Musicalstar Marika Lichter und Schorsch Kamerun untersuchen in der musikalischen Revue "Herrschaftszeiten (noch mal?)" alte, neue und ewiggleiche Machtverhältnisse.

Foto: Alex Gotter

Macht und ihr Missbrauch gelten bekanntlich als ewige Geschwister – und deren Arsch gibt dann den Kriegsminister. Deshalb lässt der Hamburger Musiker und Theatermacher Schorsch Kamerun von der Diskursband Goldene Zitronen als alter Stammgast des Werk X in Wien-Meidling in seinem von ihm selbst inszenierten Stück Herrschaftszeiten (noch mal?) zwischendurch eine Prozession stattfinden. Junge Schauspielschülerinnen tragen ein leuchtendes Laserschwert aus Star Wars als Monstranz durch den Saal. Von wegen: Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis.

Viel weiter als in dieser quietschbunten altmythischen Heldenreise für ewige Kinder sind wir heutzutage auch noch nicht gekommen: "Runter vom Baum. In Zivil und Ethik", wird Schauspielerin Ines Schiller deklamieren. In Kameruns mit eineinviertel Stunden hübsch auf Konzertlänge gebrachter "Konzertinstallation" für ein mit Kopfhörern ausgestattetes Publikum bringt sie das "Manifest des Zentrums für Konfliktlösung" zu Gehör. Und weiter: "Dem wilden Tiere entgegentreten. Und jetzt ...? Wofür ausgraben die Rüstungen, die Kanonen, die Säbel? Ab- und ausgrenzen? Damit der nächste militärische Witz mit einer noch schlechteren Pointe endet?"

Raison - Topic

Aber Vorsicht. Schorsch Kamerun gibt zwar mit Komponist und Tastenmann PC Nackt sowie Kontrabassist Kristian Lind den quengelnden Kommentator zum fröhlichen Herumgelaufe auf der mit Duschkabinen-Paravents vollgestellten Bühne. Auch eine lustige Giraffe und eine Banane auf zwei Beinen sind mit bei dieser, wenn es um Schauspielerführung geht, mitunter etwas planlos wirkenden Partie. Kamerun kommt ja dann mit den Goldenen Zitronen doch eher vom statischen Deklamationstheater der Brecht-Schule.

In der Inszenierung wird allerdings unter anderem auch das Foyer als Außenstelle für Turnübungen und kritische Einwände gegen das "System" genutzt. Ein hübscher überwachungschinesischer Einfall. Die Sache wird mit Kamera auf drei Leinwände in den Saal übertragen.

Gewissen und Gewissheit

"Konfliktforschungschoreografin" Livia Khazanehdari tanzt, und die restlichen Schauspielerinnen, deren meist wortlose Rollen wie "Vertrauenssuchende", "Eskapistin" oder "Vortragskraft" sich erst aus dem Programmheft zart erschließen, werden von einer weiteren Kamera auf der Bühne verfolgt. Dann tritt "Die große Erinnerung" auf. Musicalstar Marika Lichter klatscht mit großer Stimme den über "alte und neue Grenzen", "Zäune" und "Mauern" und "große Schlachten" dozierenden Kamerun an die Wand.

Buback Tonträger

Steinornamente werden geklebt. Hinter den Paravents handeln die Mächtigen dieser Welt von einst bis heute ihre Geschäfte aus. Volkes Stimme darf sich als flüsternder Chor der Studenten erheben. Die berühmten Chatprotokolle werden im Bühnennebel rezitiert. Alles ist etwas verwirrend. Marika Lichter singt vom nächsten Krieg, der kommen muss, weil sonst der Mensch in Faulheit verkommt.

Aus dem musikalischen Eck links auf der Bühne hört man von der Combo, die unter dem Namen Raison in Duobesetzung (PC Nackt und Schorsch Kamerun) auch gerade bei Buback Records das weiterführende Album So viele Leute wie möglich veröffentlicht hat, die heimorgelige Eindeutschung eines alten Hits der amerikanischen Haarmetal-Band Twisted Sister. We’re Not Gonna Take It von 1984 gelangte in letzter Zeit international auch verstärkt im Rahmen von Impfgegner-Demos zum Einsatz. Es wird bei Kamerun zum ein Gewissen und Gewissheit schaffenden Mantra: "Wir werden es nicht nehmen / Nein! Uns nicht ergeben / Werden uns nicht ergeben – niemals."

Gegen Ende singt Marika Lichter das Lied von den Moorsoldaten, eine Hymne aus dem NS-Widerstand. Der Mensch ist frei geboren, aber er liegt überall in Ketten. Schorsch Kamerun bleibt am Thema dran. (Christian Schachinger, 26.4.2022)