Und wieder einmal geht die Angst um. Für viele der Jüngeren unter uns ist es das erste Mal, die Älteren kennen das mulmige Gefühl bereits. Sie erinnern sich an die bangen Stunden und Tage während der Kubakrise 1962 oder nach dem Nato-Doppelbeschluss von 1979.

Was, wenn einer auszuckt, wenn die für solche Situationen installierte Krisenkommunikation versagt? Was, wenn die wenigen Personen, die einen kriegsbereiten Oberbefehlshaber aufhalten könnten, das nicht tun? Was, wenn sich ein Machtpolitiker ins Eck gedrängt fühlt?

Damit ist aktuell vor allem Russlands Präsident Wladimir Putin gemeint. Die Angst, die gilt den rund 6000 nuklearen Sprengköpfen in seinem Arsenal. Viele von ihnen befinden sich in steter Alarmbereitschaft. Damit stehen sie auch nur rund eine Viertelstunde zwischen dem Hier und Jetzt und dem Ende der Menschheit, wie wir sie kennen. Putin hat gedroht, sie notfalls einzusetzen. Notfalls?

6.000 Atomsprengköpfe lagern im russischen Nukleararsenal. Ähnlich viele haben nur die USA.
Foto: AP/Alexander Zemlianichenko

Ein atomarer Angriff einer anderen Nation wäre bestimmt eine solche Notlage. Eine "No first use policy", also einen Verzicht auf den Ersteinsatz, haben offiziell aber nur China und Indien festgeschrieben. Russland, das grundsätzlich eine defensive Militärdoktrin hätte – was spätestens nach dem Angriff auf die Ukraine aber niemand mehr glaubt – räumt sich selbst aber eben ein Recht auf einen Nuklearwaffeneinsatz ein, wenn die "Existenz des russischen Staates" als Ganzes gefährdet ist.

"Ich weise den Verteidigungsminister und den Generalstabschef an, die Abschreckungskräfte der russischen Armee in besondere Kampfbereitschaft zu versetzen."
Wladimir Putin, 2022

Mit einem Machthaber an der Spitze, der immer öfter nach dem Prinzip von Ludwig XIV. "Der Staat, das bin ich!" handelt, ist dies zunehmend gefährlich – für Europa und die ganze Welt. Sieht er interne Machtkämpfe schon als Angriff auf den Staat oder auch nur die Wirtschaftssanktionen?

Nie weg, immer da

Putins aggressive Rhetorik hat die Atomkriegangst in die Köpfe der europäischen Bevölkerung und Politiker zurückgebracht. Wobei "zurück" eigentlich das falsche Wort ist und sich die Welt auch in den vergangenen, atomwaffenpolitisch relativ ruhigen Jahrzehnten (mit Ausnahme Nordkoreas) der existenziellen Bedrohung durch Atomwaffen hätte bewusst sein müssen. Denn weg war sie nie, viele haben sie nur geflissentlich ignoriert.

Man muss sich deshalb stets in Erinnerung rufen, welch zerstörerische Kraft atomare Sprengkörper auf sich vereinen und wie viel Leid sie zu verursachen imstande sind. Sie können Städte binnen Sekunden flächendeckend in Schutt und Asche legen und menschliches Leben beinahe zur Gänze auslöschen – überall auf der Welt.

Foto: Fatih Aydogdu / Der Standard

Österreichs Außenminister Alexander Schallenberg wurde vor einem Jahr für seine eindringliche Warnung vor Atombomben medial komplett abgestraft. Das vom Außenministerium produzierte Video – das einen Atombombenabwurf über Wien simulierte – um die permanente Bedrohung durch die Waffengattung zu demonstrieren, wurde von vielen als unnötige Panikmache scharf kritisiert. Vielleicht zu Recht – eventuell aber auch nur, weil Menschen in Friedenszeiten nicht mit derlei unkomfortablen Wahrheiten konfrontiert werden wollen. Weil es sich mit der permanenten Angst vor einem Atomkonflikt vielleicht nicht gut leben lässt.

