In Staten Island gelang es Amazon-Mitarbeitern zum ersten Mal, die Gründung einer Gewerkschaft durchzusetzen – der Konzern erwägt jedoch einen Einspruch gegen das Ergebnis.

Foto: AP/Eduardo Munoz Avarez

Vor kurzem haben die Arbeiter am Amazon-Standort in Staten Island (New York) Konzerngeschichte geschrieben. Trotz starker Lobbyingbemühungen des Unternehmens ist es ihnen gelungen, nicht nur eine Abstimmung über die Gründung einer Gewerkschaft durchzusetzen, sondern diese auch für sich zu entscheiden. Ähnliche Bewegungen hatte es bereits in anderen Logistikzentren gegeben, wo das Unternehmen aber jeweils genug Druck ausüben konnte, um ein negatives Abstimmungsergebnis zu erzielen.

Der nächste mögliche Streitpunkt kündigt sich bereits an. Amazon könnte für seine Beschäftigten in den USA eine neue Chat-App einführen. Und laut "The Intercept" gibt es eine recht umfangreiche Liste an Begriffen, die in dieser zensiert werden sollen. "Gewerkschaft" ist einer davon.

"Shout-outs" für bessere Stimmung

Der Bericht geht auf interne Dokumente zurück. Eine Sprecherin des Konzerns verweist darauf, dass "dieses spezifische Projekt noch nicht [zur finalen Umsetzung, Anm.] genehmigt wurde, sich daher noch signifikant ändern kann oder gar nicht erst starten wird".

Hervorgegangen ist die App aus der Idee, eine Art internes Social Network einzurichten, in dem sich Mitarbeiter gegenseitig mit "Shout-outs" loben können, wodurch man sich einen Rückgang bei Personalabgängen und höhere Produktivität erhofft. Dazu sollte auch ein "gamifizierter" Ansatz dienen – Nutzer sollten sich auch virtuelle Sterne und Orden für besondere Leistungen im Sinne der Firma verleihen können.

US-Late-Night-Talker John Oliver beleuchtete kürzlich die Situation der Amazon-Lieferfahrer.
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Gleichzeitig sollte der Fokus zur Erhaltung einer "positiven Gemeinschaft" auf der direkten Interaktion der Angestellten liegen und die Plattform daher weniger wie Facebook und mehr wie Dating-Apps à la Bumble aussehen. Bei einem Treffen der Verantwortlichen wurde schließlich auch beschlossen, einen automatischen Wortfilter zur Vermeidung "negativer Erfahrungen" zu integrieren. Man entschied sich bewusst für einen "restriktiven" Zugang, damit "Shout-outs" nicht zur Verbreitung schlechter Stimmung genutzt werden könnten.

"Gewerkschaft", "Freiheit", "Gehaltserhöhung"

Auf besagter Sperrliste landeten erwartungsgemäß allerlei Beleidigungen und Schimpfwörter. Wenn die App im Lauf dieses Monats in einem Pilotprogramm startet, werden laut den internen Dokumenten aber auch viele andere Begriffe und Phrasen zensiert werden.

Wie erwähnt ist "Gewerkschaft" einer davon. Dazu kommen – unter anderem – "Toiletten", "Sklave", "Sklavenarbeit", "Freiheit", "Impfung", "Petition", "Gefängnis", "Gehaltserhöhung", "Entschädigung", "Mobbing" und "Entlassung". "The Intercept" listet insgesamt 42 Sperrlisteneinträge auf, bei denen es sich nicht um offensichtliche Beleidigungen und Schimpfwörter handelt.

Amazon streitet die Darstellung ab. Sollte die App eines Tages in den Vollbetrieb gehen, so werde es für "viele der genannten Begriffe" keine Überprüfung geben. Man wolle sich beim Wortfilter explizit auf Beschimpfungen und Belästigung fokussieren.

Amazon erwägt Einspruch gegen Wahlergebnis

Alleine 43 Millionen Dollar soll Amazon, das mittlerweile mit über 1,5 Billionen Dollar bewertet wird, im vergangenen Jahr an Firmen überwiesen haben, die Ratschläge zur Bekämpfung von Gewerkschaftsinitiativen geben. Gerade in den USA gibt es einige Dienstleister, die sich auf sogenanntes "Union Busting" spezialisieren. Die Gewerkschaftsgründungsinitiative in Staten Island verfügte über Mittel in Höhe von 120.000 Dollar, um für ihr Anliegen zu werben.

Die Einrichtung einer Gewerkschaftsvertretung in Staten Island ist aber noch nicht ganz in trockenen Tüchern. Amazon wirft dem National Labor Relations Board Einmischung vor und erwägt einen Einspruch gegen das Abstimmungsergebnis. Andererseits könnte am Standort in Bessemer (Alabama) bald ein zweiter Erfolg für die Gewerkschaftsverfechter folgen. Hier hatten die Mitarbeiter sich im Jahr 2020 noch mehrheitlich gegen den Anschluss an die Handelsgewerkschaft ausgesprochen. Das National Labor Relations Board ordnete jedoch eine erneute Abstimmung an, weil Amazon den Wahlausgang mit unfairen Mitteln beeinflusst hatte.

Vor kurzem wurden die Stimmen des zweiten Urnengangs ausgezählt. Das Ergebnis fiel so knapp aus, dass es nun darauf ankommen wird, ob von den Gewerkschaftsbefürwortern wegen mutmaßlich unrechtmäßiger Einflussnahme beeinspruchte Stimmen gezählt oder annulliert werden. (gpi, 5.4.2022)