Bodo Hell (79), hier links im Bild flankiert vom Schriftsteller Peter Gruber bei einer Lesung am Hohen Sonnblick, lebt und arbeitet als Schriftsteller in Wien und auf der Grafenbergalm im Dachsteingebiet, wo er im Almsommer als Halter tätig ist.

Foto: Thomas Neuhold

Wenige der rund 150 Künstler und Künstlerinnen, die sich im Programm Akte Mayröcker mit der verstorbenen Dichterin beschäftigen, haben diese persönlich gekannt. Der Schriftsteller Bodo Hell war mit ihr befreundet und liefert einen Beitrag für das Programm in Salzburg.

STANDARD: Friederike Mayröcker stand ja nicht gern im Mittelpunkt, in der Öffentlichkeit. Was hätte sie denn zu einem einen Monat dauernden Programm ihr zu Ehren gesagt?

Hell: Sie wäre sicher erfreut, dass jeden Tag von ihr ein Gedicht in die Öffentlichkeit kommt. Das hatte sie zu Lebzeiten ja nicht gehabt. Sie wird wahrscheinlich herüberschauen und wird das schon akklamieren. Sie würde wohl auch gerne selbst auftreten, allerdings unter der Bedingung, dass keine Einführung gemacht wird, dass ein Glas Wasser auf dem Tisch steht und dass ihr nach der Lesung kein Blumenstrauß überreicht wird.

STANDARD: Im Mayröcker-Monat kommen neben ihren Texten auch andere Genres vor. Hätte sie mit der popkulturellen Auseinandersetzung mit ihrem Schaffen etwas anfangen können?

Hell: Ja, auf jeden Fall. Sie hat ja selbst immer wieder auf ihre experimentelle Phase verwiesen, in der popkulturelle Elemente eine wichtige Rolle gespielt haben. Wir werden einen ihrer Lieblingssongs aus dieser Zeit auch bei der Zugfahrt mit der Pinzgaubahn (26. Mai; Anm.) spielen.

STANDARD: Stichwort Zugfahrt. Sie verlegen Ihren Beitrag zur ‚Akte Mayröcker‘ als "Landpartie" in die Pinzgaubahn. Wie kommt man bei Mayröcker auf eine Zugfahrt?

Hell: Sie hat eine gewisse Zugaffinität gehabt, sie fuhr sommers mit dem Zug immer zu ihrer Mutter nach Puchberg am Schneeberg. Eine schöne Strecke.

STANDARD: Welchen Bezug hat Friederike Mayröcker eigentlich zu Salzburg?

Hell: Da gibt es ein Gedicht über die Madonna von Michael Pacher in der Franziskanerkirche. Das ist eine gute Idee: Ich werde das gleich raussuchen, da können wir vielleicht noch etwas dazu machen. Und sie wurde immer von Otto Breicha, der damals unter anderem Direktor des Salzburger Rupertinums war, gefördert. Breicha hat ihr immer Aufträge gegeben, aus diesen sind dann immer Bücher entstanden.

STANDARD: Kann man mit einem Crossover-Projekt Lyrik und Mayröcker im Speziellen einem breiteren Publikum näherbringen?

Hell: Es gibt ganz eingängige Sachen, die ja nur Kaskaden sind. Ich wundere mich, dass das noch nicht vertont ist. Das hat gar nichts mit einem schwer verständlichen Avantgardismus zu tun. Ich plädiere auch immer wieder für ihre Prosa. Der Einstiegsband ist Reise durch die Nacht, wo auch eine Zugfahrt vorkommt. In dieser nächtlichen Zugfahrt passieren alle möglichen Eingebungen. (INTERVIEW: Thomas Neuhold, 26.4.2022)