Das Risiko, an Covid-19 schwer zu erkranken, verteilt sich sehr ungleich über die Bevölkerung. Zudem haben sich diese Wahrscheinlichkeiten stark verändert.

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Wie groß ist mein Risiko, im Falle einer Infektion schwer an Covid-19 zu erkranken? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, trotz eines negativen Tests infektiös zu sein? Wie wichtig ist es, dass ich mich gegen Covid-19 impfen lasse? Die Pandemie hat unsere Fähigkeiten, Risiken einzuschätzen, in den vergangenen gut zwei Jahren ordentlich auf die Probe gestellt – zumal die Risikokalkulationen nicht nur ziemlich komplex sind, wie die "New York Times" vor wenigen Tagen anschaulich zeigte, sondern sich auch immer wieder änderten.

Das lag zum einen daran, dass auch die Wissenschaft ganz zu Beginn kaum etwas über die Gefährlichkeit der Krankheit wusste. So gab es anfänglich die Befürchtung, dass die Fallsterblichkeit bis zu drei Prozent betragen könnte, also von hundert Infizierten drei versterben würden. Bald aber wurde klar, dass die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Ausgangs besonders stark vom Alter und von Vorerkrankungen abhängt – und für Personen unter 50 Jahren zumeist sehr gering ist.

Zum anderen veränderte sich das Risiko in den letzten zwei Jahren auch ganz objektiv durch die jeweils zirkulierenden Varianten, durch die neuen Behandlungsmethoden und vor allem durch die Impfungen – und die überstandenen Infektionen.

Reduziertes Corona-Risiko

Dank der aktuell vorherrschenden Variante Omikron, die im Schnitt für weniger schwere Verläufe sorgt, dank neuer Medikamente wie Paxlovid und vor allem dank der Booster-Impfungen, die das Risiko für einen tödlichen Ausgang entscheidend reduzieren, haben mittlerweile viele Länder alle oder die meisten Pandemiemaßnahmen zumindest vorläufig aufgehoben.

Dass die Impf- und Auffrischungsquote in Österreich relativ gering ist, mag einerseits an der im internationalen Vergleich hohen Zahl der Infektionen liegen, die ebenfalls einen gewissen Schutz bieten. Andererseits tragen verunsichernde Falschinformationen, die oft genug unter dem Deckmäntelchen der "Wissenschaft" daherkommen, gerade auch in Österreich das Ihre dazu bei, die Impfskepsis hierzulande hochzuhalten.

Verunsichern mit Nonsense-Korrelationen

Eines der besonders dreisten Beispiele, Verunsicherung zu schüren, ist die Behauptung, dass die Übersterblichkeit im vergangenen Jahr nicht mit Covid-19 und anderen Erkrankungen, sondern mit den Covid-19-Impfungen zu erklären sei. Verantwortlich für diesen absurden Verdacht ist der deutsche Psychologe Christof Kuhbandner (Uni Regensburg), der diese angebliche Korrelation entdeckte, indem er die deutschen Verlaufskurven für die Zahl der Impfungen und für die Übersterblichkeit übereinanderlegte. Der österreichische Anti-Impf-Aktivist und Filmemacher Bert Ehgartner hat Kuhbandners Verdacht gemeinsam mit Servus TV mehr Öffentlichkeit verschafft.

Dagegen half auch nicht, dass Kuhbandners Behauptung vom renommierten deutschen Harding-Zentrum für Risikokompetenz als "Unstatistik des Monats" zerlegt wurde – natürlich mit einer begleitenden Erklärung: Zum einen gibt es bei Zeitreihen immer wieder (Nonsens-)Korrelationen, auch wenn ein kausaler Zusammenhang eher ausgeschlossen ist – etwa zwischen der jährlichen Zahl der Filme von Nicholas Cage und der Zahl der Personen, die in Pools ertrinken.

Zum anderen benötigt man zur Antwort auf die Frage, ob sich Impfungen positiv oder negativ auf Todesfälle auswirken, Individualdaten der Geimpften. Solche Registerdaten liegen für Deutschland nicht vor, wohl aber für Österreich. Und hier zeigte sich eindeutig: "Ungeimpfte haben ein signifikant höheres Sterberisiko als jene, die zumindest eine Impfdosis erhalten haben", wie die Statistik Austria Anfang des Jahres vermeldete.

Verbesserbare Risikokompetenz

Wie ein an einer Uni tätiger Psychologe auf eine derartige Schwachsinnsstatistik kommt, wäre eine eigene Frage wert. Dass sich ein solcher Humbug anscheinend auch bei nicht wenigen Leuten verfängt, liegt zum Teil aber wohl auch an mangelnden Statistikkenntnissen und an nicht ausreichender Risikokompetenz.

Diese will das Harding-Zentrum mit verschiedensten Methoden verbessern. Entsprechend haben seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter während der Corona-Pandemie verständliche grafische Darstellungen zur Wirksamkeit von Covid-19-Impfstoffen oder der Interpretation von Schnelltests entwickelt. Es gibt aber auch ein Quiz mit acht Fragen, um die eigene Risikokompetenz zu testen.

Direktor des Harding-Zentrums ist der deutsche Psychologe Gerd Gigerenzer, der die Einrichtung 2009 gründete – damals noch als Teil des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, das Gigerenzer bis 2017 leitete. Neben seiner Forschung beschäftigt sich Gigerenzer auch in Bestsellern wie "Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft" (2013) oder "Klick. Wie wir in einer digitalen Welt die Kontrolle behalten und die richtigen Entscheidungen treffen" (2021) mit Fragen der Risikokompetenz.

Deren Erwerb hält er heute für so wichtig, wie es das Erlernen von Schreiben und Rechnen vor 150 Jahren war. Risikokompetenz sollte aber nicht abstrakt gelehrt, sondern als Werkzeug zur alltäglichen Problemlösung vermittelt werden, insbesondere im Umgang mit Gesundheit, Geld und digitalen Medien. Dass es auch noch im 21. Jahrhundert in der Ärzteschaft diesbezüglich Aufholbedarf gibt, illustriert Gigerenzer anhand der Anekdote über einen Vortrag, den er vor 160 Gynäkologinnen und Gynäkologen hielt.

Wahrscheinlichkeiten

Dabei gab er den Fachleuten folgende Informationen: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau Brustkrebs hat, beträgt ein Prozent. Wenn eine Frau Brustkrebs hat, beträgt die Wahrscheinlichkeit eines positiven Testergebnisses 90 Prozent. Wenn die Frau keinen Brustkrebs hat, beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass das Testergebnis trotzdem positiv ausfällt, neun Prozent. Am Ende stellte Gigerenzer die Frage, wie groß die Wahrscheinlichkeit einer Frau mit positivem Ergebnis ist, tatsächlich Brustkrebs zu haben. Die wenigsten Ärztinnen und Ärzte wussten die richtige Antwort (siehe Quiz, Frage 3).

Um risikokompetent zu werden, braucht es freilich die Fähigkeit, nicht nur mit statistischen Wahrscheinlichkeiten umgehen zu können, sondern auch mit echten Ungewissheiten – also etwa der, wie sich die Pandemie im Herbst 2022 entwickeln wird. Nach den bisherigen Erfahrungen darf man aber vermuten, dass Covid-19-Impfungen wohl auch bei den nächsten Varianten vor schweren Verläufen schützen und sicher nicht zur Übersterblichkeit beitragen werden. (Klaus Taschwer, 22.4.2022)