Schon seit Jahren geht der Alkoholkonsum in Deutschland zurück. Von 15,1 Liter im Jahr 1980 auf weniger als elf Liter im Jahr 2018 (in Österreich waren es 1980 etwas mehr als 14 und 2018 zwölf Liter, Anm.). Der Konsum Jugendlicher ist auf einem historisch niedrigen Stand, fast 40 Prozent haben noch nie welchen getrunken. Bei einer Gruppe jedoch steigt er: den emanzipierten Frauen.

Ein grauer Film über dem Leben: Eva Biringer.
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Jenen Frauen, die trotz Fünfzigstundenwoche noch Zeit für Pilates finden, morgens vor der Arbeit laufen gehen und sich anschließend einen Sechs-Euro-Ingwershot gönnen. Frauen, die beim Abendessen auf Kohlenhydrate verzichten und niemals den Geburtstag einer Freundin vergessen. Wenn sie Single sind, dann nicht der Bridget-Jones-, sondern Carry-Bradshaw-Typ, glamourös, sophisticated, im Besitz eines Fitnessstudiojahresabos und begehbaren Kleiderschranks oder wenigstens genug Schuhen, um einen zu füllen.

Wenn sie Mutter sind, haben sie ein halbes Jahr nach der Geburt ihren Körper wieder in Form gebracht. Detox ist für sie genau wie Bio eine Lebenseinstellung. Diese Frauen also riskieren Tag für Tag den Verlust ihres schönen, gesunden Körpers, weil sie die von der WHO empfohlene Alkoholmenge um ein Vielfaches übersteigen.

Vierfaches Brustkrebsrisiko

Sie nehmen billigend in Kauf, dass Alkohol für rund zweihundert Krankheiten verantwortlich ist und das Brustkrebsrisiko vervierfacht. Sie arrangieren sich mit Depressionen, Stimmungsschwankungen und Angstzuständen, weil sie nun mal ein bisschen kompliziert sind, obwohl erwiesen ist, dass Alkohol diese mehr pusht als jeder Ingwershot.

Sie gehen Beziehungen ein, die ihnen nicht guttun, und setzen sich Gefahren aus, die sie nicht mal ihren schlimmsten Feinden zumuten würden. Sie fallen hin, dämmern weg und fragen sich am nächsten Morgen, wie das schon wieder passieren konnte. Sie sind bereit, vieles zu ändern, aber nicht diese eine Sache. Stattdessen trinken sie einfach weiter. (…)

Die Autorin Holly Whitaker formuliert es so: "Die Zukunft ist weiblich, der Wein ist pink, in den Yogakursen wird Bier ausgeschenkt, und die Todesrate steigt." In ihrem Heimatland USA stirbt jede zehnte Frau einen im Zusammenhang mit Alkohol stehenden Tod. Überall auf der Welt trinken Frauen gegen ihre Zweifel an und gegen unmöglich zu erfüllende Erwartungen.

2015 zählten in Deutschland 14 Prozent zu den sogenannten Risikotrinkerinnen. Bei jenen mit hohem Sozialstatus ist es sogar jede Fünfte. Da sind die unter der Woche tadellos funktionierenden weekend warriors, die sich Freitagnacht in die Bewusstlosigkeit trinken, die Vorortvillenbewohnerinnen, die mit ihrem Mann jeden Abend eine Flasche Bordeaux teilen, die Studentinnen, die sich nach dem Seminar zum Astra-Trinken am Kanal treffen.

Du hast es dir verdient

In vielen Friseursalons namens "Kamm Inn" gibt es ein Glas Sekt aufs Haus. Mehr noch als einige Jahrzehnte zuvor ist Alkohol gelebte Emanzipation. Du hast es dir verdient, Sister! Du arbeitest wie ein Mann, hast – zwinker, zwinker – dieselben Rechte wie ein Mann, also kannst du auch saufen wie einer.

Von Marguerite Duras, deren alkoholbedingtes Zittern manchmal so stark war, dass sie ihre Texte diktieren musste, stammt der Satz: "Eine trinkende Frau, das ist, wie wenn ein Tier oder ein Kind tränke." Er scheint jede Gültigkeit verloren zu haben. Die Vorstellung einer gebildeten Frau, die ein bisschen zu viel trinkt, erscheint heutzutage nicht abstoßend, ganz im Gegenteil. Frauen mit Universitätsabschluss trinken mit doppelter Wahrscheinlichkeit täglich Alkohol als solche ohne.