Eine neue Zeitrechnung

Die Menschheit müsste es eigentlich aber. Knapp ein Jahr später ist der Frieden auf dem Kontinent nämlich dahin und die Angst wieder da. Ein Atombombenabwurf über Paris, Warschau oder New York ist immer noch sehr, sehr unwahrscheinlich, aber heute wahrscheinlicher als noch vor einem Jahr. Seit am 16. Juli 1945 um 5.29.45 Uhr Ortszeit "The Gadget" im Rahmen der Trinity-Tests erfolgreich explodierte und den Sand im Krater unter sich zu grünlichem Glas verschmolz, ist die Welt eine andere und ein Atombombenabwurf tagtäglich zumindest eine Möglichkeit. Auch wenn er nur durch eine Fehlinterpretation der Ereignisse eingeläutet wird.

AtomicHeritage

"Zerschlage mein Herz, dreifaltiger Gott", lautete jener Spruch, der den projektverantwortlichen US-Physiker deutsch-jüdischer Abstammung, Robert Oppenheimer, zur Namensgebung der Trinity-Tests inspirierte. Wenige Wochen später sollte seine Erfindung tatsächlich hunderttausende japanische Herzen zerschlagen und die Welt nachhaltig verändern. Seit die Sowjets und US-Amerikaner im Kalten Krieg so viele atomare Sprengköpfe angehäuft haben, dass sie sich und die Menschheit damit gleich mehrfach vernichten könnten, ist die existenzielle Gefahr ein permanentes Faktum.

Mein Ende ist auch dein Ende

Deshalb kommt die Angst auch immer wieder zurück. Sie wird dies bei verschiedenen weltpolitischen Krisen so lange tun, bis der letzte Atomsprengkopf eingemottet und vernichtet wird. Denn die Abschreckungslogik des sowjetisch-amerikanischen Großmächtekonflikts des 20. Jahrhunderts überlebte das Ende des Kalten Krieges.

Foto: Fatih Aydogdu / Der Standard

Sie hat nach Hiroshima und Nagasaki dafür gesorgt, dass – primär aus Selbstschutz – niemand mehr so verrückt war, eine Atombombe einzusetzen. Und dass die Nato-Staaten und Russland nicht direkt einander angreifen. Die Logik hat damit weitestgehend gehalten, was sie versprochen hat. Nur war das Versprechen allein nie gut genug, um grundsätzlich für den Fortbestand dieser mörderischen Waffen zu plädieren.

Denn was ist der Preis, den wir für diese Abschreckung bezahlen? Großmächtekonflikte hat sie nicht per se verhindert, nur stellvertretend in andere Staaten verlagert und dort für Leid der lokalen Bevölkerung gesorgt.

Wirtschaftliches Fiasko

Rein wirtschaftlich betrachtet sind Atomwaffen ohnehin der größte Blindgänger der Menschheitsgeschichte. Allein in den ersten 45 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg haben die USA 70.000 Sprengköpfe in 65 verschiedenen Ausführungen gebaut und dafür 745 Tonnen hochangereichertes Uran und 103 Tonnen radioaktives Plutonium verbraucht.

Für mehr als fünf Billionen (!) US-Dollar hat man das 1.366.000-Fache der Sprengkraft der Hiroshima-Bombe angehäuft, davon nach den zwei Einsätzen gegen Japan aber nichts jemals eingesetzt. Auch künftig wird man sich um Billionen-Beträge sein Arsenal erhalten und modernisieren. Alle Nuklearwaffenstaaten zusammen geben Schätzungen zufolge sogar 23.000 US-Dollar pro Sekunde für Waffen aus, die niemand einsetzen will – nur weil die anderen auch welche haben.

23.000 $
geben die Atomwaffenstaaten pro Sekunde für Waffen aus, die eigentlich niemand einsetzen möchte.

Dagegen wirken die 225 Millionen US-Dollar, die die US-Regierung bis zur Jahrtausendwende an knapp 2700 radioaktiv-verstrahlte Arbeiter ausbezahlte, fast wie eine Bagatelle. Müsste das Weiße Haus für die tatsächlich verursachten Schäden an Mensch, Tier und Umwelt – etwa im Rahmen der Atomwaffentests auf den Marshallinseln – aufkommen, würde der Betrag aber definitiv schmerzen. Aber hier halten sich die Atommächte fein heraus und ignorieren auch internationale Gerichtsbarkeit.

Wenn aber eh niemand bereit ist, sie einzusetzen, warum behält man sie dann? Das Verteidigungsargument ist schon deshalb egoistisch, weil in einem atomaren Konflikt stets Millionen von Menschen betroffen wären, die damit gar nichts am Hut haben. Etwa weil globale Versorgungsengpässe aufgrund einer globalen Abdunkelung, eines nuklearen Winters, drohen. Außerdem wurden beinahe alle Atommächte in den vergangenen Jahrzehnten von terroristischen Organisationen angegriffen.

