Die moderne digitale Kriegsführung profitiert von der Einbindung der Bevölkerung zur Informationsgewinnung.

Foto: Evgeniy Maloletka/AP

Nach mehreren Wochen Krieg herrscht mittlerweile kein Zweifel mehr daran, dass Russland die Widerstandskraft des ukrainischen Militärs deutlich unterschätzt hat. Neben der Schlagkraft der eigenen Streitkräfte überrascht die ukrainische Führung aber auch mit ihrem Einsatz von digitalem Know-how. Geschickt werden Social-Media-Kanäle genutzt, um über den Schrecken der Invasion und die Zerstörung zu berichten und sich so weltweite Unterstützung zu sichern.

10.000 Kriegsverbrechen dokumentiert

Im Kampf gegen die russischen Invasoren spielen aber auch Handys, Apps und Webseiten eine wichtige Rolle, die von der Zivilbevölkerung genutzt werden. Mit wenigen Klicks können sie zum Melden von Truppenbewegungen, aber auch zur Dokumentation von Kriegsverbrechen verwendet werden. Allein über die Seite warcrimes.gov.ua sind laut einem "Time"-Bericht bereits mehr als 10.000 Verstöße durch die Bevölkerung dokumentiert worden.

Mit den Informationen will die ukrainische Führung dafür sorgen, dass die Verantwortlichen für die Kriegsverbrechen nach dem Ende des Krieges leichter zur Rechenschaft gezogen werden können. Wer einen Vorfall meldet, muss über die offizielle Webseite bzw. Web-App seine Kontaktinformationen bereitstellen, den Verstoß inklusive Ort, Datum, Uhrzeit und anderen genauen Details beschreiben und ein Foto oder Video hochladen. Eine eingebettete OpenStreetMap-Karte erleichtert die Ermittlung des Standorts.

Gegen russische Propaganda

Da derartig gesammelte Informationen ein relatives Novum bei der Dokumentation von Kriegsverbrechen darstellen, ist unklar, inwiefern sie bei der Verfolgung durch internationale Strafgerichte berücksichtigt werden. Der ukrainischen Führung ist das sogenannte Crowdsourcing aber auch aus anderen Gründen wichtig.

Zum einen wolle man durch die Sammlung von Augenzeugenberichten verhindern, dass die russische Propaganda die verübten Gräueltaten beschönige oder negiere, zum anderen gehe es auch darum, dass die Opfer nicht vergessen werden und die Verbrechen historisch festgehalten werden, heißt es aus Regierungskreisen.

Truppenbewegung per App melden

Als Werkzeug der digitalen Kriegsführung hat sich zudem die App e-Enemy entwickelt, über die die ukrainische Bevölkerung Truppensichtungen melden kann. Abgewickelt wird der Prozess über einen automatisierten Chatbot, der Userinnen und User durch den Prozess führt. Entdeckt die Anrainerschaft, dass schweres Geschütz an der eigenen Wohnadresse vorbeifährt oder sich in Stellung bringt, kann dies über die App gemeldet werden.

Auf diese Weise bekommt die ukrainische Führung praktisch in Echtzeit wertvolle Informationen, wo sich das russische Militär gerade befindet und welche Ziele als Nächstes ins Visier genommen werden. Um Falscheingaben zu verhindern, muss man sich für die Benutzung über die E-Government-Dienste des Landes einloggen. In Österreich ist das vergleichbar mit der Handysignatur. Dadurch kann verifiziert werden, von wem eine Meldung kommt.

Dem ukrainischen Technologieminister Mychajlo Fedorow zufolge können 80 bis 90 Prozent der eingemeldeten Hinweise von Behörden verwendet werden. Mehr als 250.000 Menschen haben sich bisher an der Meldung von Truppenbewegungen beteiligt, sagte er laut "Time". (step, 20.04.2022)