Über einen Guru, der sich stark von anderen abhebt, schreibt der Religionwissenschafter Franz Winter im Gastblog.

Wien war kürzlich Destination einer Tournee des indischen Yogalehrers Sadhguru Jagadish „Jaggi“ Vasudev (geb. 1957), der hierzulande eine erstaunliche Popularität genießt. Dies bezeugte auch die beachtliche Menschenmenge, die ihm in der österreichischen Hauptstadt (nach Stationen in Berlin, Prag und so weiter) sowohl bei seiner Ankunft auf seinem schwergewichtigen Motorrad, als auch bei der abendlichen Veranstaltung ihre Aufwartung machte.

Die aktuelle Aktion steht unter einer spezifischen Devise, die unter dem Titel „Save the Soil“ Umweltschutzanliegen ins Zentrum rückt und Sadhguru selbst betont in seinem Auftreten auch diesen Aspekt: Er wolle hier nicht als religiöser Lehrer wahrgenommen werden, sondern nur unter Bezug auf das zitierte Programm. Angesichts seiner weiteren Tätigkeiten bietet sich aber eine Betrachtung auch im Zusammenhang mit seinen religiösen Anliegen an.

Unkonventionelles Auftreten geht dabei durchaus konform mit einer recht ungewöhnlichen Biographie, die Sadhguru zu einem nicht untypischen Vertreter der jüngeren Generation indischer „Gurus“ macht. Wobei anzumerken ist, dass das Wirken Sadhgurus hauptsächlich mit Indien verbunden ist. Dort ist er eine äußerst bekannte und populäre Größe, die immer wieder in diversen Listen besonders einflussreicher Persönlichkeiten ganz vorne gereiht wird. Wie noch auszuführen sein wird, führt das auch zu einer ausgesprochenen Verstrickung in aktuelle innerindische Debatten und im Fall Sadhgurus zu einer großen Nähe zur aktuellen Regierungspartei BJP.

Der Guru und die Tradition

Sadhguru (ein Ehrentitel, der soviel wie „wahrer Guru“, „Wahrheitsguru“ bedeutet) schildert in den zugänglichen biographischen Eigendarstellungen einen sehr eigentümlichen Werdegang. Geboren im südindischen Mysore in eine nicht wirklich religiöse Familie machte er erste berufliche Erfahrungen in der Geflügelindustrie und im Baugewerbe – dies alles, um seine vielfältigen Interessen zu finanzieren, zu denen auch das Reisen (mit dem Motorrad) gehörte. Zwar ließ er sich früh in Yoga unterrichten, doch hatte dies laut Eigendarstellung keine große Bedeutung für ihn. Und Religion scheint an sich kein großes Thema gewesen zu sein. So zumindest die Angaben in der Eigendarstellung, die allerdings noch niemals genau geprüft wurden.

Dies alles änderte sich im Alter von 25 Jahren, als er eine in vielen Publikationen beschriebene religiöse Erfahrung auf einem Hügel in der Nähe von Mysore machte, auf dem sich ein bedeutender Tempel einer Göttin befindet. Ab diesem Zeitpunkt war er sich seiner von nun an relevanten Sendung als spiritueller Lehrer bewusst, was von nun an seine primäre Tätigkeit werden sollte. Diese plötzliche und unvermutete Erfahrung erscheint völlig losgelöst von einer Einbettung in irgendwelche Ausbildungen und Vorinteressen, sei es durch Lektüre klassischer indischer Texte und/oder durch die aktive Suche nach einem autoritativen Lehrer. Gerade hier ist ein deutlicher Unterschied zu vielen klassischen indischen Guru-Biographien deutlich: Während traditionell zumeist sehr langatmige Listen von Lehrer-Schüler-Anbindungen die Autorität der Lehrgestalt unterstrichen haben, die somit als ein Glied einer generationenübergreifenden Kette erscheint, legt Sadhguru Wert auf eine souveräne und völlig selbständige Einsicht in die „Wahrheiten“, die er nun verkündet.

Sadhguru bei seinem Besuch in Wien Ende März.
Conscious Planet/menassemenasse/Christian Fischer

Die Brücke in die Moderne

Überhaupt ist die Tradition zweitrangig: „All dieses traditionelle Zeug“ („all that traditional whatever“) belastet ihn nicht. Auch die klassisch hochgehaltene Sanskrit-Gelehrsamkeit der älteren Guru-Generation berührt ihn überhaupt nicht (er betont sogar stolz, die Kernsprache der indischen Kulturtradition nie gelernt zu haben) und selbst der Grundlagentext der Yoga-Tradition, die Yoga-Sutren des Patanjali, hat er erst später einmal kursorisch wahrgenommen (und davon nicht wirklich profitiert).

