Sie kann sich schon ziehen, die Hauptallee – nicht nur im letzten Viertel des Vienna City Marathon, der am Sonntag schon zum 39. Mal aufgelegt wurde. Ehrlich gesagt, hab ich sie laufend gerne links liegengelassen, oder auch rechts, und mich glücklich geschätzt, auf halber Hauptalleehöhe erst in den Prater zu stechen, sei es über die Jesuitenwiese aus dem dritten oder über die Meiereistraße aus dem zweiten Bezirk kommend.

"Mir wird im Training auf und neben der Hauptallee nie fad. Einmal war ich kurz auf der Donauinsel – und hab umgedreht." Julia Mayer, derzeit beste Langstreckenläuferin Österreichs
Foto: Fritz Neumann

Die erste Alleehälfte, jene zwischen Praterstern und Stadionbad, mag viel zu bieten haben, den Läufer lenkt sie vom Wesentlichen ab. Riesenrad, Wurstelprater, Planetarium, Liliputbahn, Schulverkehrsgarten, Hockeystadion, ein Lokal nach dem anderen, Meierei, Praterfee, Mexikaner, Allee samt Bowlinghalle. Und dazu oft viele Spazierende, Flanierende, Rollende, Radelnde, Walkende, Scooternde, Skatende.

Wenn schon einen Lauf kriegen auf der Hauptallee, dann lieber weiter draußen, zwischen Stadionbad und Lusthaus. Insofern weiß ich mich übrigens auf einer Linie mit Julia Mayer und Andreas Vojta, Österreichs Besten im Langstreckenlauf, zwei Hauptallee-Enthusiasten.

Sie stoßen etwas später dazu, bitte um Geduld, um ein wenig Ausdauer. Eine Runde laufen gehen, der Begriff kommt ja nicht von ungefähr, und die Hauptallee ist alles, nur keine Runde. Zu queren ist sie natürlich, sonst wäre weder hüben der Weg ums Obere Heustadelwasser noch drüben jener ums Untere erreichbar.

Eliud Kipchoge sei Dank

Doch natürlich gab es immer wieder Ausnahmefälle, in denen kein Weg an der Hauptallee vorbeigeführt hat, etwa zwei gleich jahrelange, kinderwagenbedingte Ausnahmefälle. Für die Hauptallee brauchte es keinen Geländebuggy, da reichte die Grundausstattung des, hüstel, Bobo-Fabrikats. Dabei waren weite Abschnitte der Allee längst nicht so gut asphaltiert wie heute.

Im Herbst 2019 wurden sie hergerichtet, auf dass der Kenianer Eliud Kipchoge am 12. Oktober in der vom Ineos-Konzern finanzierten "Challenge" die Marathondistanz (42,195 Kilometer) als erster Mensch in weniger als zwei Stunden lief, in 1:59:40,2. Daran erinnert nun eine Tafel bei der Kreuzung Meiereistraße.

Dort ist auch die "World Athletics Heritage Plaque" zu sehen, schließlich hat die Hauptallee seit kurzem als "Welterbe der Leichtathletik" zu gelten. Aufzeichnungen lassen darauf schließen, dass hier vor 200 Jahren, 1822, erstmals Laufbewerbe stattgefunden haben.

Laufen in der Dunkelheit

Die andere Ausnahme gilt bis heute: Laufen in der Dunkelheit, in meinem Fall eher spätabends denn frühmorgens. Gern auch im Regen oder bei Schneefall, ist ja generell nicht das schlechteste Laufwetter, die ersten Schritte fallen halt schwer, doch wenn es dunkel ist, ist es auch schon egal.

Im Dunkeln gibt die Hauptallee doppelte Sicherheit, dank Asphaltierung, dank Beleuchtung. Einige wenige sind sporadisch sogar noch knapp vor Mitternacht auf dem Laufenden, wenn andere – etwa nach einem Abenddienst in der STANDARD-Sportredaktion – völlig ausgelaugt auf dem Heimweg in die Pedale treten.

