Über dem Stahlwerk in Mariupol steigt Rauch auf. Dort sollen sich noch zahlreiche Zivilisten vor den russischen Truppen verstecken.

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Eine russische Rakete hat eine Autowerkstatt in Lwiw getroffen. Insgesamt schlugen fünf Sprengkörper in der westlichen Stadt ein.

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Russland hat nach ukrainischen Angaben mit der erwarteten Offensive im Osten des Landes begonnen. "Es werden Anzeichen des Beginns der Offensive in der östlichen Operationszone festgestellt", teilte der Generalstab jüngst auf Facebook mit. Hervorgehoben wurden dabei die Gebiete Charkiw und Donezk. Von Isjum im Gebiet Charkiw aus werden demnach Vorstöße in Richtung Barwinkowe und Slowjansk im Donezker Gebiet erwartet. "Wir können jetzt sagen, dass die russischen Streitkräfte den Kampf um den Donbass begonnen haben, auf den sie sich lange vorbereitet haben", sagte Präsident Selenskyj am Abend in einer Videobotschaft.

Auch der Gouverneur des Gebiets Luhansk, Serhij Hajdaj, sprach von russischen Angriffen. "Es ist die Hölle. Die Offensive, von der wir seit Wochen sprechen, hat begonnen", erklärte er am Montagabend auf Facebook. Es gebe Kämpfe in Rubischne und Popasna und "unaufhörlich Kämpfe in anderen friedlichen Städten", fügte der Gouverneur hinzu.

"Gerade ist die Kontrolle über die Stadt Kreminna verloren gegangen. Es finden Straßenkämpfe statt", erklärte Hajdaj. Es sei keine Evakuierung der Kleinstadt mehr möglich. "Jede Stunde verschlechtert sich die Situation." In Kreminna sollen von 18.000 Einwohnern vor dem Krieg noch etwa 4.000 ausharren. Schwere Kämpfe gebe es auch um die Städte Rubischne und Popasna.

Mariupol weiter umkämpft

Erbittert gekämpft wird indessen weiter um die Hafenstadt Mariupol. Laut Berichten aus Moskau ist sie bereits zu einem Großteil unter russischer Kontrolle; das ukrainische Verteidigungsministerium verlautbarte am Montagnachmittag, dass die Russen Mariupol aber eben noch nicht vollständig eingenommen hätten. Bis Ostersonntagmittag hatten die russischen Streitkräfte den Kämpfern in der Stadt Zeit gegeben, die Waffen niederzulegen. Doch diese ließen die Frist verstreichen.

In der Hafenstadt, die die pro-russischen Separatistenregionen Donezk und Luhansk mit der von Russland annektierten Krim verbindet, befinden sich auch noch zahlreiche Zivilisten. Vor allem auf dem riesigen Gelände des Stahlwerks sollen sich noch eintausend Menschen versteckt halten. Am Montag plädierte Kiew erneut für einen humanitären Korridor aus der Stadt.

Putin verlieh Butscha-Brigade Ehrentitel

Russlands Präsident Putin hat indessen am Montag jener Brigade, der die Ukraine "Kriegsverbrechen" und massenhafte Tötungen in der Stadt Butscha vorgeworfen hat, einen Ehrentitel verliehen. Der Kremlchef würdigte die 64. Motorschützenbrigade am Montag in Moskau für besondere Verdienste, Heldentum und Tapferkeit, teilte der Kreml mit. Putin lobte nach Angaben des Kremls "versierte und entschlossene Handlungen" der Soldaten im Zuge der "militärischen Spezial-Operation", wie er den Krieg nennt. Sie hätten auf vorbildliche Weise Mut und hohen Professionalismus gezeigt.

Insgesamt wurden in Butscha mehr als 400 Leichen gefunden, teils mit auf den Rücken gebundenen Händen. Russland bestreitet, etwas mit den Gräueltaten zu tun zu haben.

Möglicher Biden-Besuch

Im russischen Fernsehen wurden am Montag zwei britische Staatsbürger vorgeführt, die aufseiten der Ukraine gekämpft hatten und von russischen Truppen gefangen genommen worden waren. In dem am Montag ausgestrahlten Video forderten die beiden Männer, dass sie gegen den von ukrainischer Seite gefangenen Putin-Freund Wiktor Medwedtschuk ausgetauscht werden.

US-Präsident Joe Biden könnte in naher Zukunft die Ukraine besuchen, wie der ukrainische Präsident Selenskyj auf CNN sagte. Auch den französischen Präsidenten Emmanuel Macron hatte er dezidiert eingeladen. Die beiden Staatschefs sollen sich vor Ort ein Bild der russischen Verbrechen machen.

Indes ist auch Lwiw – der bisher sichere Zufluchtsort im Westen der Ukraine – unter russischen Beschuss geraten. Am Ostermontag meldeten die Behörden "fünf zielgerichtete Raketenangriffe" auf die Stadt. Mindestens sieben Menschen starben durch den russischen Angriff auf vier militärische Einrichtungen und eine Autowerkstatt. Der Bürgermeister der Stadt, Adriy Sadowyj, beschuldigte daraufhin Moskau des Genozids und fügte hinzu, dass es keine "sicheren", sondern nur mehr "unsichere" Gebiete im Land gebe. Fast fünf Millionen Ukrainer sind bereits über die Landesgrenzen geflüchtet, meldeten die Vereinten Nationen am Montag. (Bianca Blei, jop, 18.4.2022)