Laut Augenzeugen waren Militärhubschrauber im Einsatz.

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Kolumbianischer Soldat an einer Straßensperre an der Grenze zu Venezuela.

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Bogotá – Das kolumbianische Militär hat elf bei einem Einsatz in der Provinz Putumayo getötete Zivilisten laut Menschenrechtlern und indigenen Gruppen fälschlicherweise als Kämpfer dargestellt. Die Aktivisten kritisierten am Mittwoch, dass die Armee die elf Getöteten als "Guerilleros" darstelle, obwohl vier davon "Zivilisten, darunter auch Indigene", seien. Die Armee und die Regierung hatten angegeben, dass es sich um Mitglieder einer Splittergruppe der inzwischen aufgelösten Farc-Miliz handelte.

Der Organisation Opiac zufolge, die die indigenen Völker des kolumbianischen Amazonasgebiets vertritt, sind Pablo Panduro Coquinche (49), Gouverneur der Quechua, sowie ein Gemeindevorsteher und dessen Frau unter den Opfern. Human Rights Watch bekräftigte die Angaben. Das Büro des staatlichen Ombudsmanns für Menschenrechte erklärte zudem, dass ein 16-Jähriger getötet worden sei. Die Organisationen machten keine Angaben zu den übrigen Getöteten.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Die Organisationen forderten eine Untersuchung des Militäreinsatzes in dem Dort Alto Remanso an der Grenze zu Ecuador und Peru, der sich laut Militär gegen eine Gruppe richtete, die in den Drogenhandel verwickelt ist. "Die Operation richtete sich nicht gegen Bauern, sondern gegen Dissidenten der Farc", erklärte Verteidigungsminister Diego Molano auf Twitter. "Es ging nicht gegen unschuldige Indigene, sondern gegen Drogenhändler." Die Staatsanwaltschaft teilte jedoch mit, dass sie die "Ereignisse" untersuche.

Rodolfo Pama Lozada, der Vater des getöteten Jugendlichen, sagte dem Fernsehsender Caracol: "Mein Sohn war kein Dissident oder etwas Ähnliches". Seinen Angaben zufolge hatte ein Kommando schwarz uniformierter Männer das Dorf beschossen, in dem gerade der wöchentliche Wohltätigkeitsbasar stattfand. "Als das Militär eintraf, schlossen sie sich an." Auch Militärflugzeuge und Hubschrauber seien eingesetzt worden.

Soldaten nahmen Geld mit

Bei der Veranstaltung seien elf Millionen Pesos (2.600 Euro) für ein Bildungsprojekt eingenommen worden. Das Geld nahmen allerdings die Soldaten mit, berichtet Senator Felician Valencia von der Indigenenpartei Mais (Movimiento Alternativo Indígena y Social) laut Contagio Radio.

Ein Armeevertreter widersprach dieser Schilderung. Es gab "keinen Basar, es wurde einfach nur gekämpft", sagte er. Die Wohltätigkeitsveranstaltung mit Livemusik ist allerdings auf einem Video festgehalten.

Das Militär ermöglichte lokalen Medien, einen Soldaten im Spital zu interviewen, der berichtete, ihm sei von etwa 15 "Banditen", die Zivilkleidung trugen und mit Langwaffen ausgerüstet waren, in den Arm geschossen worden.

Präsident Iván Duque bejubelte den umstrittenen Armeeinsatz: Elf "Narcoterroristen" seien "neutralisiert" worden, schrieb er auf Twitter.

Bewohner fliehen

Mehreren Dorfbewohnern sei es gelungen, mit Kanus die Flucht zu ergreifen, berichtet die Zeitung "El Espectador", deren Reporter am Mittwoch nach vierstündiger Bootsfahrt Alto Remanso erreichten. Mittlerweile habe die Bevölkerung das Dorf verlassen, weil sie Vergeltungsmaßnahmen befürchte.

Die Dorfbewohner geben an, dass das Militär die Leichen der Getöteten mitgenommen habe. General Juan Carlos Correa hingegen sagte dem Magazin "Semana", dass sich diese im Gewahrsam der Staatsanwaltschaft befänden, die an der Identifizierung der Toten arbeite. Diese solle auch feststellen, ob die Erschossenen Kontakte zur Guerilla hatten.

Seit der Auflösung der Farc haben abtrünnige Gruppen die Macht in abgelegenen Grenzregionen übernommen. Sie kämpfen dort um die Kontrolle über den Kokainhandel.

Prämien für getötete Zivilisten

Das kolumbianische Militär hat in dem jahrelangen Kampf gegen die Farc-Rebellen tausende Zivilisten getötet. Nach Angaben des Friedenstribunals, das die schlimmsten Verbrechen des Konflikts untersucht, wurden zwischen 2002 und 2008 mindestens 6.400 Zivilisten vom Militär getötet und als Guerillakämpfer dargestellt, die Soldaten erhielten dafür Auszeichnungen und Geldprämien.

Die außergerichtlichen Tötungen werden in Kolumbien als "falsos positivos" ("falsche Positive") bezeichnet. Der Großteil dieser Fälle ereignete sich unter Verteidigungsminister Juan Manuel Santos, der später Präsident wurde und 2016 den Friedensnobelpreis erhielt. (bed, APA, AFP, 31.1.2022)