In den nordischen Staaten – und vor allem im vormals sowjetisch besetzten Baltikum – geht seit dem russischen Einmarsch in der Ukraine die Angst um: Erinnerungen an die Zeit hinter dem Eisernen Vorhang werden wach, und die Sorge, dass der russische Präsident Wladimir Putin seine Machtfantasien weiter ausdehnt, wächst.

Die Regierungschefinnen Schwedens und Finnlands traten Seite an Seite vor die Kameras und dachten laut über eine Mitgliedschaft im westlichen Militärbündnis Nato nach.
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Spätestens seit diese Woche die Regierungschefinnen Schwedens und Finnlands Seite an Seite vor die Kameras getreten sind und laut über eine Mitgliedschaft im westlichen Militärbündnis Nato nachgedacht haben, ist klar, dass die unabhängigen Staaten nicht vorhaben, gegenüber Russlands Aggression einzuknicken. Allen Drohungen aus Moskau zum Trotz finden vor allem die starken Frauen aus dem Norden klare Worte gegen Putin und seine Getreuen im Kreml.

Es brauche mehr Nato-Truppen an den Grenzen, mehr Kampfjets, mehr Kriegsschiffe, um dem russischen Präsidenten zu signalisieren, dass es der Westen ernst meine, fordert die estnische Premierministerin seit Wochen und wirbt – wo immer sie kann – für ihr Anliegen. Litauens Regierungschefin nannte schon vor über einem Jahr die umstrittene Gas-Pipeline Nord Stream 2 einen "geopolitischen Wahnsinn" und forderte, dass das Projekt beendet werde, da Putin dadurch nur noch mehr Druckmittel dem Westen gegenüber in der Hand habe.

Sanna Marin, Magdalena Andersson, Kaja Kallas und Ingrida Šimonytė bleiben warnende Stimmen im Norden Europas gegen den Aggressor im Kreml.


FINNLAND

Die junge Sanna Marin an den Machthebeln in Helsinki

Sanna Marin
Foto: AFP / Geert Vanden Wijngaert

Recht war es ihr eigentlich nie, dass ihr Alter die Schlagzeilen dominierte. Doch Sanna Marin war bei ihrem Amtsantritt 2019 mit 34 Jahren eben die jüngste Premierministerin der Welt und die jüngste in der Geschichte Finnlands. In Interviews gab sie aber zu, dass es durch den Fokus auf ihre Person schwerer falle, ihre Sachthemen durchzubringen.

Aufgewachsen bei ihrer Mutter und deren Lebensgefährtin, war Marin die erste ihrer Familie an einer Universität. Dort entwickelte sie ihr poltisches Bewusstsein. Sie hatte das Gefühl, dass die ältere Generation wenig bei den großen Themen bewegte. Die Klimakatastrophe, Gleichberechtigung: Sie wollte sich der Zukunftsfragen selbst annehmen.

Vor zehn Jahren wurde sie in den Stadtrat von Tampere gewählt, drei Jahre später übersiedelte sie als Abgeordnete ins Parlament. Der Chef der Sozialdemokraten, Antti Rinne, machte sie im April 2019 zur Verkehrsministerin in seinem Kabinett. Die Partei ernannte sie nach dem Rücktritt Rinnes wenige Monate danach zur Premierministerin. Erst kurz im Amt, musste Marin, die Mutter einer kleinen Tochter ist, ihr Land durch die Pandemie steuern. Nun steht ihr mit dem aggressiven Nachbarn Russland die nächste Herausforderung bevor.


SCHWEDEN

Magdalena Andersson, die Erste in Stockholm

Magdalena Andersson
Foto: APA / AFP / Ludovic Marin

Wie ihre finnische Amtskollegin wurde auch Magdalena Andersson noch nicht in Volkswahlen bestätigt. Schwedens erste Premierministerin wurde von ihrer Partei, den Sozialdemokraten, nach dem Rücktritt von Premierminister Stefan Löfven von der Spitze des Finanzministeriums an die Spitze der Regierung gehievt.

