Lehrlinge als angehende Expertinnen möchten schon während der Lehrzeit ernst genommen werden.

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Nicht wenige junge Menschen, die eine Lehre bei einem Unternehmen abschließen, entscheiden sich dann, jenes zu verlassen und sich anderweitig zu bewerben. Für Unternehmen bedeutet dies oftmals einen bitteren Verlust, da es ihnen besonders zugutekommt, ihre jungen Talente "aus den eigenen Reihen" bei sich zu halten. Diese kennen das Unternehmen in- und auswendig, so sind sie als Fachkräfte quasi mit dem Unternehmen aufgewachsen. Doch wie gelingt es Unternehmen, ihre Lehrlinge dazu zu motivieren, auch nach der Lehrzeit im Betrieb zu bleiben?

  • Mitarbeiterbindung als Herausforderung

Insbesondere in Zeiten des Fachkräftemangels ist es von großer Bedeutung, dass Unternehmen ihre Fachkräfte bei sich halten. Im Personalmanagement werden dafür eigens Konzepte erstellt, die verschiedene Maßnahmen enthalten, damit die Zufriedenheit steigt. Denn Unzufriedenheit der Arbeitnehmer führt oftmals zu steigender Wechselwilligkeit. Laut diversen Studien, beispielsweise der "Global Workplace Study", hängt die Zufriedenheit von Arbeitnehmerinnen weniger von der Höhe ihres Gehalts, sondern vielmehr von Faktoren wie beispielsweise Vertrauen gegenüber ihrem Arbeitgeber ab. Daher versuchen Unternehmen, eine gute Arbeitsatmosphäre mit diversen positiven Anreizen zu gestalten und den Mitarbeitern eine ausgewogene Work-Life-Balance zu ermöglichen.

  • Lehrlinge im Betrieb halten

Wenn es um eine nachhaltige Mitarbeiterbindung von Lehrlingen nach Abschluss ihrer Lehrzeit geht, sind insbesondere emotionelle Faktoren besonders wichtig. Die jungen Menschen wollen Raum für Selbstverwirklichung, Sicherheit – und dass man ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Daher ist es wichtig, dass Unternehmen ihnen ein Arbeitsklima schaffen, in dem sie sich ernst genommen sowie gehört fühlen und in dem ihnen ver- und vor allem auch zugetraut wird. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Lehrlinge eher in einem Unternehmen bleiben, in dem ihnen schon während ihrer Lehrzeit das Gefühl vermittelt wird, vollwertige und wertgeschätzte Mitglieder eines Teams zu sein. Wie im Rahmen der aktuellen Market-Studie zur Lage in der Lehre betont wurde, sind den jungen Menschen Karriere und Gehalt heutzutage eher weniger wichtig. Die jungen Talente wollen sich vielmehr mit ihrem Unternehmen identifizieren können; so sind die Attraktivität des Unternehmens und eine Vermittlung von der Gen Z als besonders wichtig erachteten Werten wie Nachhaltigkeit und eine Affinität zum Digitalen oftmals zentral oder gar ausschlaggebend.

  • Künftige Expertinnen

Britta Schindler, Head of People & Change bei A1 Telekom Austria AG, weist auf die Bedeutung hin, die Nachwuchstalente im Unternehmen als künftige Expertinnen zu fördern und zu fordern, sie bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeiten zu unterstützen und die jungen Mitarbeiter auch untereinander regelmäßig zu vernetzen. So sei es fast eine Selbstverständlichkeit, dass die jungen Talente sich dafür entscheiden, im Unternehmen zu bleiben: Für etwa 96 Prozent der Lehrlinge geht ihre "Reise" auch nach Abschluss der Lehrzeit bei A1 weiter.

Auch die Verbund AG bemüht sich laut dem Vorstandsvorsitzenden Michael Strugl besonders darum, ein "attraktives Arbeitsumfeld" für ihre Lehrlinge zu schaffen. So wurde in Ybbs ein neuer, moderner Lehrlingscampus geschaffen; dem für viele Gen-Z-Angehörige bedeutsamen Aspekt Nachhaltigkeit kommt eine Vielzahl sogenannter Green Jobs nach.

  • Neue Bezeichnung für Lehrlinge

Die Market-Studie zeigte auch, dass unter jungen Menschen die Begriffe "Lehre" und "Lehrling" eher wenig bis gar nicht beliebt sind. Diese Begrifflichkeiten gelten als "alt und verstaubt". Im Hinblick auf die Mitarbeiterbindung ließe sich daraus schließen, dass sich junge Menschen in Unternehmen, in denen Lehrlinge mit alternativen, moderneren Bezeichnungen "betitelt" werden, wie beispielsweise Auszubildender oder Trainee, eher wertgeschätzt und ernst genommen fühlen. Die Siemens AG verzichtet beispielsweise mittlerweile fast vollständig auf die Bezeichnungen "Lehre" und "Lehrling", auch auf deren Homepage wird eine Lehre weitgehend als Ausbildung angeführt.

Anhand der Beispiele zeigt sich, was eigentlich wenig überraschend sein dürfte: Mitarbeiterbindung von Lehrlingen gelingt dann am besten, wenn sich die jungen Talente zum einen schon während ihrer Lehrzeit wohl am Arbeitsplatz fühlen. Zum anderen bleiben die jungen Menschen eher in Unternehmen, in denen jene Werte hochgehalten werden, die ihnen im Hinblick auf ihre Zukunft wirklich wichtig sind. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie auch eher in Unternehmen bleiben, in denen sie nicht mehr "nur" als Lehrlinge bezeichnet und gesehen werden, sondern vielmehr als künftige Expertinnen. (Mario Derntl, Laya Harnoncourt, 9.4.2022)