Die Versorgungslücke aufgrund der Russland-Sanktionen könne mehr als sieben Millionen Barrel pro Tag an Öl und anderen Flüssigexporten erreichen, erklärt die Opec.

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Brüssel/London/Kiew – Nach einem kriegsbedingten Embargo auf Kohle, Holz und andere Rohstoffe aus Russland denkt die EU bereits laut darüber nach, auf russisches Öl verzichten zu wollen. Sollte das passieren, müsste die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) zusätzlich Millionen Barrel an Öl bereitstellen. Das werde sie allerdings nicht tun, und das sei momentan auch gar nicht möglich, sagte Opec-Generalsekretär Mohammed Barkindo kürzlich.

Am Dienstag senkte das Ölkartell dann seine Konjunktur- und Ölverbrauchsprognosen für heuer deutlich. Die Weltwirtschaft sieht sie 2022 nur noch um 3,9 Prozent wachsen, gegenüber 4,2 Prozent vor einem Monat. Die weltweite Ölnachfrage dürfte heuer im Schnitt um 3,7 Millionen Barrel pro Tag auf rund 100 Millionen Fass am Tag steigen, hieß es bei der Opec am Dienstag. Vor einem Monat rechnete sie noch mit einem Plus von 4,2 Millionen zusätzlichen Fass pro Tag.

Krieg und Corona

Die Abwärtsrevision des Wirtschaftswachstums resultiere aus dem Konflikt in Osteuropa und den anhaltenden Einflüssen der Corona-Pandemie. Die Abwärtsrisiken für diese Prognose seien "beträchtlich, insbesondere wenn sich die derzeitige Situation im zweiten Halbjahr fortsetzt oder sich sogar verschlechtert", betont die Öl-Organisation in ihrem neuen Monatsbericht.

Die Effekte des Kriegs auf das globale Wirtschaftswachstum seien kurzfristig sehr negativ. Deswegen rechnet die Opec damit, dass sowohl Russland als auch die Ukraine 2022 in eine Rezession rutschen. Auch der Rest der Welt werde beeinträchtigt, vor allem durch die Inflation: "Der starke Anstieg der Rohstoffpreise kombiniert mit anhaltenden Engpässen in der Versorgungskette und logistischen Engpässen im Zuge von Covid-19 in China und anderswo heizt die ohnehin bereits hohe globale Inflation an."

Öl noch nicht sanktioniert

Russisches Öl fällt gegenwärtig nicht unter die Sanktionen der EU, es wird aber als Teil eines weiteren Sanktionspakets erwogen. Australien, Kanada und die USA haben dagegen bereits entsprechende Käufe untersagt. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzte Mitte März, dass Öllieferungen aus Russland ab April um drei Millionen bpd fallen könnten.

Bis zum 6. April betrug der Rückgang 0,6 Millionen bpd nach einer Durchschnittsproduktion von 11 Millionen bpd im März. Die Opec hat die Forderung der USA und der Internationalen Energieagentur (IEA) zurückgewiesen, ihre eigene Förderung zu erhöhen. Der Ölpreis hat im vergangenen Monat den höchsten Stand seit 14 Jahren erreicht. Die Dialoge zwischen der EU und der Opec finden seit 2005 statt.

Voriges Jahr wuchs die Weltwirtschaft trotz Covid um 5,8 Prozent. Für die Eurozone rechnet die Opec für heuer nur mit 3,5 statt 3,9 Prozent Wachstum, nach 5,3 Prozent Plus im Vorjahr. Russland solle aus aktueller Sicht um 2,0 Prozent schrumpfen, vor einem Monat vermutete die Opec noch 2,7 Prozent Expansion.

Neue Spitzenreiter

Woher kommt überhaupt das meiste Öl? Für lange Zeit galt Saudi-Arabien als Spitzenreiter unter den Ölförderländern. Folgt man Daten der IEA, hat sich sein Gewicht mittlerweile verschoben: Mit 706 Millionen Tonnen waren die Vereinigten Staaten im Jahr 2020 der größte Ölproduzent der Welt. Auf Platz zwei folgte Russland mit einer Fördermenge von 512 Millionen Tonnen, dichtgefolgt von Saudi-Arabien mit 511 Millionen Tonnen.

Zusammen zeichneten die drei Staaten damit für 41,7 Prozent der globalen Ölförderung verantwortlich. Auf Platz vier und fünf lagen Kanada (255 Millionen Tonnen) und der Irak (201 Millionen Tonnen). (red, APA)