Wo die Grenze verläuft, ist klar. Eine mit Wodka gefüllte Evian-Flasche geht natürlich nicht. Morgens trinken geht auch nicht, außer wenn man anschließend feiern geht oder bei einem Bloody-Mary-Brunch. Mittags trinken geht unter Umständen in Ordnung. Vielleicht nicht beim Businesslunch – außer man macht währenddessen die nächste Champagnergutpressereise klar –, aber auf jeden Fall beim Lunch an einem freien Tag und im Urlaub.

Inbegriff von Emanzipation

Schnaps pur geht nicht, außer bei Junggesellinnenabschieden und in Karaokebars und in Form von Mezcal im Mexiko-Urlaub. Allein trinken geht auf jeden Fall, nur halt keinen Schnaps. Genau genommen ist allein trinken sogar der Inbegriff von Emanzipation. In der Badewanne, nach einer Zoom-Konferenz, beim Lesen auf dem Balkon, beim Businesstrip im ICE-Speisewagen, im Singleurlaub. Eigentlich geht auch Schnaps in Ordnung, wenn es ein Single-Malt-Whiskey ist, nur halt nicht aus der Flasche.

Und, Moment mal: Genau genommen besteht so ein Negroni ja auch aus drei Sorten Schnaps. Meine Mama hat immer gesagt: Früher konnten die Töchter kochen wie ihre Mütter, heute saufen sie wie ihre Väter. Es stimmt. überall um mich herum sehe ich sie, die klugen, willensstarken, ehrgeizigen, fantastischen Frauen, Kinderlose und alleinerziehende Mütter, viele von ihnen Single oder in Beziehungen mit wenig ambitionierten Männern.

Diese Frauen stapeln tief, glauben, es nicht verdient zu haben. Ihr Leben ist ein einziger großer Selbstzweifel. Nicht für alle spielt Alkohol eine Rolle, aber für viele. Nicht für alle von diesen vielen eine so große wie für mich, aber für manche. (…)

Schleier über die Augen

"Wenn ich Leuten erzählte, dass ich ein Buch über Sucht und Genesung schrieb, sah ich oft, wie sich ein Schleier über ihre Augen legte. Ach so, schienen die Blicke zu sagen, dieses Buch habe ich doch längst gelesen." Dieses Zitat stammt aus Leslie Jamisons autobiografischem Roman Die Klarheit. Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung, der in meinem Umgang mit Alkohol eine Schlüsselrolle einnimmt.

Ich weiß genau, was sie meint. Wer anfängt zu suchen, findet viele Bücher zum Thema, auch und gerade von Frauen, die ihre eigene Geschichte schildern. Im englischsprachigen Raum gibt es eine regelrechte Kultur der sober literature beziehungsweise quitlit, darunter Ruby Warringtons Sober Curious, Laura McKowens We Are the Luckiest oder Holly Whitakers Quit Like a Woman. (…)

Ist das Thema also ausgeschrieben? Nein, denn Frauen brauchen eine Stimme. So oft wurden wir in der Vergangenheit zum Schweigen gebracht und werden es immer noch. Wir wachsen auf in dem Glauben, nicht zu viel Raum einnehmen, unsere Bedürfnisse nicht so wichtig nehmen zu dürfen. Über die eigenen first world problems klagen? Wie eitel. Dabei sollten wir uns vor Augen halten, dass unsere Sorgen, Ängste und Zweifel in den seltensten Fällen privat sind, sondern einen gesellschaftlichen Ursprung haben. Im Fall von Alkohol zum Beispiel.

Gefühl der Unzulänglichkeit

Wir treffen Freundinnen zum Brunch, Lunch oder Dinner und trinken. Wir feiern Beförderungen, baby showers und Bergfeste, trinkend. Wir trinken als Trost und wenn es uns gut geht. Wir belohnen uns nach einem anstrengenden Videocall mit einem Quarantini, legen uns mit einem Shiraz in die Badewanne oder öffnen dienstagnachmittags eine Flasche Jahrgangschampagner und sprechen einen Toast auf uns selbst, weil wir’s können.

