In Zeiten des obligatorischen Homeoffice wurden Videokonferenzen zum alltäglichen Mittel der Interaktion. In einem ganz wichtigen Punkt schaden sie der Innovation.

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Vor dem März 2020 haben vermutlich die wenigsten von uns regelmäßig auf diese Weise kommuniziert. Doch seit der Pandemie sind Zoom- oder Teams-Videokonferenzen aus dem Arbeitsalltag der meisten von uns nicht mehr wegzudenken. Und selbst wenn die Corona-Krise überstanden sein wird, werden uns Homeoffice und daher auch Videokonferenzen weiter begleiten.

Das legen zumindest Umfragen unter großen Firmen nahe: In vielen Bereichen werden kleinere oder größere Teile der Arbeitswoche in den eigenen vier Wänden stattfinden, und entsprechend bleiben uns auch Treffen über Zoom, Teams und Co erhalten. Doch welche Folgen hat diese digitalisierte Form der Kommunikation und Interaktion? Wie wirkt sie sich auf unsere Kreativität aus – und damit auch auf die Innovationskraft, egal ob in der Wissenschaft oder in Firmen?

Aus bisherigen Untersuchungen über Kreativität und Innovation ist bekannt, dass viele bedeutende Entdeckungen und Erfindungen in den Wissenschaften, aber auch in der Kunst und der Wirtschaft nicht in den Köpfen weltabgewandter Genies im einsamen Kämmerchen entstanden, sondern sich persönlichen Interaktionen in Teams oder Netzwerken verdanken.

Viele Ideen für eine gute Idee

Vielfach gingen dem einen zündenden Einfall viele andere voraus, die nicht ganz so zündend waren. In den Worten des Chemikers Linus Pauling: "Der beste Weg, eine gute Idee zu haben, ist, viele Ideen zu haben." Und Pauling sollte es als zweifacher Nobelpreisträger wohl wissen. Entsprechend wurde der Mangel an persönlichen Treffen während der Pandemie in Untersuchungen dafür verantwortlich gemacht, dass es zu weniger wissenschaftlichen Innovationen kam.

Das kann auch der Komplexitätsforscher Stefan Thurner aus eigener, leidvoller Erfahrung bestätigen: "Die besten neuen Ideen entstehen bei uns, wenn man mit Kolleginnen und Kollegen gemeinsam vor einer Tafel steht und laut über ein Problem nachdenkt. Das ist einfach durch nichts zu ersetzen und hat in den letzten beiden Jahren oft gefehlt."

Ähnliche Erfahrungen haben viele von uns gemacht. Doch haben sie mehr als anekdotische Evidenz? Das hat das US-amerikanische Forscherduo Melanie Brucks (Columbia University) und Jonathan Levav (Stanford University) mit einer aufwendigen Studie überprüft: Brucks und Levav rekrutierten dafür knapp 1500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines internationalen Unternehmens, das auf Telekommunikationsinfrastruktur spezialisiert ist.

Mehr Ideen, ähnlich gute Auswahl

Die Teilnehmenden aus fünf Ländern in Europa, dem Nahen Osten und Südasien und wurden nach dem Zufallsprinzip entweder von Angesicht zu Angesicht oder per Videoanruf gepaart und gebeten, Produktideen zu entwickeln und eine davon als künftige Produktinnovation für das Unternehmen einzureichen.

Das Hauptergebnis der Studie, die am Mittwoch im Fachblatt "Nature" veröffentlicht wurde: Die Paare, die persönlich interagierten, entwickelten mehr und vor allem kreativere Ideen als die virtuellen Paare. Bei der Auswahl der besten "guten Ideen" hingegen schnitten die verschiedenen Teams ähnlich gut ab.

Verengter kognitiver Fokus

Als Erklärung geben Brucks und Levav an, dass Videoanrufe vermutlich die Konzentration gleichsam auf den Bildschirm "abziehen", wodurch der kognitiven Fokus eingeschränkt und die kreative Ideenfindung verringert würden. Die kritische Bewertung kreativer Ideen hingegen würde einen anderen kognitiven Prozess erfordern als die Ideengenerierung. Entsprechend wird sie auch nicht durch den engeren kognitiven Fokus beeinträchtigt.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie in Form eines Videos inklusive Videocall.
nature video

Was bedeutet das für unser eigenes Kommunizieren und die postpandemische Interaktion in Firmen? Die meisten Arten der Zusammenarbeit scheinen durch Zoom, Teams und Co nicht wesentlich beeinträchtigt zu werden. Wenn es allerdings um das Generieren neuer Ideen geht und Kreativität gefragt ist, dann sollten wir uns doch besser gemeinsam in einem richtigen Raum treffen und uns analoger Hilfsmittel wie einer Tafel oder Papier und Stiften bedienen. (Klaus Taschwer, 27.4.2022)