Wiener Zentralfriedhof

Wo soll man beginnen, um die wilden Seiten Wiens zu entdecken? Am besten dort, wo alles endet: auf dem Friedhof. Und welcher von den zahlreichen darf's sein? Eh klar, der Zentralfriedhof, eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Bundeshauptstadt.

"Mit seinen 330.000 Grabstellen auf 250 Hektar Land bietet er als zweitgrößter Gottesacker Europas (nach dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg) auch um die 1.000 Ehrengräber berühmter Persönlichkeiten", schreiben die Autorinnen. Insgesamt seien hier drei Millionen Menschen auf einer Fläche beerdigt, die in etwa der Größe der Wiener Innenstadt entspricht.

Die imposante Parklandschaft ist allerdings auch ein Ort voller Leben. "Vor allem abends, wenn sich vermehrt Tiere zeigen, die sich in diesem lebenswerten Wohnraum, einem regelrechten Erholungsgebiet und Tierrefugium, sichtlich wohlfühlen", wie die Autorinnen festhalten. Rehe zum Beispiel haben den Zentralfriedhof längst zu ihrem Zuhause gemacht.

Foto: Verena Popp-Hackner & Georg Popp

Pötzleinsdorfer Schlosspark

Ein herrschaftlicher Park mit wilden Ecken im 18. Wiener Gemeindebezirk bietet Erholungssuchenden auf rund 35,4 Hektar langgezogene Wiesen mit einzelnen Bäumen und Baumgruppen. Rehe zum Beispiel lieben den Schlosspark ebenso wie die Äskulapnatter, die Blindschleiche, die Feldgrille, die Wanstschrecke und der Mittelspecht. Auch die ungiftige Schlingnatter hat den Schlosspar zu ihrer Heimat gemacht. "Ein absoluter Blickfang ist stets der schwarz-gelbe Pirol, der den Pötzleinsdorfer Schlosspark als sein Habitat auserkoren hat", liest man.

Foto: Verena Popp-Hackner & Georg Popp

Gaudenzdorfer Gürtel

Eine "wilde Gstett'n" ist der Gaudenzdorfer Gürtel in Wien-Meidling. Die seit den 1980er-Jahren eine brachliegende Fläche, hat man diese in der Folgezeit sich selbst überlassen und weder bewässert noch gedüngt, lediglich hin und wieder gemäht, erfährt man. Es konnten sich daher zahlreiche seltene Pflanzenpioniere ansiedeln, die wiederum vielen Kleintieren Lebensraum bieten. In der bunten Blumenwiese sieht man vor allem Schmetterlinge, Käfer, Bienen und zahlreiche andere Insekten. Auf dem Areal sind bis zu 70 Pflanzenarten nachgewiesen. Die Autorinnen: "Bei einem Spaziergang durch die Stadtwildnis am Gaudenzdorfer Gürtel hat man fast das Gefühl, sich in einer Parallelwelt zu befinden. Der tosende Verkehr rundherum rückt, obwohl so nah, auf diesem Fleckchen Erde in den Hintergrund und spielt fast keine Rolle."

Foto: Verena Popp-Hackner & Georg Popp

Kuchelauer Hafen

Längst kein Schiffsanlegeplatz mehr, ist der 1,5 Kilometer lange und 50 bis 80 Meter breite Kuchelauer Hafen in Wien Döbling heute ein Erholungsgebiet. Am Fuß des Kahlenbergs gelegen, ist er außerdem ein Lieblingsplatz für Wasservögel, wenn andere Stadtgewässer längst zugefroren sind. Vor allem Höckerschwäne fühlen sich hier wohl, wie Gabriele Hasmann und Sabine Wolfgang schildern.

Foto: Verena Popp-Hackner & Georg Popp

Lobau

"Aufgrund seiner urtümlichen Beschaffenheit, der unmittelbaren Stadtnähe und des reichen Artenvorkommens von Tieren und Pflanzen gilt der 9.600 Hektar große Nationalpark Donau-Auen auch als Dschungel Wiens, der Naturhungrige wie Touristen gleichermaßen zu jeder Jahreszeit anlockt", befinden die Autorinnen. Etwa ein Viertel dieser grünen Oase, eine der letzten intakten Au-Landschaften Europas, trägt den Namen Lobau, auch "Wasserwald" genannt, und ist 2.300 Hektar groß. Im gesamten Nationalparkgebiet leben 33 Säugetier-, acht Reptilien-, 13 Amphibien-, 100 Brutvogel- und 67 Fischarten. Aber auch Pflanzen wie die Weiße Seerose, auch Wasserlilie genannt, fühlen sich hier wohl.

