Naturlässig und schwer begabt: Jon Batiste, der Grammy-Favorit 2022.

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Für elf Grammys ist er nominiert, das ist fast für jedes Instrument, das er spielt, eine Nominierung. Jon Batiste spielt zwölf, darunter befinden sich Exoten wie das Akkordeon oder das Banjo. Dabei ist in seiner Heimat eigentlich wenig exotisch: Batiste kommt aus New Orleans, einer Wiege der populären Musik. Von dort ist viel Musik den Mississippi hochgekommen und wieder zurückgespült und vor der Haustür des 35-Jährigen angeschwemmt worden. Und er hat alles aufgesogen.

Entsprechend vielfältig klingt seine Kunst, meist ist es ein Gumbo aus Jazz, Blues, Rap, Rhythm and Blues und Funk, wobei er, anders als beim Gumbo, darauf achtet, keinen Eintopf anzurichten. Vermengung ist gut, Verbreiung nicht. Der Unterschied ist die Kunst.

Vom Jänner verschoben

Damit ist er der Favorit der von Jänner in den April verschobenen und nun am Sonntagabend in Las Vegas stattfindenden 64. Grammy Awards. Die Grammys sind der wichtigste US-amerikanische Musikindustriepreis.

Jonathan Michael Batiste ist mit einem Wort nicht zu beschreiben, wiewohl er widersprechen und sich mit "human" – menschlich – bescheiden würde. Batiste ist ein Alleskönner. Einer, der sich vom Spätwerks Ludwig van Beethovens inspirieren lässt und darin Parallelen zur Rhythmik des Rappers Eminem entdeckt. Und er hat im kleinen Finger mehr Musik als andere Bands nach Jahren im Probenkeller. Wobei – selbst sein kleiner Finger ist ziemlich lang. Batistes Hände verraten eine Vorliebe für Tasteninstrumente, die er seit der Kindheit spielt.

Komisches Talent

Mit 16, 17 wurde er Berufsmusiker, 2005, mit 19, veröffentlichte er sein erstes Album, seit 2015 bildet er mit seiner Combo Stay Human die Hausband von Stephen Colberts The Late Show. Dort stellt er sein musikalisches Talent ebenso zur Schau wie sein komisches, wenn er mit Colbert blödelt – seine Popularität hat von der Show natürlich profitiert.

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Und schließlich ist Batiste noch eine Art neuzeitlicher Bürgerrechtler. Er begleitet Protestmärsche und Versammlungen der Black-Lives-Matter-Bewegung, er organisiert Benefizveranstaltungen, wenn seine vielgeprüfte Heimatstadt wieder einmal Besuch von einem Hurrikan hatte, und er kommt angereist, wenn er um einen Charity-Auftritt für eine gute Sache gebeten wird.

Gerechte Anliegen

Im Gepäck gerechte Anliegen und ein Lachen, das an das Gute im Menschen glauben lässt. Er selbst veranstaltet sogenannte Love Riots. Als Mann aus New Orleans trägt er die Vorliebe für öffentliche Märsche gewissermaßen in seinem Erbgut, für seine Love Riots geht er mit Band spontan auf die Straße, um eine Party zu geben. Diese Saat geht nun auf.

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Sein im Vorjahr erschienenes Album We Are ist für acht Grammys nominiert, drei weitere Nominierungen bescherte ihm seine Arbeit für den Animationsfilm Soul. Für Soul hat er mit Trent Reznor von Nine Inch Nails und Atticus Ross die Musik gemacht, seine Hände waren zudem die Animationsvorlage für jene der Hauptfigur.

Album aus der Besenkammer

In Batiste spiegelt sich vieles, was Amerika gerade bewegt: Er personifiziert das Gute, das Optimistische, das Inspirierende. Zudem werden die Nominierungen für Batiste als überfälliges Zeichen des hinter den Grammys stehenden Gremiums gesehen, das sich in den letzten Jahren Kritik gefallen lassen musste, weil sich die Vielfältigkeit der Musikwelt allzu oft nur in der Auszeichnung weißer Musikerinnen und Musiker niederschlug.

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Wobei in der populären Musik die Grammy-Rekorde bei Quincy Jones, Beyoncé (je 28), Alison Krauss (27) und Stevie Wonder mit 25 Trophäen liegen.

Batiste mag ein um Konsens bemühter Künstler sein, das macht ihn aber nicht zu einem Konsenskünstler, wenngleich seine Popularität das nahelegt. Doch diese lebt er mit einer sympathischen Bescheidenheit. We Are hat er im Wesentlichen in der Garderobe der Late Show geschrieben, quasi in der Besenkammer. Entstanden ist ein prächtiges Album, das die vielfältige Geschichte schwarzer Musik auf einem vollen Teller ins Jetzt transportiert und mit gewinnendem Lachen kredenzt.

Wie oft sein Schöpfer bei der 64. Grammy-Award-Verleihung wird lachen können, wird die Nacht von Sonntag auf Montag zeigen. (Karl Fluch, 3.4.2022)