladung des in Deutschland geborenen und wirkenden Forschers zeigte jedoch auch die französische Seite "Courage", wie er in demselben Brief anerkannte. Auch jenseits des Rheins regten sich nationalistische Tendenzen gegen den "Boche" Einstein. Während ausgerechnet die Société Française de Physique auf eine Einladung verzichtete, wurde in der Académie des sciences gar eine Sitzung anberaumt, in deren Vorfeld sich 30 Mitglieder dazu verabredeten, kommentarlos den Saal zu verlassen, sobald Einstein eintritt – der es aber vorzog, erst gar nicht hinzugehen, als er vom Plan erfuhr.

Charmante Langsamkeit

Dem Erfolg der Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen am Collège tat dies jedoch keinen Abbruch. Die Pariser Presse, die Einsteins Besuch zum Thema der Woche machte, jubilierte über das mit "charmanter Langsamkeit" Französisch sprechende Genie. Entgegen antideutschen Unkenrufen hoben die Berichte Einsteins Engagement gegen Krieg und Nationalismus hervor, etwa dass er 1914 die Unterschrift unter den kriegerischen Aufruf "An die Kulturwelt!" 93 deutscher Professoren verweigert hatte.

Zum Höhepunkt seiner Reise wurde jedoch nicht der Besuch im Collège, sondern ein Abstecher an die benachbarte Sorbonne, wo Einstein in einer von der Société française de philosophie ausgerichteten Diskussionsrunde auf den Philosophen Henri Bergson traf.

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Der Philosoph Henri Bergson (1859–1941) wurde 1927 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.
Foto: Picturedesk.com / Roger Viollet / Albert Harlingue

Obwohl Bergson heute ungleich weniger bekannt ist, übertraf sein Renommee damals noch dasjenige des um zwanzig Jahre jüngeren Physikers, wie die Wissenschaftshistorikerin Jimena Canales in ihrem Buch über das folgenreiche Treffen "The Physicist & the Philosopher" (Princeton University Press, 2015) betonte. Nicht nur in Frankreich wurde Bergson von Zeitgenossen in eine Reihe von Denkern wie Platon und Immanuel Kant gestellt.

Die Sitzung war an Dramatik kaum zu überbieten. Zum Streitpunkt wurde dabei das Wesen der Zeit. Wie Langevin im Einleitungsreferat erläuterte, hatte die Relativitätstheorie mit der Vorstellung einer absoluten, das gesamte Universum durchherrschenden Zeit aufgeräumt, wie sie im Gefolge Isaac Newtons auch Philosophen wie Kant tradiert hatten. Nach Einstein habe es keinen Sinn mehr, von der Gleichzeitigkeit weit voneinander entfernter Ereignisse zu sprechen, vollzögen sie sich doch in verschiedenen Bezugssystemen mit einer jeweils eigenen Zeit.

Dauer und Ereignis

Nach einigem Geplänkel zwischen Einstein und den versammelten Philosophen ergriff auf Drängen einiger Teilnehmer schließlich Bergson das Wort, der seit Jahrzehnten über das Wesen der Zeit nachdachte. Im mit Abstand längsten Redebeitrag der Sitzung verteidigte er die Legitimität unseres intuitiven Zeitverständnisses, wie es sich aus der Erfahrung des Flusses des inneren Erlebens ergebe, das wir in der Folge auf die Dinge in der Außenwelt übertragen und in unserer Vorstellung in beliebig große Entfernungen erstrecken könnten, bis es das gesamte Universum umfasse.

Dieses Zeitverständnis vertrage sich mit der Relativitätstheorie nicht nur, sondern werde von ihr sogar vorausgesetzt, wie Bergson anhand des Begriffs der Gleichzeitigkeit erläuterte.