Foto: Verena Popp-Hackner & Georg Popp

Wiener Prater

Um die 600 Hektar umfasst das Naherholungsgebiet und beliebte Ausflugsziel in der Leopoldstadt – doppelt so groß wie der New Yorker Central Park. Doch der Wiener Prater sei mehr als nur die Hauptallee, deren allseits bekannte Seitenwege sowie ausladende Wiesen, lassen uns die Autorinnen wissen: "Er präsentiert sich als wildromantische Grünoase, deren Pfade abseits der gewohnten Wege zurück in die Geschichte führen, als er noch wildes Jagdgebiet für die privilegierte Gesellschaft war." Die Gewässer Heustadlwasser, Rosenwasser, Mauthnerwasser, Lusthauswasser und Krebsenwasser offenbarten eine ursprüngliche Wildnis, die ein Eldorado für unzählige Tiere sowie riesige Weiden und Pappeln bilden. Ein Stück wilder Urwald mitten in der Stadt, liest man.

Foto: Verena Popp-Hackner & Georg Popp

Wienerbergteich

Apropos Stadtoase: Auch der künstlich angelegte Wienerbergteich im Erholungsgebiet Wienerberg in Wien-Favoriten darf als solche gelten. Dem Besucher eröffne sich ein grüner Ort der Ruhe, an dem die Stadt plötzlich in weite Ferne rückt und nur mehr das Einssein mit der Natur zählt, schreiben Gabriele Hasmann und Sabine Wolfgang. Mit großen Wiesen, einem wilden Teich und zahlreichen verwinkelten Wegen biete das 123 Hektar große Gebiet (16 Hektar davon sind Wasser) alles, was das Herz eines erholungsbedürftigen Städters begehrt: "Wir empfehlen, ein verstecktes Plätzchen zu suchen, den herrlichen Ausblick zu genießen und einfach den beruhigenden Geräuschen der urbanen Wildnis zu lauschen."

Foto: Verena Popp-Hackner & Georg Popp

Marchfeldkanal

Künstlich angelegt ist auch der Marchfeldkanal. Ein 18 Kilometer langes Gerinne in Wien und Niederösterreich. In Wien durchquert er die Bezirksteile Jedlesee, Strebersdorf, Großjedlersdorf und Stammersdorf – allesamt im 21. Wiener Gemeindebezirk gelegen. "Von einer künstlichen Errichtung ist jedoch nichts zu bemerken, da der Marchfeldkanal sowie die weiterführenden Bäche absolut naturnah gestaltet wurden", liest man. Die Ursprünglichkeit und Wildnis zeigen sich auch in der Flora und Fauna, da zahlreiche Tiere und Pflanzen hier ihre Heimat gefunden haben.

Foto: Verena Popp-Hackner & Georg Popp

Laaer Berg

Wo der Feldhase zu finden ist: Der 251 Meter hohe Laaer Berg in Favoriten bietet zahlreiche wilde Ecken mit interessanter Flora und Fauna. Besonders faszinierend sei das Vogelschutzgebiet, das im Zuge der Aufforstung um die früheren Ziegelteiche Butterteich und Blauer Teich errichtet wurde, meinen die Autorinnen. Über 50 Vogelarten sind hier heimisch.

Foto: Verena Popp-Hackner & Georg Popp

Türkenschanzpark

An den Wasserstellen des Türkenschanzparks in Währing genießen Vögel wie Enten und Graureiher einträchtig nebeneinander die Ruhe. Die 15 Hektar große Grünanlage liegt auf einem Areal, auf dem während der Ersten und Zweiten Türkenbelagerung eine Befestigungsanlage stand. Von der kriegerischen Vergangenheit ist heute nichts mehr zu merken. Man kommt hierher, um sich im Stadtgrün zu entspannen. Die Autorinnen: "Doch nicht nur die Menschen, sondern auch viele kleine Wildtiere, die sich im Laufe der Jahrzehnte angesiedelt haben, fühlen sich auf dem Areal sehr wohl. Es gedeihen dort außerdem zahlreiche botanische Raritäten von allen Kontinenten, die in Zusammenarbeit mit der benachbarten Universität für Bodenkultur gepflanzt wurden." (red, 17.4.2022)

Foto: Verena Popp-Hackner & Georg Popp

Gabriele Hasmann und Sabine Wolfgang, "Das wilde Wien". 208 Seiten / 28 Euro. Styria-Verlag

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