Russlands Außenminister Sergej Lawrow (li.) besuchte Anfang April seinen indischen Amtskollegen Subrahmanyam Jaishankar.

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Dreizehn Millionen Barrel Rohöl in knapp eineinhalb Monaten – so viel kaufte Indien von Russland seit Kriegsbeginn in der Ukraine laut der Nachrichtenagentur Reuters. Das entspricht fast der Menge des gesamten vorigen Jahres. Denn russisches Öl ist dank der westlichen Sanktionen besonders preiswert zu haben. "Ich stelle die nationalen Interessen und die Energiesicherheit meines Landes an erste Stelle. Wieso sollte ich kein Öl kaufen?", sagte die indische Finanzministerin Nirmala Sitharaman dem Fernsehsender CNBC-TV18.

Indien werde auch in Zukunft günstiges Öl aus Russland erwerben. Während der Westen schärfere Sanktionen gegen Moskau diskutiert, lud die Regierung in Neu-Delhi den russischen Außenminister ein. Sergej Lawrow lobte die asiatische Großmacht nach einem Treffen am vergangenen Wochenende dafür, "keine einseitige Sichtweise" bezüglich des Kriegs in der Ukraine zu haben.

"Wir sind Freunde"

Zuvor hatte Lawrow in China mit seinem Amtskollegen Wang Yi den Ausbau einer "strategischen Partnerschaft" in einer "schwierigen internationalen Situation" angekündigt. Anders als die USA, die EU, Japan und Australien enthält sich Indien bei der Verabschiedung von UN-Resolutionen gegen Russland. Entsteht nun im Angesicht des Ukraine-Kriegs ein neuer Block zwischen Russland, China und Indien?

"Wir sind Freunde", sagte Lawrow auf einer Pressekonferenz über den indischen Premier Narendra Modi und Außenminister Subrahmanyam Jaishankar. Indien sehe die Ukraine-Krise in der "Gesamtheit der Fakten", sagte Lawrow. Außerdem diskutierten beide Seiten, wie das Öl trotz Sanktionen bezahlt werden könne – nämlich direkt in Rupien und Rubel, ohne das vom US-Dollar dominierte internationale Bezahlsystem Swift zu nutzen.

Bisher war die indisch-russische Freundschaft vor allem eine militärische: 55 Prozent aller indischen Waffenimporte stammen aus Russland. Diese Abhängigkeit von Russland dürfte ein wichtiger Grund für Indiens Zurückhaltung in Bezug auf den Krieg in der Ukraine sein. Neu-Delhi hat zwar wiederholt ein Ende der Gewalt in der Ukraine gefordert, enthielt sich bei verschiedenen UN-Resolutionen gegen Russland jedoch der Stimme.

Grenzkonflikt im Himalaja

Aus Sicht des Westens verhält sich die Atommacht damit ähnlich wie China. Doch einen einheitlichen Block werden China, Indien und Russland allein aufgrund des Grenzkonflikts zwischen China und Indien im Himalaja nicht bilden. Seit den Gefechten im Galwan-Tal im Jahr 2020 haben beide Seiten dort militärisch aufgerüstet. Auch dafür hat Indien Waffen aus Russland bezogen.

Viel mehr verbinde Indien und Russland jedoch nicht, meint Harsh V. Pant. Er ist Professor für internationale Beziehungen am King’s College in London und an der Observer Research Foundation in Neu-Delhi. Die historische Freundschaft aus Zeiten des Kalten Kriegs "löse sich immer mehr auf", sagt er. Auch sei Indien nicht von russischer Energie abhängig – trotz der jüngsten Großbestellungen. "Indien bezieht weniger als zwei Prozent seines Rohöls aus Russland", erklärt Pant. Als "armes Land" profitiere Indien derzeit einfach von den niedrigen Preisen für russisches Öl. "Mit diesen Käufen wird in keinem Fall die russische Wirtschaft unterhalten."

Für Indien ist es ein Balanceakt: Einerseits will das Land seine guten Beziehungen zu den USA nicht verspielen, andererseits will es Russland als Waffenlieferanten nicht verprellen. Gleichzeitig bemüht sich Neu-Delhi um ein gutes Verhältnis zu Peking und betrachtet die Annäherung zwischen Russland und China mit großer Sorge, so Experte Pant. Von einem einheitlichen China-Russland-Indien-Block könne deswegen nicht die Rede sein. "Das ist kaum vorstellbar, solange China seine Truppen im Himalaja nicht abzieht."

Unverständnis in USA und Europa

In den USA und Europa trifft dies eher auf Unverständnis. Insbesondere Washington wünscht sich von der bevölkerungsreichsten Demokratie der Welt eine klare Verurteilung des Kriegs. Auch Deutschland bemüht sich um Indien: Der außen- und sicherheitspolitische Berater von Bundeskanzler Scholz, Jens Plötner, reiste kürzlich nach Neu-Delhi. Er sähe Indien gerne "im selben Lager". Sanktionen sollten nicht untergraben werden, "um wirtschaftlichen Vorteil aus dem Krieg zu ziehen", sagte er der lokalen Presse.

Bisher hat sich Indien nicht umstimmen lassen. Indien und die USA sind zwar gemeinsam mit Japan und Australien Partner im sicherheits- und militärpolitisch ausgerichteten Quad-Dialog, eine bedingungslose Unterstützung für westliche Werte bedeutet dies aber nicht. Doch je länger und blutiger der Ukraine-Krieg wird, desto unbequemer wird es für die südasiatische Großmacht. Vor dem UN-Sicherheitsrat verurteilte nun auch Indien die Massenmorde in Butscha. Damit setzt sich Neu-Delhi klar von Peking ab, das keine Kritik an Russland übte. (Christina zur Nedden, 11.4.2022)