Mit diesem sehr souverän wirkenden Griff erlangt er für sich große Freiheit und kann seine Inhalte eigentlich recht beliebig an die Herausforderungen der Moderne anpassen. Hier ergibt sich übrigens eine Parallele zu einem weiteren Vertreter der jüngeren Guru-Tradition, Sri Sri Ravi Shankar, der nur ein Jahr älter ist als Sadhguru und mit seinem „Art of Living“-Programm ebenfalls weltweit populär ist. 

Der freie Zugriff auf die Tradition gelingt Sadhguru sehr geschickt. Schon allein die von ihm favorisierte Terminologie verrät hier einen frischen Zugang: Er spricht gerne von einer „Technik“, einer „Technologie“, die er anbietet und eine seiner bekanntesten Veröffentlichungen – gleichzeitig auch der aktuelle offizielle Titel seines Yoga-Lehrprogramms – trägt den Titel „inner engineering“. Vieles, was man in diesem Buch als Essenz seiner Lehren wahrnehmen kann, erinnert an Selbstoptimierungsliteratur, zumeist überhöht mit einer spirituell-religiösen Note. Allerdings verzichtet er auf die für die klassischen Gurus des vorigen Jahrhunderts oft typischen unübersichtlichen und langatmigen Ausführungen über Sanskrit-Terminologie und deren Feinheiten, vielmehr ist ein starker Hands-on-Zugang erkenntlich.

Möglicherweise liegt darin eines der Geheimnisse für seine Popularität: Ihm gelingt es eine Brücke zwischen Tradition und Moderne zu schaffen. Er kann damit eine aufstrebende indische Mittelklasse erreichen, die vielfach mit der boomenden IT-Industrie und technikaffinen Arbeitskontexten verbunden und eingespannt zwischen einer in Indien noch immer eminent wichtigen traditionellen Sozialisation (zu der immer auch religiöse Elemente gehören) und den Herausforderungen der Moderne ihr Leben ausrichtet.

Der Guru und sein Unternehmen

In der Religionswissenschaft hat sich in der Auseinandersetzung mit modernen Anbietern auf dem Religionenmarkt der Begriff des „religiösen Unternehmers“ eingebürgert. Damit versucht man dem Umstand gerecht zu werden, dass Figuren wie Sadhguru nicht nur als spirituelle Lehrer und weisheitserfüllte Schriftsteller wahrzunehmen sind, sondern als Vorstand sehr vielschichtiger, meist hierarchisch organisierter riesiger Unternehmen. Vieles ergibt sich in der zunehmenden Popularisierung und aus dem Wunsch, die Inhalte noch effektiver an den Mann zu bringen.

All dies scheint auf das von Sadhguru gegründete Isha-Center in der eher unspektakulären südindischen Stadt Coimbatore zuzutreffen, das ganz der Präsentation und internationalen Vermarktung des Programms gewidmet ist. Im Zentrum steht eigentlich ein lizenziertes Yoga-Programm, das neben den diversen Körperhaltungen in festgelegter Reihenfolge großen Wert auf sehr spezifische Atemtechniken legt, denen alle möglichen Wirkungen zugeschrieben werden. Das gesamte Programm ist allerdings nur demjenigen zugänglich, der sich bei einem von Sadhguru zertifizierten Schüler ausbilden lässt. Davon gibt es außerhalb Indiens und insbesondere in Europa nicht allzu viele, so dass die Wirkung Sadhgurus hierzulande sehr stark mit seiner ausgeprägten Social Media Präsenz erklärt werden kann. In gut gestalteten Videos gibt es Tipps für alles: Gesundheit, Essen, allgemeines Verhalten, Ethik und so weiter. Und das alles wird in einem sehr gewählten Englisch mit der schon zitierten Hands-on-Perspektive vorgetragen. Dass viele von diesen Behauptungen und Tipps einer näheren wissenschaftlichen Prüfung nicht wirklich standhalten und oft sehr klischeehaft mit diversen Gegenüberstellungen operieren (etwa Indien-Westen, Spiritualität-Materialität), kann dabei nicht wirklich überraschen.

