Alexander Erler ...

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... nach seinem Sieg gegen Carlos Alcaraz.

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Carlos Alcaraz ...

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... nach seinem Sieg gegen Casper Ruud.

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Carlos Alcaraz ist die Nummer elf der Tennis-Weltrangliste. Alexander Erler ist die Nummer 390. Der Spanier hat das Miami Masters gewonnen, der Österreicher ist im Challenger-Turnier von Biel in der Qualifikation gescheitert. Alcaraz ist am Sonntag um 1,1 Millionen Euro reicher geworden, Erler hat 115 Dollar verdient. Und wenn man die beiden gegeneinander spielen lässt? Glasklare Sache, sollte man meinen. Doch im direkten Vergleich steht es 1:0 für den Tiroler.

Am 27. Juli 2021 bezwang Erler Alcaraz in der ersten Runde von Kitzbühel mit 7:5, 1:6 und 6:2. "Das war das beste Spiel meines Lebens", sagt der 24-Jährige im Gespräch mit dem STANDARD. "Im dritten Satz ist mir alles aufgegangen. Die Fans im Stadion haben mich unterstützt, es war Wahnsinn. Es liegt im Tennis enger beisammen, als viele Außenstehende glauben. Manchmal entscheiden zwei, drei Bälle ein Match."

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Der 18-jährige Alcaraz war schon damals kein Unbekannter, er wird nicht erst seit gestern als kommender Superstar gepriesen. Kurz vor seinem Auftritt in Kitzbühel hatte der Youngster in Umag sein erstes ATP-Turnier gewonnen. Mag sein, dass ihm die Umstellung von der kroatischen Meereslage auf die Tiroler Höhenluft nicht bekam, den Sieg musste sich Erler trotzdem hart erarbeiten. "Carlos hat keine Schwäche, er schlägt Winner mit dem Aufschlag, der Vorhand und der Rückhand." Und nicht nur das, der offizielle ATP-Newcomer des Jahres 2020 versteht es, im richtigen Moment Tempo und Flugbahn zu variieren. Ein Fighter mit flotten Beinen ist er obendrein.

Große Zukunft

Man muss nicht Nostradamus heißen, um dem Athleten aus Murcia eine große Zukunft vorherzusagen. Mit dem Triumph in Miami hat Alcaraz bereits Geschichte geschrieben. Einzig der US-Amerikaner Michael Chang und der große Rafael Nadal waren bei ihren ersten Masterstiteln noch etwas jünger als der Spanier, der sein Bravourstück mit exakt 18 Jahren und 333 Tagen vollbrachte. Alcaraz löste Novak Djokovic als jüngsten Miami-Champion ab, der Weltranglistenerste aus Serbien gewann den Titel 2007 im Alter von 19 Jahren.

Kurz nach dem 7:5, 6:4 im Finale gegen den als Nummer sechs gesetzten Norweger Casper Ruud hatte Alcaraz den spanischen König Felipe VI. an der Strippe. "Es ist ziemlich großartig, einen Anruf vom König zu bekommen. Ich war nervöser als im Match, ich hätte nie damit gerechnet", sagte der Teenager zu den royalen Glückwünschen.

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Bei Erler ruft kein König, sondern ein Bauer an. Glückwünsche bleiben aus, dafür gibt es Fragen. Warum ist ein Alcaraz der große Star und ein Erler plagt sich auf Plätzen bar jeden Glamours ab? "Die Konstanz macht den Unterschied", sagt Erler. Ein Alcaraz könne das Niveau über weite Strecken oben halten. "Er hat keine Durchhänger. Und er ist erst 18 Jahre alt – der wird noch viel besser, als er es ohnehin schon ist."

Optimales Umfeld

Erler wird von Wolfgang Thiem trainiert, sein Touring-Coach ist der einstige steirische Meister Thomas Weindorfer. Auch hier spielt Alcaraz freilich in einer anderen Liga, er wird vom ehemaligen Weltranglistenersten Juan Carlos Ferrero betreut und lebt in dessen Akademie in Villena an der südöstlichen Küste Spaniens. "Er wird optimal versorgt, hat immer seine Physiotherapeuten dabei. Das können sich Spieler auf der Challenger-Tour im Normalfall gar nicht leisten."

Die Challenger-Tour ist ein hartes Pflaster, die Prämien sind bescheiden, die Konkurrenten hungrig. Ein Sieg wie jener gegen Alcaraz ist zwar "wichtig fürs Selbstvertrauen, man muss sich aber jeden Tag aufs Neue beweisen". Nur wer langfristig den Sprung auf die ATP-Tour und zu den Grand-Slam-Turnieren schafft, verfügt über ausreichend Ressourcen, um ein hochprofessionelles Umfeld aufzubauen. So bleibt das übergeordnete Ziel aller Profis das Erreichen der Top 100. Im Doppel steht Erler als Nummer 107 an der Eingangspforte. Gemeinsam mit dem Niederösterreicher Lucas Miedler konnte er im Vorjahr in Kitzbühel gewinnen. "Mein größter Erfolg. Auch da hat man gesehen, dass zwischen der Nummer 30 und der Nummer 300 kein großer Unterschied ist. Wir haben das Turnier aus dem Nichts gewonnen."

Nach Verletzungen und Erkrankungen will Erler auch im Einzel wieder anschließen. Und Alcaraz? Was traut er dem Spanier zu? "Ich denke, er wird die Nummer eins." (Philip Bauer, 5.4.2022)