Menschen in einem somalischen Flüchtlingslager warten auf Hilfslieferungen.

Foto: AFP/YASUYOSHI CHIBA

Seinen Kopf in ein Tuch gewickelt, irrt Abdi Ahmed durch das Dorf Budunbuto in der somalischen Puntland-Region und macht Bewegungen, als ob er bereits den Verstand verloren hätte. "Wie soll ich denn die Wassereimer zu meinem Kraal bringen, wo mein Esel gestorben ist?", ruft der Nomade verzweifelt. "Mein Kraal ist einen Tagesmarsch von hier entfernt!" Die beiden Eimer mit dem kostbaren Nass hat er von Budunbutos Dorfältesten erhalten: Es waren Saids letzte. Der Bürgermeister des Dorfes ist der Einzige, der die umgerechnet 200 Euro bezahlen konnte, um einen Wassertanker von der gut 100 Kilometer entfernten Provinzstadt Garowe nach Budunbuto kommen zu lassen. Nun ist auch diese Hoffnung verschenkt. "Eine alte Frau und ein junger Mann aus meiner Familie sind vergangene Woche gestorben", ruft Abdi. "Wir werden alle sterben, wenn Gott uns nicht hilft."

Vor dem Gebet säubern Budunbutos Bewohner ihre Füße mit Sand: Wasser wäre zu teuer und ist ohnehin nicht mehr zu haben. Am Rand des Dorfes sind Spuren von Hyänen zu sehen. Um nicht noch mehr Raubtiere anzulocken, vergraben die Leute ihre verendeten Kühe und Schafe. Bauer Abdillah Fara erzählt, dass er nachts seinen Kühen immer wieder auf die Beine helfe: "Bleiben sie liegen, schlafen sie ein und sterben."

"Dauerkrise"

In Budunbuto hat es bereits seit vier Jahren so gut wie nicht mehr geregnet. Die Dorfbewohner können sich an keine schlimmere Dürre erinnern. "Somalia ist an Trockenheit gewöhnt, nichts wird das ändern", sagt Abdullahi Abdirahman Ahmed von der somalischen Hilfsorganisation Hadma. "Aber die jüngsten Wetterkapriolen haben uns in eine Dauerkrise gestürzt." Nach Angaben der Uno sind 4,5 Millionen Somalier auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, ein Viertel der Bevölkerung. Um zu überleben, haben fast 700.000 Menschen ihr Zuhause verlassen. In dem Trümmerstaat am Horn von Afrika soll es inzwischen 2.400 Flüchtlingscamps geben.

Die Katastrophe beschränkt sich nicht auf Somalia: Auch in den Nachbarstaaten Kenia, Äthiopien und Eritrea wächst die Verzweiflung. In Kenia verendeten bereits 1,5 Millionen Rinder, Ziegen und Schafe, 70 Prozent der Ernte wurden zerstört. In Äthiopien sieht es wegen des Bürgerkriegs noch schlimmer aus: Dort sind 9,4 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, teilt die Uno mit. Bleibt, wie Klimatologen befürchten, auch in den kommenden zwei Monaten der Regen aus, wird die Zahl der Hilfsbedürftigen in Ostafrika auf 28 Millionen anschwellen.

Wetterphänomen und Heuschreckenplage

Fachleute machen für die Dürre das Wetterphänomen La Niña verantwortlich, das zwar schon seit ewigen Zeiten das Klima in weiten Teilen der Welt (gemeinsam mit seinem Bruder El Niño) beeinflusst, infolge der Klimaerwärmung aber immer ausgeprägter und häufiger auftritt. In den 44 Jahren zwischen 1954 und 1998 wurden zwölf Niñas gezählt, die nächsten zwölf folgten bereits innerhalb von zwanzig Jahren.

Zu der sich anbahnenden Katastrophe trugen noch weitere widrige Umstände bei. Nach einer ungewöhnlichen Erwärmung des Indischen Ozeans lösten starke Regenfälle auf der Arabischen Halbinsel eine Heuschreckenplage aus. Die Insekten breiteten sich auch über Ostafrika aus, wo sie ganze Landstriche kahl fraßen.

Zu allem Unheil kam noch die Corona-Pandemie dazu, die den Handel und Transport von Lebensmitteln unterbrach. Und schließlich wirkt sich seit einem Monat auch Wladimir Putins Krieg in der Ukraine verhängnisvoll auf die ostafrikanische Krisenregion aus. Neben den Treibstoffpreisen sind auch die Preise für Lebensmittel in die Höhe geschossen. Der Ausfall der Ukraine und Russlands als "Kornkammern der Welt" – die beiden Staaten hatten bisher mehr als die Hälfte des globalen Speiseölbedarfs und fast ein Drittel des Weizenbedarfs abgedeckt – verdoppelte die Preise von Speiseöl und Getreide, aber auch von Düngemitteln, innerhalb weniger Wochen.

Hilfe wird teurer

Darunter leidet auch das Welternährungsprogramm (WFP), das für seine Lebensmittelhilfe immer größere Summen aufwenden muss, während die Hilfsbereitschaft der Gebernationen (auch angesichts der Notlage in der Ukraine) gegenüber dem Rest der Welt rapide abnimmt. Die Uno hat für ihre Hilfe allein in Somalia fast 1,5 Milliarden US-Dollar veranschlagt. Eingegangen sind davon bislang gerade einmal 56 Millionen. (Johannes Dieterich, 6.4.2022)