Orchesterproben mit Sicherheitsabstand: Die Pandemie zwang Musikschaffende zu Ungewohntem.

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Die Kulturmanagerin Sarah Wedl-Wilson leitet nach dem Mozarteum jetzt die Musikuniversität in Berlin.

Markus Neumann

Die Ringvorlesung "Gesundheit. Gesellschaft in der Krise?" an der Medizinischen Universität Wien, die seit März via Zoom verfolgt werden kann, befasst sich mit den Implikationen der Corona-Pandemie auf Bereiche der Gesellschaft. Heute, Dienstag, ist der Kulturbetrieb an der Reihe: Vortragen werden Michael Fluess, Künstler aus Düsseldorf, sowie die Kulturmanagerin Sarah Wedl-Wilson.

Die Austrobritin war 2014 bis 2018 Vizerektorin des Salzburger Mozarteums, heute leitet sie die Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin (HFM). Dem STANDARD erzählte sie vorab, wie schwierig es sei, eine Universität mit rund tausend Involvierten durch die Pandemie zu führen: "Corona traf uns mitten in den Semesterferien, viele Studierende reisten nicht zurück nach Berlin und blieben zu Hause, oft im beschränkten Raum und ohne adäquates Internet – und das aus der ganzen Welt und in ganz unterschiedlichen Zeitzonen."

Fehlende Liveerfahrung

Man habe über Nacht "das Wesentliche, das Herz unserer Ausbildung, ins Digitale verlegen müssen: den Einzelunterricht. Wohlwissend, dass das Digitale nur ein Ersatz sein konnte, ein Aufrechterhalten von Perspektiven und Ambitionen." Etwas Wesentliches fehle aber bei dieser Form des Unterrichts: die Live-Erfahrung mit Publikum. "Das Üben auf der Bühne, vor einem Publikum, ist ein ganz wesentlicher Baustein unserer Ausbildung. Der Umgang mit Adrenalin, einer körpereigenen Droge, gehört geübt: Dieser Rush fehlte unseren Studierenden." Bis Mitte 2021 habe es gedauert, bis man wieder ein Orchesterprojekt habe umsetzen können, sagt die Rektorin.

In Österreich und Deutschland könne man froh sein, dass der Kulturbetrieb kulturpolitisch so stark gestützt werde und dass es Hilfsmaßnahmen gab, meint sie. "Auch wenn vieles gefühlt für den Einzelnen zu langsam ging: Kein Mensch konnte auf einen Erfahrungsschatz zurückgreifen, wir fuhren alle auf Sicht im Nebel."

Wurde genug getan?

Wurde vonseiten der Politik genug getan, um die Belastungen abzufedern? "Solange es Kunstschaffende gibt, die den Mut verlieren, oder Kulturbetriebe, die zusperren müssen, haben die Maßnahmen noch Potenzial", sagt Wedl-Wilson. Es sei der Kulturbranche in der Pandemie "vielleicht erstmals wirklich klar geworden, dass wir keine starke Lobby haben und für die Zukunft daran arbeiten müssen".

Waren alle Maßnahmen die Schließung und Öffnung betreffend richtig? "Es gibt kein Richtig oder Falsch, nur den gewählten Weg. Chose it and stick to it!", meint Wedl-Wilson. Klar, Alternativen werde es immer geben. Insofern hätte sie persönlich an manchen Stellen in der Pandemie anders entschieden als die Politik. "Aber ob das besser gewesen wäre?"

Keine Sorge um Zukunft

An Publikumsschwund und andere Untergangsszenarien die Kulturbranche betreffend glaubt Wedl-Wilson indes nicht, denn auch wenn der Kulturtourismus noch zaghaft anlaufe und wenn viele sich noch in den eigenen vier Wänden weiterhin schützen wollten, "der Run auf das Liveerlebnis ist wieder spürbar. Das kollektive Erleben, endlich den Emotionen wieder freien Lauf zu lassen, hat den Menschen gefehlt."

Um den musikalischen Nachwuchs sorgt sich die Rektorin nicht, aber: "Ich fürchte eher die Elterngeneration, die ihren Kindern aus Sorge um den Lebensunterhalt jetzt zu vermeintlich sicheren Professionen wie Jus oder Medizin rät." (Stefan Weiss, 5.4.2022)