Am Wochenende gibt es wieder einmal die Möglichkeit, im Rahmen des Marathons durch Wien zu laufen. Diesmal aber gilt es besonders aufzupassen.

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Robert Fritz: "Nichtfinishen ist ein Zeichen von Intelligenz."

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Die wichtigste Botschaft gleich zu Beginn: Wer sich in den vergangenen drei Wochen mit einer Corona-Infektion herumzuschlagen hatte, sollte am Sonntag nicht am Start des 39. Vienna City Marathons (VCM) stehen – und auch nicht am Start des Halbmarathons, des 10-km-Laufs oder der Staffel. So lautet die Empfehlung von Jürgen Scharhag, Leiter der Abteilung für Sportmedizin, Leistungsphysiologie und Prävention am Institut für Sportwissenschaft der Uni Wien, und Robert Fritz, Leiter der Abteilung Sportmedizin und Training in der "Sportordination" in Wien sowie Rennarzt des VCM.

Fritz macht kein Hehl aus seiner Sorge, dass der eine oder die andere Laufbegeisterte die möglichen Folgen einer Infektion übersehen oder unterschätzen könnte. "Mit zu frühem Wiedereinstieg ins Lauftraining oder einer zu intensiven Belastung riskiert man langfristige Schäden vor allem des Herzens", sagt der Mediziner, der selbst mehrere Marathons und Ironmen absolvierte und 2017 mit seiner Frau Romana die Mixed-Wertung des australischen Mountainbike-Klassikers Crocodile Trophy gewann. Wer mit Corona infiziert war, sollte laut Fritz "seine oder ihre Ziele jedenfalls an die neue Situation anpassen". Und wer während des Laufs am Sonntag ein Problem wie Atemnot, Schwindel, Kopfschmerzen oder Übelkeit bekommt, soll "bitte einfach aufhören", sagt Fritz dem STANDARD. "Nichtfinishen ist kein Versagen, sondern auch einmal ein Zeichen von Intelligenz, wenn man sich nicht gut fühlt."

Heimtückisch

Für den Sportarzt ist die Omikron-Variante insofern "besonders heimtückisch", als Infektionen oft völlig symptomlos oder mit milden Symptomen verlaufen. Das sei aber keine Garantie dafür, dass das Virus "sich nicht doch irgendwo festgesetzt" habe. Fritz rät Läuferinnen und Läufern, auf ihren Körper zu hören, und verweist auf das VCM Medical Center. Es ist am Freitag und Samstag auf der Marathon-Expo Vienna Sports World in der Marx-Halle quasi eine letzte Anlaufstelle für jene, die vielleicht ein wenig im Zweifel über eine Teilnahme sind. Im Medical Center sind Fachleute aus diversen medizinischen Bereichen versammelt, es ist davon auszugehen, dass sie ab und zu auch den Ratschlag erteilen, auf ein Antreten zu verzichten. Eine Ummeldung auf den VCM 2023 ist mit einer Bearbeitungsgebühr von lediglich 20 Euro verbunden.

"Ich bin selbst begeisterter Läufer, ich verstehe alle, die unbedingt an den Start gehen wollen", sagt Fritz. Doch er erzählt auch eine persönliche Geschichte. "Einmal bin ich extra zum Marathon nach Berlin geflogen, und dort hab ich mich ausgerechnet am Vorabend des Laufs stark verkühlt." Blöd gelaufen, dachte er sich – und ließ es bleiben.

Hoher Pulsbereich

Noch viel blöder hätte es laufen können, hätte Robert Fritz den Lauf in Angriff genommen. "Es gibt viele Läufe", sagt er. "Aber Gesundheit haben wir nur eine." Trainingskilometer müssen auch keineswegs verloren sein, schließlich stünden sehr bald die nächsten Bewerbe an, etwa am 15. Mai der Salzburg-Marathon. 42,195 Kilometer sind nicht nichts – wobei es auf die Streckenlänge allein nicht ankommt. Viele verausgaben sich im Halbmarathon oder über zehn Kilometer sogar mehr, weil sie dort länger oder gar permanent in einem deutlich höheren Pulsbereich unterwegs sein können und es deshalb auch sind.

Die Herzfrequenz ist auch in Ruhezeiten kein schlechter Indikator. Ist sie, etwa nach einer Infektion, noch um zehn oder mehr Schläge erhöht, deutet das darauf hin, dass der Körper unbedingt noch Regeneration braucht. Verlorene Trainingskilometer lassen sich sowieso kaum aufholen, in der letzten Woche vor dem Marathon schon gar nicht.

Den 38. VCM im September 2021 hatte der Tod eines Halbmarathonläufers überschattet, der vor dem Ziel zusammenbrach und im Spital einem Herz-Kreislaufstillstand erlag. Im April 2019, war ein 60-Jähriger während des Marathons zusammengebrochen und ebenfalls im Krankenhaus verstorben. Von Todesfällen bei großen Marathons ist immer wieder zu lesen, unvermeidlich angesichts der Tatsache, dass sich Zehntausende gleichzeitig in einem Event bewegen.

Auch deshalb will Sportmediziner Fritz betonen, "dass Laufen, vor allem auch das Training für einen Marathon, sehr gesund ist". Dass viele Menschen kaum Sport betreiben, sei hingegen für unzählige Gesundheitsschäden verantwortlich. (Fritz Neumann, 20.4.2022)