Vom Palais ins Jagdgebiet

Die Hauptallee ist die Hauptschlagader der grünen Lunge Wiens, des Praters auf der Insel zwischen Donau und Donaukanal, die durch die 1875 beendete Donauregulierung entstand. Angelegt wurde sie 1538 unter Kaiser Ferdinand I. als Verbindung zwischen dem kaiserlichen Palais Augarten (Favorita) und dem Jagdgebiet des Hofes im Prater.

Zunächst bedingte das Heustadelwasser eine Unterbrechung, 1867 wurde es an beiden Enden überbrückt, seither führt die Hauptallee vom Praterstern bis zum Lusthaus. Über, wohlgemerkt, 4,4 Kilometer und nicht bloß über vier, wie es oft heißt. Die vier Kilometer sind freilich markiert, was Läuferinnen und Läufer, Profis wie Hobbyisten, schätzen.

Vom Stadionbad hin zum Lusthaus gibt es sogar Markierungen im 100-Meter-Abstand, deshalb spult Andreas Vojta hier zweimal pro Woche "schnelle Einheiten" ab. Der 32-Jährige verbuchte fast zwei Dutzend Staatsmeistertitel, den Großteil über 5000 (Bestzeit 13:24,03) und 10.000 Meter (28:30,28). Am Sonntag ging er an den Marathonstart, um seinem Kollegen Timon Theuer das Tempo zu machen. Theuer gab auf, Vojta rannte weiter und letztlich recht locker ins Ziel, um die Stimmung zu genießen. Die Hauptallee ist für ihn "die Strecke, die niemals schläft", dort spiele im Training für viele auch "das Sehen und Gesehenwerden" eine Rolle.

Ein Seitensprung und ein Rätsel

Öfter noch als Vojta nimmt Julia Mayer im Prater die Beine in die Hand. Nämlich? "Jeden Tag, oft sogar zweimal täglich." Die 29-Jährige gewann auch schon mehr als ein Dutzend Meistertitel, sie hält die Rekorde im Fünf- und im Zehn-Kilometer-Straßenlauf. Ersteren erzielte sie beim Frauenlauf 2021 – auf der Hauptallee.

"Es war das Ende der Saison, ich war schon müde, dennoch ist mir ein Traumlauf gelungen. Auch deshalb bin ich der Hauptallee jetzt besonders verbunden." Im Training sticht sie oft zur Seite ab, Rindenmulch und Waldwege taugen ihr als Untergrund mehr als Asphalt. Langweilig wird ihr nie. Quasi ein Seitensprung auf die Donauinsel war vor kurzem flott wieder vorbei, Mayer drehte nach wenigen Minuten um und kehrte fast reumütig zur Hauptallee zurück.

Vorrang geben

Allein der Alleemittelpunkt ist Mayer und Vojta und allen, die dort unterwegs sind, ein Rätsel. Nämlich die Tatsache, dass bei der Kreuzung mit der Meiereistraße beziehungsweise Stadionallee die Autofahrer Vorrang haben und nicht per Stopptafel zum Anhalten bewegt werden. "Die meisten bleiben eh stehen", sagt Mayer. "Aber alle nicht", sagt Vojta und ergänzt: "Man glaubt nicht, dass diese Regelung im Jahr 2022 immer noch gelten kann."

Doch wie gesagt, in Wahrheit beginnt die Hauptallee, beginnt der Prater dort erst so richtig. Hinter dem Lusthaus würde noch die Golfplatzrunde locken, die Rennbahnrunde, der Praterspitz. In Wahrheit ginge es fast ewig weiter, auf die Donauinsel, in die Lobau, zum Alberner Hafen. Doch sag das einmal den Hauptallee-Enthusiasten! Die pendeln hin und her. Manchmal drehen sie sich kurz vor dem Praterstern noch einmal um und denken sich: "Aber was!" Und schon geht’s wieder los Richtung Lusthaus. Denn so sehr zieht sie sich am Ende dann auch wieder nicht, die Praterhauptallee! (Fritz Neumann, 23.4.2022)