Mobilität neu denken – das fordert Verkehrsexperte Andreas Herrmann. Es gehe auch um das Überleben der europäischen Autoindustrie.

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Die Städte quellen über vor Autos. Das wird mit dem Umstieg vom Diesel oder Benziner zum Elektroantrieb nicht anders. Die Emissionen werden gedrückt, das ja; dass pro Auto aber im Schnitt nur 1,3 Personen unterwegs sind, obwohl fünf Platz hätten, daran ändert das nichts. "Wir müssen radikal umdenken", sagt Mobilitätsforscher Andreas Herrmann.

Wir – das seien die Autoindustrie, Bus- und Bahngesellschaften, aber auch jeder und jede Einzelne. Es gehe darum, Mobilität vernetzt zu denken und Verzicht zu lernen. "Verzicht auf Besitz", wie der studierte Betriebswirt Herrmann, einer von drei Leitern des Instituts für Mobilität der Universität St. Gallen, im STANDARD-Gespräch präzisiert.

Emotional aufgeladenes Produkt

Die Notwendigkeit, Mobilität nicht mehr als Stand-alone-Lösung, sondern ganzheitlich zu denken, sei Folge eines ungeheuren Erfolgs. "Die Autoindustrie hat es verstanden, ihr Produkt emotional so aufzuladen, dass es die ganze Welt begeistert hat. Keine andere Branche hat in der Nachkriegszeit so viel Geld verdient, und sie tut es heute noch", sagt Hermann. Das sei Segen und Fluch zugleich.

Die unglaubliche Popularität des Autos führe zu fast unlösbaren Problemen, insbesondere in Megacitys. Man denke an die gigantischen Staus, Umweltbelastung, Stress und die riesigen Flächen, die durch Pkws, Lkws und Kleinlaster verstellt werden. Gerade das extrem erfolgreiche Geschäftsmodell der Autoindustrie, an dem auch der Staat, Zulieferer und Menschen rundherum mitverdienen, mache es so schwer loszulassen. Ohne Kursänderung führe der Weg aber in die Sackgasse.

Andreas Herrmann hat Betriebswirtschaft studiert, ist Visiting Professor an der London School of Economics und leitet gemeinsam mit Torsten Tomczak und Wolfgang Jenewein das Institut für Mobilität der Universität St. Gallen.
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Für Herrmann, der aus Süddeutschland stammt, auch an der London School of Economics lehrt und kürzlich mit Johann Jungwirth und Frank Huber ein Buch mit dem Titel Mobilität für alle (Campus Verlag 2022, 296 Seiten, 32,90 Euro) publiziert hat, ist klar, dass es ohne Peitsche nicht geht. Es seien insbesondere die Städte, die aus der Not heraus immer stärker gegen den Individualverkehr vorgingen.

Best-Practice-Beispiele

So habe sich etwa die Stadtverwaltung von Kopenhagen vorgenommen, jedes Jahr fünf Prozent der Parkplätze zu streichen und in soziale Begegnungsstätten umzuwandeln – bei gleichzeitigem Ausbau der Mikromobilität mit Shuttles und E-Rollern zur Abdeckung der letzten Meile bis zur Wohnungstür.

Die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, propagiere die 15-Minuten-Stadt, in der Bürger und Bürgerinnen von Arbeit über Freizeit und Einkauf alles im Umkreis einer Viertelstunde finden und nicht die Stadt queren müssen. Beispiele, wo Städte bereits wieder menschengerechter gemacht werden, gebe es noch und nöcher. All diese Konzepte hätten eines gemeinsam: weniger Autos, diese dafür permanent im Einsatz – Fahrzeuge statt Stehzeuge.

Viel Ratlosigkeit

Das sei als Bedrohung für die Autoindustrie zu sehen. Noch wisse diese nicht, wie sie die Milliardenumsätze aus dem Fahrzeugverkauf mit einem anderen Geschäftsmodell abbilden kann. "Da herrscht noch viel Ratlosigkeit", sagt Herrmann.

Andererseits – wer glaube, sich mit dem E-Auto in die Zukunft retten zu können, denke zu kurz. Herrmann verdeutlicht das am Beispiel von Batterien und Steuerungssoftware: "Das alles kommt aus Asien und macht ungefähr 40 Prozent der Wertschöpfung eines Elektrofahrzeugs aus. Die europäische Autoindustrie muss Mobilitätskonzepte entwickeln, wo sie selbst stark ist." (Günther Strobl, 8.4.2022)