Der Präsident und der Topmanager: Emmanuel Macron und Carlos Tavares (rechts) bei der Paris Auto Show 2018.

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Niemand in der Autobranche würde bestreiten, dass Carlos Tavares ein Ausnahmetalent ist. Innerhalb von acht Jahren verwandelte der 63-jährige Portugiese den französischen PSA-Konzern mit den Marken Peugeot und Citroën von einem Pleitebetrieb in ein florierendes Unternehmen. Anfang 2021 fusionierte er es mit Fiat und Chrysler zum Branchengiganten Stellantis; binnen eines Jahres machte er daraus den drittrentabelsten Autokonzern der Welt mit einem Gewinn von 13,4 Milliarden Euro.

Doch statt Applaus hagelt es nun Kritik. Laut dem Stellantis-Aktionär Phitrust, einem ethischen Investor, kommt Tavares auf 66 Millionen Euro Jahreseinkommen. Dieser Betrag besteht aus 19 Millionen Salär inklusive Boni, Erfolgsprämien und Rentenanspruch. Dazu kommen 47 Millionen an jetzt anfallenden, aber erst 2026 bis 2028 ausbezahlten Gratisaktien und Sonderprämien für die Fünfjahresperformance.

Selbst die wirtschaftsfreundliche Zeitung Figaro schrieb am Dienstag, Tavares sei "nicht zu verteidigen". Die Gewerkschaften monieren, Stellantis habe in Frankreich zugleich 2.600 Posten abgebaut. Die Angestellten hätten zwar eine Lohnerhöhung von 2,8 Prozent sowie eine Prämie von 4.400 Euro erhalten; dies stehe aber in keinem Verhältnis zu den "astronomischen" Einkünften des Konzernchefs.

Gigantische Gagen

Auch nicht im internationalen Vergleich: VW-Boss Herbert Diess erhalte zum Beispiel 8,6 Millionen Euro, Renault-Chef Luca de Meo 4,7 Millionen. Sogar in den USA, wo viel höhere Spitzensaläre Usus seien, streiche GM-Bossin Mary Barra "nur" 21 Millionen Euro ein.

Die Stellantis-Aktionäre haben Tavares' Honorar bei ihrer Versammlung vergangene Woche mit 52-prozentiger Mehrheit abgelehnt. Diese unübliche Entscheidung hat allerdings nur konsultativen Charakter. Der Verwaltungsrat verteidigt die zweistelligen Millioneneinkünfte mit Blick auf die Geschäftsperformance. Phitrust-Präsident Denis Branche hält dagegen, Tavares leiste zwar gute Arbeit – "doch das selbstfliegende Auto hat auch er noch nicht erfunden".

Die auffälligste Reaktion kommt aus der Politik, genauer gesagt: aus dem Pariser Élysée-Palast. Der wahlkämpfende Staatspräsident Emmanuel Macron bezeichnete die Stellantis-Entlohnung als "schockierend und exzessiv". "Es geht nicht an, dass die Leute Kaufkraftprobleme haben und sie zugleich diese Summen sehen müssen", meinte Macron und verlangte von der zuständigen EU-Kommission eine "Deckelung" der Chefsaläre. "Wenn wir das auf europäischer Ebene machen, kann es funktionieren, ähnlich wie mit der Steuerflucht."

Dass der als unternehmerfreundlich bekannte Präsidentschaftskandidat so prompt reagierte, hat auch damit zu tun, dass das Thema Kaufkraft als Spezialthema seiner Widersacherin Marine Le Pen gilt. Die Rechtsnationalistin zählt Arbeiter, Kleinbeamte und Arbeitslose zu ihrer Wählerschaft und hatte als Erste erkannt, welche politische Sprengkraft in den steigenden Energie- und Nahrungsmittelpreisen steckt. Macron richtete sein Wahlprogramm hingegen bisher auf außen- und umweltpolitische Themen sowie auf eine notgedrungen unpopuläre Rentenreform aus.

Macron in der Defensive

In Sachen Kaufkraft ist er deshalb kurz vor dem zweiten Wahlgang am kommenden Sonntag (24. April) in der Defensive: Von Le Pen wie auch von der Linken wird er der sozialen Härte bezichtigt, zumal er erklärte, die Franzosen müssten "mehr arbeiten". Trotz Milliardenversprechen für untere Einkommensklassen hat es der ehemalige Investmentbanker in den letzten Tagen und Wochen nicht geschafft, seinen Ruf als "Präsident der Reichen" loszuwerden.

Le Pen bezeichnet Tavares' Einkünfte als Beweis für die "üblen Praktiken in den Pariser Eliten". Sie sei "natürlich auch schockiert" über die 66 Millionen, kommentierte sie im Bewusstsein, dass ihr solche eingängigen Affären mehr Wählerstimmen einbringen als komplizierte ökonomische Debatten.

Zumal Le Pens Wirtschaftsprogramm alles andere als vertrauenseinflößend wirkt. In Paris, aber auch in Brüssel befürchten seriöse Ökonomen das Schlimmste für die EU-Konjunktur, sollte Le Pen am kommenden Sonntag gewählt werden. Gut möglich, dass beim heute, Mittwoch, ausgetragenen TV-Duell ihr wirtschaftspolitischer Dilettantismus deutlich wird – wie das schon vor fünf Jahren der Fall war. Doch Le Pen hat seither gelernt. Und die Tavares-Affäre bricht für Macron im dümmsten Moment auf. (Stefan Brändle aus Paris, 20.4.2022)