Würde man als Zeit nur das ansehen, was eine Uhr anzeigt, so wäre die Gleichzeitigkeit zweier Ereignisse nach Einsteins Theorie tatsächlich relativ, abhängig vom Bezugssystem. Die Gleichzeitigkeit jedoch, die ein Beobachter in seinem Bewusstsein zwischen der Anzeige einer Uhr und einem Ereignis in der Welt ausmacht, habe einen absoluten Charakter. Und erst diese zweite Gleichzeitigkeit, die keine rein physikalische ist, verleihe Uhren ihren Wert, benutze man sie doch nicht, um die Anzeigen verschiedener Uhren, sondern ihre Anzeige mit anderen Ereignissen zu vergleichen.

Wenig beeindruckt

Einstein zeigte sich davon wenig beeindruckt. Auf die längliche Rede antwortete er mit wenigen Sätzen, die im vernichtenden Urteil mündeten: "Il n’y a donc pas un temps des philosophes." Neben der physikalischen Zeit gebe es nur die psychologische Zeit des inneren Erlebens. Beide müssen aber nicht übereinstimmen.

Sosehr wir dazu neigten, Vorgänge in unserem Inneren auf die Außenwelt zu projizieren, habe das Zeiterleben keine Entsprechung in der physikalischen Realität. Dass wir die Gleichzeitigkeit von Ereignissen als eine objektive, von uns unabhängige Tatsache ansähen, habe damit zu tun, dass wir uns als Erdenwesen stets in einem bestimmten Bezugssystem bewegten. Verlasse man es, erweise sich Gleichzeitigkeit sogleich als ein "mentales Konstrukt."

Die Episode wurde von vielen Zeitgenossen als Irrtum Bergsons und Korrektur Einsteins betrachtet. Doch es ist nicht klar, ob Einsteins Einwand stichhaltig ist, hat Bergson doch an keiner Stelle behauptet, dass unser intuitives Zeitverständnis eine Entsprechung in der Realität habe. Vielmehr hat er sich darauf beschränkt, es als Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung zu beschreiben, die auch die Physik nicht hintergehen kann. Als Philosoph ging es ihm nicht darum, Äußerungen darüber zu treffen, was es in der Welt gibt, sondern Wesenszüge unseres Denkens und Bewusstseins zu beschreiben.

Telegramm aus Stockholm

Wie man sie auch beurteilt, die Begegnung war für beide ein folgenreiches Ereignis. Mit "Durée et simultaneité: À propos de la théorie d’Einstein" legte Bergson noch im selben Jahr ein ganzes Buch über die Relativitätstheorie vor, in dem er den Anspruch der Philosophie verteidigte, etwas über das Wesen der Zeit zu sagen.

Bei Einstein stellte sich eine Konsequenz ganz unmittelbar ein. Am 9. November 1922 erreichte ihn an Bord des japanischen Ozeandampfers Kitano Maru das Telegramm mit der Nachricht über den Nobelpreis. Dass er für den photoelektrischen Effekt verliehen wurde, begründete der Vorsitzende des Nobelkomitees Svante Arrhenius dabei unter anderem mit den Einwänden, die der "berühmte Philosoph Bergson in Paris" an der Relativitätstheorie erhoben habe.

Die Erwähnung seines Namens in diesem Zusammenhang muss für Bergson ein bitterer Triumph gewesen sein, hatte er bei der Diskussion und in seinem Buch die Erkenntnisse der Relativitätstheorie doch ausdrücklich anerkannt und außer Streit gestellt. Statt gegen Einsteins Theorie wandte sich Bergson gegen eine Deutung der Welt aus allein szientifischer Perspektive. Statt der Relativitätstheorie eine eigene Theorie der Zeit gegenüberzustellen, scheint ihn die tieferliegende Frage interessiert zu haben, wer für die Natur spricht: die Philosophie oder die Physik. (Miguel de la Riva, 19.3.2022)

Anm. der Red.: Der experimentelle Beweis für die Richtigkeit der speziellen Relativitätstheorie wurde 1919 anhand einer Sonnen- und keiner Mondfinsternis erbracht. Der Fehler wurde korrigiert.