So bringen wir unsere innere Kritikerin zum Schweigen, die bei Mädchen durchschnittlich im Alter von acht Jahren die Bühne betritt. Anstatt uns zu fragen, woher dieses elementare Gefühl der Unzulänglichkeit kommt, feiern wir das Saufen als Selbstermächtigung. Ist die Zukunft wirklich weiblich und der Wein pink? Nein, die Zukunft scheint rosé zu sein, am besten runtergekühlt mit ein paar Eiswürfeln.

Es besteht ein nachweisbarer Zusammenhang zwischen dem Grad an Emanzipation in einem Land und dem Anteil trinkender Frauen. Noch dazu einen bezogen auf deren Intelligenz. Ein Artikel des Daily Telegraph zitiert eine Studie, wonach Frauen mit einem Hochschulabschluss eher zu riskantem Alkoholkonsum neigen.

Je besser ausgebildet, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie täglich trinken und Anzeichen eines problematischen Konsums aufweisen. Mädchen, die in Grundschultests gut oder sehr gut abschnitten, hatten ein doppelt so hohes Risiko. Bereits im Alter von fünf Jahren ließ sich eine entsprechende Prognose treffen.

Die Studienautorinnen Francesca Borgonovi und Maria Huerta liefern mögliche Erklärungen: Gut ausgebildete Frauen bekommen später Kinder, haben also mehr Freizeit und Gelegenheit zu trinken. Sie entstammen der Mittel- oder Oberschicht, wo Trinken zum guten Ton gehört, bewegen sich in einem alkoholfreundlichen Umfeld, arbeiten eher in männerdominierten Jobs und haben mehr Geld zur Verfügung.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Studie der Columbia University, wenn sie feststellt, dass besser ausgebildete Frauen mehr trinken und verheiratete Frauen im Gegensatz zu alleinstehenden seltener zu Problemtrinkerinnen werden. So gesehen habe ich das große Los gezogen: Master-Universitätsabschluss, erwerbstätig, die meiste Zeit meines Lebens Single.

Ungenutztes Potenzial

Eva Biringer, "Unabhängig. Vom Trinken und Loslassen". 18,50 Euro / 352 Seiten. Harper Collins, Hamburg 2022
Foto: Harper Collins

Irgendwann hatte ich eine unsichtbare Grenze überschritten, vielleicht schon als ich zum ersten Mal betrunken war, vom Rum aus dem Schrank mit den Backzutaten. Über die Jahre legte sich ein grauer Film über mein Leben, eine permanente Unzufriedenheit, losgelöst von äußeren Umständen, denn hatte ich nicht alles, Sternerestaurants, Champagnerlunches und trotz Freiberuflichkeit genug Geld für Schuhe, in denen ich nicht laufen konnte? Hatte ich. Ebenso den unerschütterlichen Glauben, dass eine betrunkene Frau auf einem öffentlichen Platz vor der Hand eines Mannes in ihrer Hose sicher ist.

Ein Problem mit Alkohol kann sich auf verschiedene Arten äußern. Etwa wenn die Vorstellung eines dauerhaften Verzichts dem Tod gleichkommt. In meiner Vorstellung gingen ganze Nationen unter: Was soll ich in Italien, wenn ich keinen Negroni trinken kann? Was in Österreich ohne burgenländischen Chardonnay?

Trinken war für mich Freiheit, Rebellion, Grandezza. Abstinenz das Ende von allem. Ein Problem besteht auch, wenn viele kleine und große Unglücke zwar ein schlechtes Gewissen nach sich ziehen und jede Menge Selbsthass, aber nie ernsthafte Konsequenzen.

Wenn die Welt gegen uns ist, haben wir doch immer noch Mister Perfect an unserer Seite, auch wenn diese Beziehung eine im wahrsten Sinn toxische ist. Auf lange Sicht führt sie nicht zu gebrochenen Herzen und Kniescheiben und dem Verlust von Portemonnaies und Selbstrespekt. Sie führt auch dazu, dass wir unser Potenzial nicht nutzen. (Eva Biringer, Vorabdruck, ALBUM, 23.4.2022)