"Raus aus der negativen Gedankenspirale!", rät Arbeitspsychologin Anna Warga-Hosseini.

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Frage: Warum fühlen sich derzeit so viele Kolleginnen und Kollegen gestresst, besorgt, einsam, verunsichert?

Glück: Menschen haben mentale Strukturen, wie die Welt funktionieren sollte. Das, was gerade passiert, ist für viele ein Bruch, und das Hirn muss sich erst an die neue Situation anpassen. Das ist anstrengend und erschöpfend.

Frage: Was sind die besten Ressourcen für mich in dieser "Anpassungsleistung"?

Glück: Zum Beispiel Austausch mit Menschen, die mir guttun. Fokus auf das, was gut ist im eigenen Leben, oder auch eigene Routinen. In unangenehmen Situationen stellt sich schnell ein Tunnelblick ein, und alles wird noch schrecklicher. Da ist wichtig, den Nachrichtenkonsum einzuschränken und bewusst die Zeit mit angenehmen Erlebnissen zu verbringen. Am besten ist, viele Säulen für einen Ausgleich zu haben – Sport, Hobbys, Freunde, ein Ehrenamt, Spiritualität. Dinge tun, bei denen ich mich als wirksam und verbunden erleben kann.

Frage: Wenn unmittelbar und akut Stress hochsteigt, was hilft?

Glück: Bewegung, mehrmals langsam tief durchatmen, mit einer vertrauten Person sprechen. Es geht aber grundsätzlich auch um Akzeptanz, dass Dinge passieren. Leiden ist Schmerz mal Widerstand, das heißt je größer der Widerstand, desto größer das Leiden.

Warga-Hosseini: Raus aus der negativen Gedankenspirale! Es wächst sozusagen automatisch Unkraut in unserem Gehirn, wenn wir keine Blumen pflanzen. Es ist daher wichtig, immer wieder neue Gedanken zu tanken, ein paar Seiten in einem Buch lesen, ein Hörbuch an hören. Immer wieder raus ist die Devise.

Frage: Akzeptanz – komme ich da auch bei Schlafproblemen weiter?

Warga-Hosseini: Bei keinem anderen Thema habe ich in Unternehmen derzeit mehr Aufmerksamkeit als bei Schlafproblemen. Wenn man etwas gar nicht haben möchte, dann hat man es, nur durch Akzeptanz kann man es wieder loswerden. Mit Krampf zu versuchen einzuschlafen wird nicht funktionieren. Wenn ich mir sage: Okay, dann schlafe ich halt nicht, ich liege heute eben nur da und ruhe mich aus – plötzlich kann man einschlafen. Das funktioniert nicht von heute auf morgen, es ist ein Prozess, aber es funktioniert tatsächlich. Die Übung lohnt sich.

Frage: Was kann ich als verantwortliche Kollegin oder als Führungskraft in meiner Organisation tun?

Buschmann: Aufeinander zugehen, möglichst viele Kolleginnen und Kollegen im Dialog halten, das Gespräch suchen. Physische und persönliche empathische Präsenz sind dabei jetzt ausschlaggebend. Jetzt geht es wirklich darum, alle Kraft in soziale Bindungen zu investieren, damit die alte Bürogemeinschaft, auch wenn nicht mehr alle täglich ins Büro kommen, wieder aufgebaut werden kann und Zusammengehörigkeitsgefühl, das Gemeinsame, wieder entstehen kann.

Frage: Das klingt einfach. Was, wenn es massive Widerstände gibt, etwa gegen eine Rückkehr ins Büro?

Buschmann: Die Dynamik aktuell ist oft kein harmonischer Cocktail. Es geht ja auch nicht darum, dass Führungskräfte andere "heilen" müssen, sondern darum, einen gütlichen Rahmen zu schaffen, einen Dialog in Güte in Gang zu bringen, damit die Kolleginnen und Kollegen aus ihrer Wabe heraus können und kommen. Güte – die tut einem selbst ja auch gut.

Frage: Sicherheit zu vermitteln ist aktuell ja nur schwer oder kaum möglich. Gut zureden?

Buschmann: Um Schönreden geht es natürlich nicht, das glaubt ja auch niemand. Zunächst geht es darum, einen Ordnungsrahmen zu schaffen mit kleinen, überschaubaren perspektivischen Schritten. Sicherheit auf die kommenden drei Jahre lässt sich natürlich nicht herbeireden. Die Qualität der Kraft einer Führungsperson ist jetzt entscheidend, die Souveränität. Zuversicht ist dabei die entscheidende Qualität. Zuversicht ist wahrscheinlich die "Droge" der Zukunft. (Karin Bauer, 23.4.2022)