Drohung mit größtmöglichem Leid

Einen Atomwaffeneinsatz gegen sie hatte dennoch keine Gruppe zu fürchten. Zu geächtet ist der Einsatz der Waffe mittlerweile, zu groß wäre die globale Empörung, wenn etliche Zivilistinnen sterben. Atomwaffen hatten nur begrenzte Erfolge zu feiern, etwa als Versicherungspolice für Nordkoreas Kim-Dynastie. Aber ist das denn einer?

Dabei ist es gut möglich, dass der Besitz von Atomwaffen aktuell noch größeres Leid verhindert, vielleicht sogar einen weltweiten Konflikt zweier großer Bündnisse unterbindet. Der Nato-Nuklearschirm hält Russland davon ab, noch weiterzugehen und das Baltikum oder Polen anzugreifen und so einen EU- oder Nato-Bündnis-Fall auszulösen. Russlands Waffenarsenal wiederum schreckt dutzende Staaten davon ab, sich aktiv auf die Seite der Ukraine zu schlagen und diese mit in einen Krieg zu ziehen.

"Wir alle leben unter einem nuklearen Damoklesschwert. Die Kriegswaffen müssen abgeschafft werden, bevor sie uns abschaffen."
John F. Kennedy, 1961

Und dennoch sorgen die russischen Sprengköpfe freilich auch dafür, dass sich die Solidarität mit der Ukraine lediglich auf Flüchtlingsaufnahme, Hilfs- und Waffenlieferungen beschränkt, nicht aber auf eine gemeinsame militärische Zurückdrängung eines brutalen Aggressors ausweitet. Atomwaffen verhindern aktuell also die Solidarität mit Schwachen gegen übermächtige und aggressive Starke. Sie schaffen dies aber nur, indem sie stets das größtmögliche Leid einkalkulieren und als Drohkulisse ins Spiel bringen: den Atomkrieg. Und wieder die Frage: Wie viel gutes bewirken Atomwaffen damit?

Traum von der globalen Null

Atomwaffen gänzlich loszuwerden ist beileibe keine neue Idee. "Jeder Mann, jede Frau und jedes Kind leben unter einem nuklearen Damoklesschwert, aufgehängt am dünnsten Faden, der jeden Moment durchgeschnitten werden kann durch Unfall, Fehleinschätzung oder Wahnsinn. Die Kriegswaffen müssen abgeschafft werden, bevor sie uns abschaffen." Das sagte US-Präsident John F. Kennedy 1961 in einer Rede vor den Vereinten Nationen, wenige Monate bevor durch die Kubakrise der Faden beinahe durchschnitten worden wäre.

1986 schien ein weiterer US-Präsident, Ronald Reagan, zunächst empfänglich für die Idee seines sowjetischen Pendants Michail Gorbatschow, bis zur Jahrtausendwende komplett abzurüsten. Doch die Bemühungen scheiterten erneut am US-Beharren auf einen Raketenabwehrschirm.

Seitens Obamas soll zumindest der Wille da gewesen sein, Nuklearwaffen komplett abzurüsten. Es kam nicht dazu. Teils wegen innenpolitischem Druck, teils wegen Druck der Atomwaffenlobby, aber auch weil sich das Gesprächsklima mit Russland verschlechterte im Laufe seiner Präsidentschaft.
Foto: AP/Andrew Harnik

Als 2007 sogar Ex-US-Außenminister Henry Kissinger als einer der "vier apokalyptischen Reiter" und größten Verfechter der Abschreckungslogik im Kalten Krieg für ein Ende aller Atomwaffen plädierte und ein Jahr später der für eine "globale Null" eintretende Barack Obama zum US-Präsidenten gewählt wurde, war die Hoffnung erneut da. Obama erhielt für seine Anti-Atomwaffen-Ambitionen 2009 gar voreilig den Friedensnobelpreis. Die in ihn gesetzten Hoffnungen mussten in den vergangenen Jahren trotz einiger Bemühungen um Reduktionen und der breiten Unterstützung von Ex-Politikern und Filmstars aber ernüchtert begraben werden. Wieder einmal. Zu stark die Atomwaffenlobby, zu groß die Angst mancher Militärstrategen, dass ab einem gewissen Level der Abrüstung ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel entbrennt.