Der Guru und der Premierminister

Völlig außer Frage steht eine große Nähe Sadhgurus zur aktuellen rechtskonservativen Regierung der Republik Indien. Am manifestesten wurde dies in jüngster Zeit im Rahmen der Einweihungszeremonie der riesigen Shiva-Büste im Isha-Zentrum Sadhgurus in Coimbatore 2017 im Zuge des großen Shiva-Festes Maha-Shivaratri. Die durchchoreografierte Veranstaltung gipfelte in einem Teil, in dem die Bühne im Endeffekt von zwei Personen dominiert war: Sadhguru selbst in trauter Zweisamkeit mit dem aktuellen Premierminister Indiens, Narendra Modi. Dazu kommen in der jüngsten Zeit einige recht einschlägige öffentliche Äußerungen Sadhgurus zu diversen Entscheidungen und Aktionen der indischen Regierung, die er aktiv unterstützte.

Vieles davon muss natürlich eingebettet werden in aktuelle innerindische Debatten und näher kontextualisiert werden. Der grundsätzliche Drall steht aber völlig außer Frage. Diese Nähe hat viele Ursachen: Zum einen ergibt sich eine fast natürliche Affinität vieler Yogalehrer zu einer idealisierten Sicht auf Indien, die das Wesen des Landes mit einer konstruierten „Hindu“-Identität verbindet. Der Bezug auf ein "Hindu-tum", das auch zentral für das Programm der aktuellen Regierungspartei BJP ist, verdankt seine Entstehung spezifischen Entwicklungen einer europäisch-asiatischen Verflechtungsgeschichte im 19. Jh. und ist keineswegs, wie oft irrtümlich angenommen, ein uralter, Indien konstituierender Begriff. Vielmehr läuft die Fokussierung auf den Hindu-Begriff und dessen Verengung als nationaler, ja ethnischer und auch religiöser gemeinsamer Nenner Gefahr, die ausgesprochen multikulturelle und multireligiöse Tradition Indiens auszuklammern. Am deutlichsten manifestiert sich dies aktuell in der Ausgrenzung der indischen Muslime.

Politische Gurus und das moderne Yoga

Yoga wird zudem vielfach als eine der uralten genuin indischen Traditionen präsentiert, ja als das Geschenk Indiens an die Welt. Dabei wird meistens übersehen, dass Yoga keineswegs auf Indien allein beschränkt ist und in der heute praktizierten Form relativ jung: Historisch betrachtet gab es eine Reihe von Traditionen, die ebenfalls Elemente des Yoga in sich tragen und weiterentwickelt haben, etwa der Buddhismus weit über den südasiatischen Raum hinaus oder auch die moderne Rezeption des Yoga im Westen, die als eigenständiges Kapitel und eigentlich losgelöst von der Vorgeschichte wahrzunehmen ist. Zum anderen muss immer wieder hervorgehoben werden, dass Yoga in der Form, wie es sich heute präsentiert, eigentlich eine recht junge Erscheinung ist und seine Wurzeln im Wesentlichen in spezifischen Entwicklungen des ausgehenden 19. Jh. hat. Von einer uralten, nur auf Indien zu beschränkenden Tradition kann also keine Rede sein.

Was eine Nähe zu Nationalismen betrifft, so gab und gibt es in Indien eine Reihe von sehr populären Gurus, die diese Schiene zuweilen um vieles radikaler bedienen. Einige von ihnen, etwa Baba Ramdev (geb. 1965) oder vor ihm schon der auch im Westen durchaus populäre Chinmayananda Saraswati (1916–1993), haben sogar ihre eigenen politischen Parteien gegründet, die radikalen Nationalismus propagierten. Diese Verbindung ist allerdings keine natürliche und nicht zwingend notwendig. Der schon zitierte Sri Sri Ravi Shankar beispielsweise lässt solche Tendenzen nicht erkennen (zumindest bislang).

Sadhguru profitiert zweifellos von der großen Nähe zum indischen Premierminister. Auch in Wien war seine Pressekonferenz in der indischen Botschaft veranstaltet – ein Privileg, das wohl nicht jedem indischen Lehrer zuteil wird. (Franz Winter, 7.4.2022)

Literatur

  • Sadhguru, Inner Engineering. A Yogi’s Guide to Joy, 2016
  • Sadhgura & Arundhathi Subramanian, Adiyogi. The Source of Yoga, 2017.
  • Arundhathi Subramanian, More than a Life. Sadhguru, 2010.
  • Mark Singelton und Ellen Goldberg (Hg.), Gurus of Modern Yoga, 2014, und darin der Artikel „Engineering an Artful Practice: On Jaggi Vasudev’s Isha Yoga and Sri Sri Ravi Shankar’s Art of Living” von Joanne Punzo Waghorne.
  • Franz Winter, Hindus and Hindu-Traditions in Austria, in: Knut Jacobsen und Ferdinando Sardella (Hg.), Handbook of Hinduism in Europe, Bd. 2, 2020, 806-832.

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