Wladimir Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine wird oft mit dessen geopolitischen Ambitionen begründet. Dabei begehe er einen groben Fehler, der eigentlich schon seit Jahrhunderten Geltung habe, sagt der irisch-amerikanische Geopolitik-Experte Gerard Toal. Territoriale Dominanz bringe nichts, wenn man nicht auch die Handelsströme offenhalten und nutzen könne. Russland aber müsse nicht nur durch die Meerengen des Nato-Staates Türkei hindurch, wenn es das Schwarze Meer verlassen wolle, auch die internationale Isolation und Sanktionspolitik verhindere es, Profit aus den Territorialgewinnen zu schlagen. Toal, der in "Near Abroad" schon 2017 eine umfassende Abhandlung über Putins Ambitionen in seinem nahen Ausland, in Georgien und der Ukraine, verfasste und als einflussreicher Vertreter der "Kritischen Geopolitik" gilt, glaubt, dass Putins Entscheidungen von einer "emotionalen Rationalität" getrieben sind. Er agiere nach wie vor rational, seine Ideologie sei aber stark von emotionalen Wertvorstellungen geprägt.

STANDARD: Wieso hat Putin diese Invasion befohlen?

Toal: Russland hat ein enorm ehrgeiziges Programm unternommen, um die Ukraine zu überfallen und Selenskyj zu stürzen. Das war von Anfang an ein massiver strategischer Fehler. Die Gründe dafür liegen zum einen an Putins eigener Selbstüberschätzung. Er war lange Zeit sozial isoliert. Er lebte in dieser imaginären Vergangenheit. Er las viel Texte und Manifeste, die eine besondere melodramatische Fantasie über die Geschichte verbreiteten. Zweitens ist ziemlich klar, dass er schlechte Informationen von den Geheimdiensten erhalten hat, wie man auch der Verhaftung jener FSB-Beamten entnehmen kann, die die Invasion vorbereiten sollten. Drittens denke ich, dass der Kreml vorhandene Umfragen falsch gedeutet hat. Umfragen, ob sich die Ukraine in die richtige oder falsche Richtung entwickle, etwa. Viele Menschen waren zwar mit der Richtung und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes sehr unzufrieden. Auch die Zustimmung von Selenskyj war sehr, sehr niedrig. Das aber so zu deuten, als wäre die Legitimität des Staates an sich nicht gegeben, war ein enormer Trugschluss.

Putins soziale Isolation war vor allem während der Corona-Pandemie immer wieder Thema.
Foto: Sputnik/Mikhail Klimentyev/Kremlin via REUTERS

STANDARD: Wie konnte es so weit kommen?

Toal: Man glaubte irgendwann die eigene Propaganda. Man glaubte, dass die ukrainische Regierung im Wesentlichen eine westliche Marionettenregierung ist und von westlichen NGOs finanziert wird. Dass die Regierung keine populäre Legitimität habe und zusammenbrechen werde, sobald die heldenhaften Russen kommen und versuchen, das wahre ukrainische Volk von den besonderen Visionen der ukrainischen Faschisten und ihrer amerikanischen Verbündeten zu befreien.

STANDARD: Wie kann ein als kühl kalkulierend geltender Ex-KGB-Offizier solche irrationalen und von Emotionen geladenen Entscheidungen treffen?

Toal: In Bezug auf menschliches und kognitives Verhalten sind das Emotionale und das Rationale stets miteinander verflochten. Selbst der scheinbar kaltblütige KGB-Offizier hat emotionale Verpflichtungen, und diese emotionalen Verpflichtungen gelten dem Staat und seiner Arbeit sowie den Idealen, die dieser vertritt. Auch wenn diese Ideale autoritäre politische Strukturen und extremer Antiliberalismus sind. Das gilt auch für Putin. Der Begriff "emotionale Rationalität" beschreibt es ganz gut. Es geht ihm darum, strategische Ziele zu erfüllen, die von bestimmten emotionalen Verpflichtungen diktiert werden. Und eine dieser Verpflichtungen besteht eben darin, die Russische Größe – wie er sie sieht – wiederherzustellen, wenngleich viele behaupten würden, dass sein Verhalten die Idee der Russischen Größe geradezu untergräbt.

STANDARD: Was prägt Putins Verhalten?

