Der tschetschenische Despot Ramsan Kadyrow, der seine Truppen in der Ukraine wüten lässt, droht erneut.

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Die Wortmeldung hat zu Beginn der neuen Woche, der achten seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, Besorgnis hervorgerufen: "Es wird eine Offensive geben nicht nur auf Mariupol, sondern auch auf andere Orte, Städte und Dörfer", sagte der Moskau-treue tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow in einem Telegram-Video. Erst werde man die Donbass-Gebiete Luhansk und Donezk "vollständig befreien", danach Kiew und alle anderen Städte einnehmen.

Dass sich die ukrainische Hauptstadt trotz des von Massakern wie jenem in Butscha begleiteten Rückzugs nach wie vor im Visier der russischen Truppen befindet, stellte Kadyrow, der selbsternannte "Fußsoldat" Wladimir Putins, danach klar: "Ich versichere Ihnen, dass wir keinen einzigen Schritt zurückgehen werden." Vorerst konzentriere man sich aber auf den Osten des riesigen Landes, wo sich die "Separatistenrepubliken" Donezk und Luhansk befinden, deren "Befreiung" zu Beginn Putins offizielles Kriegsziel darstellte.

Gefahr auch für Westukraine

Kadyrows Drohung deckt sich mit der Einschätzung seines größten Widersachers, des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj: "Die russischen Truppen werden zu noch größeren Operationen im Osten unseres Staates übergehen", sagte er in einer Videoansprache. Moskau habe zu diesem Zweck weitere Truppen aus Sibirien und dem Fernen Osten in die Region abkommandiert, erklärte auch der ukrainische Generalstab. Und auch im Westteil der Ukraine drohen neue Angriffe.

Dazu könnten die in der völkerrechtlich zu Moldau gehörenden, aber seit 1990 abtrünnigen Unruheregion Transnistrien stationierten russischen Truppen genutzt werden, hieß es am Montag in Kiew. "Es ist nicht ausgeschlossen, dass die russischen Streitkräfte auf dem Gebiet der Region Transnistrien in der Republik Moldau Provokationen durchführen", teilte der ukrainische Generalstab mit. Dies würde den Druck auf die strategisch wichtige Hafenstadt Odessa zusätzlich erhöhen.

Am späten Sonntagabend meldete die Ukraine heftige Explosionen in der nordöstlichen Großstadt Charkiw und in der Hafenstadt Mykolajiw in der Nähe des Schwarzen Meeres. Bei einem Raketenangriff auf Mariupol wurden am Montag zwei humanitäre Helfer der Caritas International sowie eine schutzsuchende Person getötet, wie die NGO meldete. Nach Berichten russischer Nachrichtenagenturen haben pro-russische Separatisten den Hafen der seit Wochen umkämpften südukrainischen Stadt Mariupol erobert.

Moskau gegen Feuerpause

Eine Feuerpause, um einer möglichen baldigen weiteren Runde bei den Friedensgesprächen mit der Ukraine Nachdruck zu verleihen, lehnt Moskau weiterhin ab. "Solange es keine endgültige Einigung mit den Ukrainern gibt, wird Russland keine Pause einlegen", sagte Außenminister Sergej Lawrow am Montag im russischen Staatsfernsehen. Das Regime betont seit längerem, dass der Westen mit dem Aufzeigen russischer Kriegsverbrechen versuche, die Verhandlungen zu hintertreiben. Überhaupt gibt sich Moskau unzufrieden, weil die Gespräche seiner Meinung nach schon zu lange dauern.

Angesichts der bevorstehenden massiven Verschärfung der russischen Offensive in der Ostukraine versuchen die ukrainischen Behörden immer verzweifelter, Zivilistinnen und Zivilisten die Flucht aus den betroffenen Gebieten zu ermöglichen. Am Montag wurden nach Angaben der Regierung neun Fluchtkorridore eingerichtet. Von Mariupol aus soll ein Weg für Privatfahrzeuge in Richtung der Stadt Saporischschja führen, wie Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk auf Telegram mitteilte. Auch aus Berdjansk sowie zwei weiteren Orten in der Region sollten Fluchtrouten für Privatautos eingerichtet werden. Aus umkämpften Gebieten in der Region Luhansk führten fünf Korridore in die Stadt Bachmut, schrieb Wereschtschuk. Ihren Angaben zufolge konnten am Sonntag rund 2.800 Zivilisten aus umkämpften Regionen flüchten.

"Verpflichtung nachkommen"

Unterdessen wird in Deutschland der Ruf nach weiteren Waffenlieferungen an die Ukraine immer lauter. Wirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen hat sich dabei für mehr Tempo ausgesprochen. Am Montag machte er deutlich, dass Deutschland jetzt seiner Verpflichtung nachkommen müsse, Kiew angesichts des bevorstehenden Großangriffs russischer Truppen auf die Ostukraine beizustehen: "Worum es jetzt geht, ist, die Truppen zügig zu unterstützen und die Wehrfähigkeit, die ja mit vielen Menschenleben bezahlt wird und mit einem großen Heldenmut durchgefochten wird, zu unterstützen", sagte Habeck. Es gehe darum, der Ukraine in einer "unmittelbaren Gefahrensituation" zu helfen. Die Bundesregierung habe aus gutem Grund verabredet, nicht über konkrete Waffengattungen oder Lieferwege zu reden.

Seine Parteikollegin, die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock, hatte sich zuvor bereits für die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine ausgesprochen. "Die Ukraine braucht weiteres militärisches Material – vor allen Dingen auch schwere Waffen", sagte die Grünen-Politikerin am Montag. Drohungen wie jene des Tschetschenenführers Kadyrow könnten dies noch beschleunigen. (Florian Niederndorfer, 11.4.2022)