Holz steht auf der neuen Sanktionenliste des Westens. Für die heimischen Holzfirmen Kronospan und Egger wird ihr umstrittenes Russland-Engagement damit noch schwieriger.

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Es waren wenige Momente Stille, die doch schwer wiegen. Stimme es, dass die noch immer in Russland aktive Raiffeisen Bank International (RBI) für russische Geschäftsleute und Oligarchen die Sanktionen des Westens umgangen habe? Das fragte ein Journalist bei der Pressekonferenz, die Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj am Samstag zum Abschluss des Kanzlerbesuchs in Kiew gab. So ganz recht wusste Nehammer nicht, was er darauf antworten soll. "Die RBI hat die Sanktionen von Anfang an mitgetragen und unterstützt", sagte Nehammer letztlich. Das Raiffeisen-Management tue alles, um die Sanktionen einzuhalten, ein Verstoß dagegen würde in Österreich auf keinerlei Akzeptanz stoßen.

Die Szene zeigt, wie heikel und umstritten das aktive Engagement westlicher Unternehmen in Russland mittlerweile ist. Viele Unternehmen – Tech-Riesen, Autokonzerne, Kleidungs- und Lebensmittelhändler – haben Russland unmittelbar nach dem Einmarsch in die Ukraine verlassen. Einige andere sind aber nach wie vor dort aktiv. Das stößt vielen sauer auf. Jeffrey Sonnenfeld, Wirtschaftsprofessor an der US-Elite-Universität Yale, hat eine schwarze Liste mit jenen Unternehmen erstellt, die weiterhin in Russland arbeiten. Schnell bekam der digitale Pranger in den US-Medien den Beinamen "Hall of Shame".

"Moralisch falsches Verhalten"

"Eine solche Liste erzeugt extremen Druck mit großer Wirkung. Sie ist ein Ranking von moralisch falschem Verhalten", sagt Martin Kornberger, Professor für Wirtschaftsethik an der Wirtschaftsuniversität Wien. Der Imageschaden für Unternehmen, die noch in Russland seien, sei jetzt schon enorm groß.

Aus Österreich stehen aktuell fünf Unternehmen auf der Liste (Stand Sonntag 10.4.2022): der Holzkonzern Egger, der Spanplattenhersteller Kronospan, Red Bull, OMV und Raiffeisen Bank International (RBI). Am Montag wurde die Liste aktualisiert, mittlerweile stehen 20 Namen aus Österreich darauf. (siehe Infobox)

Wie groß er Imageschaden ist, davon kann etwa die RBI ein Lied singen. Der Aktienkurs sackte von rund 28 Euro Mitte Februar auf zuletzt elf Euro ab. Investoren sehen das Russland-Engagement sehr kritisch – auch im Sinne der nachhaltigen Investments, die sich die Raiffeisen auf die Fahnen geheftet hat. Eine Bank zuzusperren oder zu verkaufen sei aber kein einfacher Schritt, der über Nacht umsetzbar sei, sagte RBI-Chef Johann Strobl zuletzt bei der Hauptversammlung Anfang April. Man prüfe alle Optionen – dazu zählt eben auch der Rückzug –, es müssten aber aufsichtsrechtliche Vorgaben berücksichtigt werden. Zudem habe die RBI gegenüber ihren 9300 Mitarbeitern vor Ort auch eine soziale Verantwortung, und elf Milliarden Euro an Krediten sind in Russland vergeben.

Rechtlich okay, moralisch überdenkbar

Rechtlich ist der Verbleib von Unternehmen in Russland bis zuletzt kaum ein Problem, schließlich treffen bzw. trafen die westlichen Sanktionen nur ausgewählte Produktgruppen oder Geschäftspartner. Das droht sich zu ändern – die Sanktionen werden schärfer. Seit dem jüngsten Sanktionspaket besteht ein Importstopp für Kohle, Holz und Wodka. Vor allem der Importstopp für Holz wird den Druck auf Egger und Kronospan erhöhen. Die OMV schreibt in Russland derzeit viel Geld und Zukunftsgeschäft ab. Das Aus für die Pipeline Nord Stream 2 und der Rückzug aus einer Beteiligung am russischen Gasfeld Juschno-Russkoje kosteten den Konzern im ersten Quartal zwei Milliarden Euro, die als Sondereffekte auch auf das operative Ergebnis durchschlagen. Red Bull (seit Ende 2004 in Russland aktiv) wird vor allem in sozialen Medien für seine Russland-Präsenz zerrissen, äußert sich dazu aber nicht. Russland gehört für den Konzern aus Salzburg (7,8 Milliarden Euro Umsatz) nach wie vor zu den Wachstumsmärkten. Zuletzt soll das Umsatzplus in Russland 16 Prozent betragen haben.