Toal: Ein wichtiger Punkt ist, dass sich Putins gesamte Präsidentschaft seit jeher um Revanchismus drehte. Es geht darum, Russland an seinen rechtmäßigen Platz unter den Großmächten der Welt zurückzubringen. Es ging also um Wiederauferstehung, Russland von den Knien zu erheben und auch Russland wieder zu fürchten. Ursprünglich war Putins Politik nicht auf territoriale Dominanz von Gebieten außerhalb Russlands fokussiert. Sehr wohl ging es ihm aber von Anfang an um territoriale Stabilität nach innen, wie der Tschetschenienkrieg zeigte. Und das, was wir jetzt in Mariupol und Charkiw und anderswo sehen, ist die Grosnyisierung von Städten. Das ist Teil der russischen Art, Krieg zu führen. Sie begann mit Putin in diesem zweiten tschetschenischen Krieg, in dem es wahllose und brutale Methoden gab, um diesen Krieg zu gewinnen, inklusive zahlreicher Menschenrechtsverletzungen.

STANDARD: Und Putin sieht sich nun als Retter der russischen Ehre?

Toal: Putin sieht sich einer bestimmten Vision der Geschichte verpflichtet, die eine idealisierte Vision der Geschichte ist. Es ist die ewige sowjetisch-russische Nation, die vollständig mobilisiert ist und gegen den ewigen Faschisten kämpft, die immer die Grenzen bedrohen. Und das ist der Aufbau des heroischen Melodramas, das er konstruiert, in welchem er der Held ist und heldenhafte Truppen in einem blutigen Kampf gegen die Bedrohung an der Grenze aber auch gegen die Bedrohungen von innen anführt.

Putin hat immer schon großes Interesse daran gezeigt, den russischen oder sowjetischen Bären wiederauferstehen zu lassen. Sein Geschichtsverständnis ist dennoch idealisiert, sagt Gerard Toal.
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STANDARD: Viele Analysten waren überrascht, dass Putin die gesamte Ukraine angreift und nicht "nur" Bodentruppen in den Osten der Ukraine schickt. Sie auch?

Toal: Es hat mich überrascht, weil ich weiß, dass der Kreml in früheren Fällen des russischen Revanchismus, als man versuchte, Territorium zu erobern, die öffentliche Meinung – etwa auf der Krim – erforscht hat und gut informiert war. Auf der Krim hatte man anfangs nicht notwendigerweise die Annexion als Endziel, aber sie improvisierten dann ihren Weg dahin. Und ich denke, dass das Projekt des Föderativen Staates Neurussland nach 2014 auch nicht durch öffentliche Meinungsforschung gedeckt war und infolgedessen scheiterte. Und so hätte ich gedacht, dass sie gelernt hätten, wie wichtig es ist, sich vorzubereiten und wirklich gut über die öffentliche Meinung in der Ukraine informiert zu sein. Aber außerhalb der vom russischen Staat kontrollierten Gebiete im Osten und Süden gab es in der Ukraine einfach kein Gebiet, in dem man davon ausgehen konnte, dass russische Truppen willkommen geheißen werden.

STANDARD: Was besorgt Sie aktuell am meisten?

Toal: Es ist diese Art Vision von Gebieten ohne lästige Menschen. Sie erobern Gebiete, aber verdrängen gleichzeitig die Menschen, die dort leben. Das ist eine besonders beängstigende Vision eines territorialen Expansionismus, der keinerlei Legitimität hat. Und das wird noch spannend in etwaigen Friedensverhandlungen, wenn sich die Ukraine in einer Pattsituation befinden sollte und in irgendeiner Weise bereit wäre, territoriale Zugeständnisse zu machen. Was die Ukraine unter Zwang zustimmt, wird die westliche Welt jedoch nicht zwangsläufig akzeptieren wollen und daher auch die Sanktionen nicht aufheben. Gleichzeitig muss möglicherweise aber das Ende von Sanktionen in Aussicht gestellt werden um Anreize für den russischen Staat zu schaffen, den Krieg einzustellen. Und so kann es zu einer Kluft kommen zwischen dem, was die ukrainische Regierung bereit ist zuzugeben, um den Krieg zu beenden, und dem, was die Westmächte zugeben wollen. Aber wir befinden uns in einer sehr gefährlichen Situation, und an jedem Tag ohne Einigung, an jedem Tag, an dem der Krieg weitergeht, hagelt es Tod und Zerstörung für so viele Menschen.

STANDARD: Die Türkei nimmt gemeinsam mit Israel aktuell eine spannende Rolle als möglicher Friedensvermittler ein. Was bedeutet das aus geopolitischer Sicht, wo der Nato-Staat Türkei ja auch den Zugang zum Schwarzen Meer kontrolliert?

