Die Pipeline Nord Stream ist eine der österreichischen Hauptversorgungsrouten für Erdgas.

Foto: Reuters/Hannibal Hanscke

Wien/Kiew – Österreich sieht für die Anlegung strategischer Gasreserven bis zu 6,6 Milliarden Euro aus dem Budget vor. Damit soll sichergestellt werden, dass bis zum Winter die Gasspeicher zu 80 Prozent gefüllt sind, erklärten Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) und Energieministerin Leonore Gewessler (Grüne) am Mittwoch nach der Regierungssitzung.

In dem Ministerratsvortrag heißt es, es sei Ziel der österreichischen Bundesregierung, die Resilienz der Energieversorgung für den Fall einer Erdgaslieferunterbrechung zu stärken. Insbesondere soll sichergestellt werden, "dass die österreichischen Erdgasspeicher vor Beginn der kommenden Heizsaison bestmöglich, zumindest aber zu 80 Prozent gefüllt sind".

Russland stoppt Gaslieferungen an Polen und Bulgarien

Die Ankündigung kommt zu einem brisanten Zeitpunkt. Mittwochfrüh hatte Russland die Gaslieferungen nach Polen und Bulgarien gestoppt. Bereits im Ö1-"Morgenjournal" betonte Umweltministerin Leonore Gewessler, dass die Lieferunterbrechung keine Auswirkungen auf Österreich habe. Die Hauptversorgungsrouten über die Ukraine und Nord Stream würden weiterhin uneingeschränkt beliefert. Der erstmalige Lieferstopp für zwei EU-Staaten zeige aber, dass man sich auf Russland nicht verlassen könne. "Wladimir Putin führt Krieg auch mit Energielieferungen."

Ebenfalls Mittwochfrüh war eine Studie bekannt geworden, wonach Österreich ab 2027 ohne russisches Gas auskommen könnte. Dazu müssten aber der Gasverbrauch bis dahin um ein Viertel reduziert, alternative Importe vorübergehend verdreifacht und die Produktion von Biogas und grünem Wasserstoff massiv ausgebaut werden, zeigt die Studie der Energieagentur im Auftrag des Umweltministeriums. Die Eigenproduktion von Erdgas müsste unverändert bleiben. Bis 2030 geht die Energieagentur sogar von einem Rückgang des Gasverbrauchs um ein Drittel aus.

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Preise lassen Gasverbrauch einbrechen

Gewessler will jetzt auf der Analyse der Energieagentur die Arbeit der Regierung aufbauen. "Wir müssen raus aus russischem Erdgas. Das ist die einzig richtige Antwort auf den russischen Angriff gegen die Ukraine. Dabei können wir nicht ignorieren, dass dieser Ausstieg nicht von heute auf morgen gelingen wird", so Gewessler. Aber "jede Gastherme, die wir tauschen, macht uns unabhängiger". Österreich müsse die eigene Produktion mit Biogas und grünem Wasserstoff erhöhen, aber auch neue Lieferländer aufbauen – von Norwegen bis Katar. Das heiße, dass sich Österreich in großem Ausmaß am gemeinsamen Gaseinkauf der EU beteiligt.

Auch Franz Angerer, Geschäftsführer der Österreichischen Energieagentur, weist darauf hin, dass die über Jahrzehnte gewachsene Abhängigkeit von Russland weder unmittelbar noch kurzfristig geändert werden könne. Durch "eine nationale und internationale Kraftanstrengung" wäre es aber bis 2027 möglich. Zugleich weist er darauf hin, dass die Vervielfachung der Erdgaspreise in vielen Branchen zu Einbrüchen beim Gasverbrauch führen werde. "Eine präzise Berechnung der Verbrauchsminderung ist aufgrund dieser noch nie dagewesenen Preisexplosion nicht seriös", schränkt er ein. Die Energieagentur geht davon aus, dass die Energiepreise mittelfristig hoch bleiben und es damit auch weiter Anreize gibt, den Gasverbrauch zu senken und auf erneuerbare Energieträger umzusteigen.

Derzeit braucht Österreich im Jahr 89 Terawattstunden (TWh) Gas. Davon werden 63 TWh aus Russland importiert, zehn Terawattstunden in Österreich gefördert, der Rest (16 TWh) wird aus anderen Ländern eingeführt.

"Grünes Gas" aus Österreich

Das Szenario der Energieagentur sieht vor, dass der Verbrauch in Österreich bis 2027 um ein Viertel auf 67 TWh sinkt. Die Gasimporte aus anderen Ländern als Russland sollen sich zwischenzeitlich auf 50 TWh verdreifachen, zu den unverändert zehn Terawattstunden Gasförderung könnten neu sieben Terawattstunden aus "österreichischem" grünen Gas kommen. So sollten Erdgasimporte aus Russland in fünf Jahren überflüssig sein.

Bis 2030 würde nach Rechnung der Energieagentur der heimische Gasverbrauch weiter sinken, auf nur mehr 60 TWh. Die Produktion von Biomethan (10 TWh) und grünem Wasserstoff (4 TWh) würde weiter steigen, sodass Importe aus anderen Ländern auf 36 TWh zurückgehen könnten. Nachdem Österreich bis 2040 klimaneutral werden will, sollte dabei so schnell wie möglich auf den Import von erneuerbaren Gasen, etwa grünen Wasserstoff, gesetzt werden, erinnert die Energieagentur.

Jede zweite Gastherme könnte bis 2030 ersetzt werden

Das größte Potenzial zur Verringerung des Gasbedarfs liege im forcierten Ausstieg aus Gas bei Raumheizungen und Warmwasser. Das könnte den Verbrauch bis 2030 um neun Terawattstunden senken, so die Energieagentur. Die Hälfte der derzeit 1,2 Millionen Gasheizungen könnte bis 2030 ersetzt werden, vor allem durch Wärmepumpen, Fernwärme und Biomasseheizungen. Eine beschleunigte Gebäuderenovierung soll weitere ein bis zwei Terawattstunden Gas einsparen.

In Industrie und Gewerbe könnten sechs Terawattstunden Gas im Bereich der Prozesswärme ersetzt werden. Effizienzgewinne in der Industrie könnten weitere vier Terawattstunden einsparen. Die Substitution von Erdgaskraftwerken durch Strom aus Erneuerbaren könnte vier Terawattstunden einsparen, die Nutzung von Geothermie zwei Terawattstunden, die effizientere Nutzung von Biomassekraftwerken mit Kraft-Wärme-Koppelung sowie der Umstieg auf effizientere Geräte je eine Terawattstunde.

Für die Herkunft zusätzlicher Gasimporte legt sich die Analyse der Energieagentur nicht fest. Ganz allgemein seien die aus Norwegen importierten Mengen "zu steigern bzw. um neue Importrouten zu ergänzen". Auch Flüssiggas (LNG) sei zu überlegen – und könnte über Terminals in Italien und die Trans-Austria-Gasleitung nach Österreich kommen. Die Ukraine könnte in Zukunft dank ihrer starken Landwirtschaft Exporteurin von Biogas werden. Und für den Import von 14 TWh Wasserstoff "sind bis 2030 die entsprechenden strategischen Kooperationen mit potenziellen Exportländern aufzubauen und ist eine wasserstoffgerechte Transportinfrastruktur zu schaffen", heißt es in der Analyse. (APA, red, 27.4.2022)