Doch lässt sich der Verbleib der Unternehmen moralisch rechtfertigen, nur weil er in der Praxis möglich ist? "Die Frage ist verzwickt. Es kommt auch darauf an, wie weit wir bereit sind zu gehen. Wollen wir den Russen wirklich wehtun, müssen wir das Gas abdrehen", sagt WU-Professor Kornberger. Das mache man (noch) nicht, und es gebe ebenso plausible Gründe dafür. "Wir verzichten nur darauf, was wir nicht wirklich brauchen – diese Moralvorstellung wäre zu einfach und würde man seinen Kindern nicht beibringen." Momentan würde viel über einen Kamm geschoren, nicht alles dürfe moralisiert werden. Dafür sei die Realität einfach zu komplex.

Das weiß auch Russlands Präsident Wladimir Putin, er spart nicht mit Drohungen an die Unternehmen. Wer gehe, müsse damit rechnen, dass Anteile oder Liegenschaften verstaatlicht würden. Wird eine Fabrik geschlossen, droht ein Eilverfahren wegen vorsätzlichen Bankrotts. Sämtliche Investitionen und Zugriffsrechte wären damit verloren.

Zu verstrickt im großen Markt

"Viele Betriebe sind tief ins Russland-Geschäft verstrickt, haben Verpflichtungen, und selbst wenn sie wollen, kommen sie nicht leicht raus", sagt Kornberger. Neugeschäft hätten fast alle gestrichen, Bestehendes abzubauen sei oft nur in Teilschritten möglich.

Nicht zu vergessen ist die Größe des boykottierten Marktes. Russland ist kein vernachlässigbarer Minimarkt wie Nordkorea. Das größte Land der Welt strotzt vor Rohstoffen, so sorgen sich etwa Autobauer bereits um das für Batterien notwendige Nickel. Und die Problematik rund um Öl und Gas, aber auch Saatgut und Weizen ist ohnehin omnipräsent.

Selenskyj ruft zum Boykott Russlands auf. Wer dort Steuern zahle, unterstütze Putin und den Krieg. Manche argumentieren mit ihrem kleinen und somit unbedeutenden Steueranteil. Dem hält Kornberger aber entgegen: "Stehle ich etwas um drei oder 300 Euro, es bleibt dennoch Diebstahl." Demnach sei jede Unterstützung verwerflich – doch die Realität eben oft komplexer: "Steht es dafür zu gehen, wenn die russische Bevölkerung keine Medikamente bekommt und Babys keine Windeln? Mit dem Finger auf eine Firma zu zeigen ist einfach, diese Abwägung nicht."

Das Gros der verbliebenen Firmen begründet seine Entscheidung mit Verantwortung gegenüber der Bevölkerung – aus Österreich zum Beispiel der Kunststoffhersteller Greiner, der Lebensmittelverpackungen produziert, oder der Zuckerkonzern Agrana.

Vereinzelt ertönen Vorwürfe, Unternehmen hätten bereits vor Kriegsbeginn Russland verlassen sollen. Das sieht Thomas Beschorner, Professor für Wirtschaftsethik an der Uni St. Gallen, anders: "Man kann von Unternehmen nicht mehr verlangen, als Politik selbst leistet. Die Annexion der Krim war 2014, die EU hätte seither auch reagieren können."

An der Realität vorbei

Offiziell vorbei sein dürfte es mit dem wirtschaftspolitischen Mantra der vergangenen Jahrzehnte, wonach Handelsbeziehungen zu autokratisch geführten Staaten deren Demokratisierung förderten. Für Beschorner ist klar: Wer in einem instabilen Land Geschäfte macht, muss den Ausfall ökonomisch einplanen. Er erkenne überdies eine Parallele zu sportlichen Großveranstaltungen. "Es heißt stets, solche Events tragen zur Demokratisierung bei. Durch empirische Studien belegt ist das nicht." Dass Frauen in Katar mehr Rechte bekämen, weil dort eine WM ausgetragen werde, könne er sich nicht vorstellen. "Das sind Ausreden, um ökonomische Interessen zu kaschieren. Hübsche Erzählungen aus Grimms Märchen oder Tausendundeiner Nacht, mit der Realität haben sie nichts zu tun." (Andreas Danzer, 11.4.2022)