Toal: Die Beziehung von Putin und Erdoğan ist von einer Rivalität, aber auch Respekt geprägt. Sie haben eine lange Geschichte in Konflikten in Syrien und auch in Bergkarabach, aber sie verstehen sich. Und auch wenn Erdoğans Türkei ebenso autokratisch regiert wird, war der Schritt mit der Schließung der Dardanellen für russische Boote positiv. Es unterstreicht die Wichtigkeit der Geopolitik. Auch wenn Putin das gesamte Asowsche Meer kontrolliert und die Ukraine wirtschaftlich im Würgegriff hat, wird er das Schwarze Meer nicht so leicht verlassen können. Putins geopolitische Philosophie basiert auf der Vorstellung, dass Macht aus der territorialen Kontrolle und der tatsächlichen physischen Kontrolle über Ressourcen stammt.

STANDARD: Aber das tut sie nicht?

Toal: Nein, er vergisst, dass es bei Geopolitik stets auch um den Zugang zu Strömen, den Zugang zum Verkehr geht. Eine funktionierende Geopolitik dreht sich auch um Zirkulation und Netzwerke. Schon einer der Urväter der Geopolitik, Halford Mackinder, sprach beim maritimen Imperium Großbritanniens immer davon, dass es zwar einerseits wichtig sei, große Stützpunkte zu kontrollieren. Man müsse aber auch in der Lage sein, Flüsse, wichtige Wasserstraßen und Häfen zu kontrollieren. Putin aber hat bei dem Versuch, Gebiete und Räume zu kontrollieren, die Fähigkeit Russlands zum Handel beeinträchtigt, sodass die Fähigkeit, sein Öl und Erdgas zu verkaufen, dadurch massiv beeinträchtigt wurde. Man könnte sagen: Eine imperiale Macht versucht, die territoriale Herrschaft an sich zu klammern, aber ein euro-atlantisches Imperium dominiert die Flüsse und die Konnektivität und gewinnt.

Wladimir Putin und Xi Jinping wollen einen Platz am Tisch der Großmächte.
Foto: . REUTERS/Evgenia Novozhenina

STANDARD: Sie beschreiben Putins Verhalten als revanchistisch. Inwiefern ist da die Rolle des Westens zu betrachten?

Toal: Der Krieg selbst tobt einzig und allein wegen massiver Fehleinschätzungen und dem Verhalten Wladimir Putins, das muss man nochmals betonen. Wenn wir aber die Geschichte erzählen wollen, wie wir hierher gekommen sind, müssen wir freilich über die Co-Entstehung der Krise sprechen. Der Wladimir Putin von heute wurde durch die Interaktionen mit dem Westen der letzten 20 Jahren geschliffen. Er ist verärgert, er zog rote Linien, die weder akzeptiert noch respektiert wurden. Er operiert aus einem massiven Misstrauen gegenüber dem Westen heraus. Er glaubt, man wolle Russland stets demütigen und untergraben. Für den Autokraten Putin ist die westliche Ideologie ein liberaler imperialistischer Krieg samt ständiger Erweiterung der demokratischen Institutionen, ständiger Erweiterung einer Art kapitalistischen Wirtschaft und Politik. Für Putin stellt sich das als eine Art permanente Revolution gegen ihn und sein Weltbild dar – die Farbrevolutionen etwa, die eine Art Domino-Effekt auslösen sollten. Das ist sein Revanchismus. Und man muss freilich sagen, es steckt keine große geheime Verschwörung dahinter, aber es stimmt schon, dass es seit Jahren Versuche von westlicher und ukrainischer Seite gibt, die Ukraine in den Westen zu ziehen. Das Statement der Staatsoberhäupte Russlands und Chinas am Vorabend der Olympischen Spiele hat gut aufgezeigt, dass sie diesen scheinbar permanent expandierenden Westen fürchten. Aber es ist natürlich eine gewisse Chuzpe, wenn die Autokraten Xi Jinping und Wladimir Putin den Begriff der Demokratie neu definieren wollen, indem sie behaupten, es sei nur demokratisch, wenn es eine Multipolarität der Ideologien gebe. Dass also die westliche Vision des Lebens allein deshalb nicht als universell richtig gelten könne und es demokratisch sei, auch undemokratische Modelle zu haben. (Fabian Sommavilla, 30.3.2022)