Eigentlich befindet sich Andersson aber noch vor den Reichstagswahlen im heurigen September bereits in ihrer zweiten Amtszeit. Denn die 55-Jährige hat nur einen Tag nach ihrer Wahl durchs Parlament ihren Posten verlassen. Ihr Budgetentwurf war abgelehnt worden, die Grünen verließen die Regierungskoalition, und Andersson ließ sich als Chefin einer roten Minderheitsregierung erneut wählen.

Die Premierministerin schützt ihre Privatsphäre so gut es geht. Über ihr Leben abseits der Politik, mit ihrem Partner und den beiden erwachsenen Kindern, wissen Medien wenig. Bekannt ist aber, dass Andersson in ihrer Jugend wettkampfmäßig geturnt hat und erfolgreich geschwommen ist. Musikalisch mag es die Regierungschefin eher laut und hart: Sie ist große Anhängerin der Metal-Band System of a Down. Und auch beruflich setzt Andersson nicht gerade auf die sanften Töne, wenn sie ihr Land gegenüber Russland abgrenzt.


ESTLAND

Kaja Kallas, die Urenkelin eines Sowjet-Bekämpfers

Kaja Kallas
Foto: AP / Olivier Douliery

Dass die Rechtsanwältin Kaja Kallas einmal an der Spitze der estnischen Regierung stehen und gegen Russland auftreten wird, liegt ihr quasi in den Genen. Ihr Urgroßvater, Eduard Alver, bekämpfte die Rote Armee im estnischen Unabhängigkeitskrieg und wurde zu einem der Gründungsväter des freien Landes im Jahr 1918. Ihre Mutter wurde als Baby während der sowjetischen Besatzung Estlands nach Sibirien verschleppt und lebte dort zehn Jahre lang.

Ihr Vater, Siim Kallas, war bereits Premierminister Estlands und verhandelte als Außenminister den Nato-Beitritt des Landes mit. Die junge Kallas wuchs noch unter der Besatzung durch die Sowjetunion auf, war ein Teenager, als Estland seine Unabhängigkeit wiederlangte, und tritt nun mit besonderer Härte gegen den aggressiven Kurs Russlands auf. Mehr Soldaten, mehr Kampfjets, mehr Kriegsschiffe: Die Nato soll an der Grenze zu Russland Stärke demonstrieren.

Die heute 44-Jährige erreichte ihren ersten großen politischen Erfolg mit ihrer Wahl ins EU-Parlament in Straßburg 2014. Vier Jahre später kehrte die Mutter dreier Kinder nach Estland zurück, um die Reformpartei zu übernehmen. Nach dem Korruptionsskandal und Rücktritt von Jüri Ratas wurde sie Anfang 2021 die erste weibliche Premierministerin des Landes.


LITAUEN

Ingrida Šimonyte, die parteilose Premierministerin

Ingrida Šimonyte
Foto: AFP / Stefanie Loos

Im zweiten Wahlgang zur litauischen Präsidentin verlor die Wirtschaftswissenschafterin Ingrida Šimonytė schließlich gegen Gitanas Nausėda. Doch 2020 – ein Jahr später – wurde sie als Wahlsiegerin gefeiert. Als Premierministerin führt die parteilose Spitzenkandidatin der Konservativen die Regierungskoalition an.

Die 47-Jährige blickt auf eine recht klassische Karriere zurück: Sie arbeitete im Finanzministerium in Vilnius, rückte dort schließlich auf den Posten der Ministerin unter Premier Andrius Kubilius vor. Während der Finanzkrise in den Jahren 2009 und 2010 verantwortete sie Pensionskürzungen, um eine Währungsentwertung abzuwenden. Nach ihrem Ausscheiden als Ministerin unterrichtete der bekennende Metallica-Fan Volkswirtschaft an der Universität der Hauptstadt.

Als Šimonytė zur Regierungschefin gewählt wurde, war sie die einzige Frau an der Spitze eines östlichen Staats der EU. Sie ernannte sieben Frauen und acht Männer als Ministerinnen und Minister und sorgte für die größte Geschlechtergerechtigkeit in einer Regierung in der Region. Und bereits kurz nach ihrem Amtseid – im März 2021 – warnte Šimonytė vor dem Einfluss Russlands, forderte einen harten Kurs der EU und ein Ende der Pipeline Nord Stream 2. (Bianca Blei, 17.4.2022)