Das Gericht befand, dass Boris Becker entgegen den gesetzlichen Vorgaben seinen gesamten Besitz nicht offenlegte.

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Beim Sport wäre ein 20:4-Sieg eine tolle Sache. Für den einstigen Tennis-Weltstar Boris Becker aber stellte das Ergebnis der Geschworenenberatung am Krongericht von London-Southwark eine schwere Niederlage dar. Zwar sprachen ihn die elf zufällig ausgewählten Männer und Frauen am Freitagnachmittag in 20 Einzeldelikten frei, sie hielten ihn aber in vier Punkten der Anklage der Insolvenzverschleppung für schuldig. Ob der 54-Jährige ins Gefängnis muss oder mit einer Bewährungsstrafe davonkommt, entscheidet sich Ende des Monats. Theoretisch könnte ihm eine Haftstrafe von bis zu sieben Jahren drohen.

Becker erfreut sich bei den Briten großer Beliebtheit, seit er mit gerade mal 17 Jahren sensationell das berühmteste Tennisturnier der Welt in Wimbledon gewann. Zwei weitere Siege dort sowie drei andere Grand-Slam-Siege machten den Deutschen zur Tennislegende. Seit langem dient er der BBC als fachkundiger Kommentator am Ort seiner größten Triumphe: dem 17,8 Hektar großen Gelände des All England Lawn Tennis & Croquet Club mitten im Südlondoner Mittelschichtviertel. Die Zuneigung ist gegenseitig: Vor zehn Jahren ließ sich Becker dauerhaft an der Themse nieder.

Britische Klatschpresse vergleichsweise zahm

Vielleicht erklärt die weitreichende Sympathie, warum die finanziellen Schwierigkeiten des Sportstars in den britischen Medien vergleichsweise wenig besprochen wurden. Nach dem Prozessauftakt Ende März wurde von der Verhandlung in dem bunkerartigen Bau am Südufer der Themse kaum noch berichtet. Hingegen tummelten sich deutsche Reporter im Gerichtssaal, beobachteten akribisch die Auftritte des stets angestrengt wirkenden Angeklagten und seiner Partnerin Lilian de Carvalho Monteiro. Beckers ungesunde, stark gerötete Gesichtsfarbe lieferte Hinweise darauf, wie peinlich dem an freundliche Interviewfragen gewöhnten Prominenten die harte Auseinandersetzung vor Gericht war – zumal sich tiefe Einblicke in sein Privatleben boten.

Die Anklageschrift von Kronanwältin Rebecca Chalkley, das Plädoyer seines Verteidigers Jonathan Laidlaw und die ausführlichen Aussagen des Angeklagten in der Becker-typischen Mischung aus raubauzigem Charme und selbstverliebter Larmoyanz selbst zeichneten das Bild eines verwöhnten, nachlässigen, von mehr oder weniger kompetenten Beratern umgebenen Mannes. Seit er mit 16 Jahren die Schule verlassen hatte, um Tennisprofi zu werden, sagte Becker, "war meine Rolle: trainieren, gut spielen und hoffentlich Turniere gewinnen". Praktisch alles andere sei ihm abgenommen worden.

Im Lauf seiner Profikarriere hätten seine Einkünfte etwa je 25 Millionen Euro Gewinngelder und Einnahmen aus Sponsorendeals betragen, erläuterte Becker. Dafür, Geschäftsverträge gründlich zu lesen, habe ihm jedoch die Geduld gefehlt, sagte der Angeklagte, der sich wegen des teils schwierigen Fachjargons immer wieder mit einer Gerichtsübersetzerin behalf. "Ich schaute auf die Summe und die Dauer des Vertrags", der Rest sei Sache seines Anwalts gewesen. Verteidiger Laidlaw fasste diese Selbstcharakterisierung prägnant zusammen: Sein Mandant sei "zu faul" gewesen, Dokumente zu lesen. Deshalb dürfe man ihm aber nicht Unehrlichkeit unterstellen.

Strafmaß ausständig

"Becker gibt allen anderen die Schuld, nur sich selbst nicht", lautete hingegen das Fazit der Anklägerin. Tatsächlich jammerte der Angeklagte viel – über die Frauen in seinem Leben, über zwielichtige Berater, nicht zuletzt über die Medien. Deren Berichterstattung habe 2012 den Verkauf seiner Finca auf Mallorca zum korrekten Marktwert von 50 Millionen Euro erschwert, behauptete der frühere Millionär. Das führte unter anderem zum Abschluss eines haarsträubenden Darlehens zum Wucherzins von 25 Prozent. Fünf Jahre später erklärte ihn ein Londoner Gericht für insolvent.

Sein anschließendes Verhalten gegenüber der Insolvenzbehörde hat dem angeblich Ahnungslosen nun das Genick gebrochen. Die Geschworenen befanden ihn in mehreren schwerwiegenden Punkten für schuldig: So transferierte Becker hohe Summen auf private Konten, offenbar im Glauben, dies vor der Behörde geheim halten zu können; zudem verschwieg er den Besitz seines Elternhauses in Leimen bei Heidelberg und ein darauf liegendes Darlehen in Höhe von 825.000 Euro sowie den Besitz lukrativer Aktien.

Wie im englischen Strafprozess üblich wird die vorsitzende Richterin von der Anklägerin und dem Verteidiger Stellungnahmen einholen, ehe sie das Strafmaß festlegt. Sowohl gegen die Höhe seiner Strafe wie gegen das Urteil selbst kann Becker dann Berufung einlegen – womöglich allerdings erst vom Gefängnis aus. (Sebastian Borger aus London, 8.4.2022)