Und ja, Russland und die USA haben in den vergangenen Jahrzehnten deutlich abgerüstet, aber eigentlich nur in einem Bereich, wo es für sie ohnehin nur wirtschaftlich und realpolitisch komplett irrational war. Die Arsenale beider Staaten sind für die Welt heute kein Stück weniger gefährlich. Mehrere US-Generäle rechneten über die Jahre wiederholt vor, dass einige Hundert Atomsprengköpfe, aufgeteilt auf einige Dutzend U-Boote, Flieger und Raketen, leicht für globale Abschreckung reichen würde. Aber nicht einmal solch eine Reduktion ist in Aussicht.

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Zudem sind die Atommächte klar vertragsbrüchig, was ihre Verpflichtungen aus dem Nichtweiterverbreitungsvertrag (NPT) anbelangt. Der Deal mit der Weltgemeinde, wonach sich sonst niemand Atomwaffen aneignet und man dafür den sicheren Zugang zur zivilen Atomenergie erhält, bei gleichzeitigem Versprechen zur kompletten Abrüstung der Atommächte, wird von den Mächtigen einseitig nicht eingehalten. Es gibt aktuell keinerlei Bestrebungen, dass sie ihre Waffen wie versprochen loswerden. Der Vertrag zementierte also die Vorherrschaft der großen fünf UN-Veto- und Atommächte ein, konnte da und dort Erfolge in der Nichtweiterverbreitung erzielen, aber die atomare Aufrüstung Israels, Indien, Pakistans und Nordkoreas auch nicht verhindern. Fast allen anderen bilateralen Verträgen zur Reduktion vereinzelter Atomwaffentypen fehlte der holistische Abrüstungscharakter, den Atomwaffenreduktionen bräuchten.

Ein möglicher Exit

In einer Zeit, wo viel über Exit-Strategien Putins aus dem fürchterlichen Angriffskrieg geredet wird, bietet der Atomwaffenverbotsvertrag einen möglichen Ausweg aus der Nuklearkriegs-Sackgasse. Die Menschheit hat bewiesen, dass sie abscheuliche Waffengattungen wie Blendgranaten oder Landminen ganzheitlich verbieten kann. Sie hat auch bewiesen, dass ein paar gewillte Staaten notfalls eigenständige Verbote auf die Beine stellen können und so internationale Ächtung erwirken.

Nur Ächtung und ein präventives Verbot kann bei Atomwaffen das Ziel sein. Denn was ist die Alternative? Zu warten, bis ein Atomwaffeneinsatz die Schrecken der Waffe erneut vergegenwärtigt und endlich genügend politische Hebelwirkung für ein Verbot da ist?

Die internationale Ächtung der Waffe ist übrigens auch so schon weit fortgeschritten.

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Zivilgesellschaftliche NGOs haben es gemeinsam mit einigen progressiven Staaten zuletzt geschafft, die inhumanen Aspekte der Massenvernichtungswaffe in den Mittelpunkt zu stellen. 86 Staaten haben den seit 2021 gültigen Atomwaffenverbotsvertrag mittlerweile unterschrieben, 59 ihn ratifiziert – aber natürlich noch keiner jener neun Staaten, die Atomwaffen besitzen. Besonders ihre Unterschriften und jene von Staaten, die mit Atomwaffen geschützt werden, bräuchte es aber.

Umfragen zeigen dabei seit Jahren, dass es die gesellschaftliche Unterstützung gäbe. Mehr als 60 Prozent sind in nuklearen Nato-Schirm-Staaten wie Deutschland, der Niederlande, Schweden, Belgien oder Australien für ein globales Atomwaffenverbot. Noch 2017 sprachen sich mehr als drei Viertel in Frankreich für mehr Bemühungen zur kompletten globalen Abrüstung aus.

Krisen, wie wir sie aktuell erleben, sind oft eine Chance, scheinbar undenkbare Wechsel langjähriger Politstrategien zu erwirken – ohne dass es die fürchterliche Erfahrung eines erneuten Atombombeneinsatzes bräuchte. Nach dem Ukraine-Krieg sollten wir die Atomwaffen loswerden, bevor sie wieder eingesetzt werden. (ESSAY: Fabian Sommavilla, 19.3.2022)