Depressionen beeinträchtigen die individuelle Lebensqualität massiv – doch Antidepressiva scheinen diesen Umstand nicht nennenswert zu bessern.

Foto: Getty Images/Koldunova_Anna

Grübeln, innere Leere, Schlaflosigkeit, Antriebslosigkeit, keine Energie, um etwas zu unternehmen, Schwierigkeiten, mit anderen in Kontakt zu treten, ein generelles Gefühl der Sinnlosigkeit – so oder so ähnlich fühlen sich Depressionen an. Ein mentaler Zustand, der für nicht Betroffene nur schwer vorstellbar ist. Aber versucht man einmal, sich da hineinzudenken, wird schnell klar, dass das die Lebensqualität enorm beeinträchtigt.

Es verwundert demnach nicht, dass Betroffene zu Medikamenten greifen, die diesen Zustand bessern können. Nur: Eine Steigerung der Lebensqualität scheint dadurch nicht zwingend erreicht zu werden. Menschen mit einer Diagnose einer depressiven Störung, die Antidepressiva einnehmen, entwickeln über einen Zeitraum von zwei Jahren keine erhöhte Lebensqualität verglichen mit depressiven Menschen, die keine Antidepressiva einnehmen. Das zeigt eine Beobachtungsstudie, die Daten von 17 Millionen Patientinnen und Patienten aus den USA auswertete und die vor kurzem im Journal "Plos One" erschienen ist.

Die Daten für die Studie stammen aus dem Medical Expenditures Panel Survey, einer nationalen, repräsentativen Gesundheitsbefragung aus den USA, die die gesamte Bevölkerung repräsentieren soll. Die Gruppen, die Antidepressiva einnahmen, und jene, die das nicht tun, wurden nicht kontrolliert zusammengestellt, es gibt deshalb leichte Unterschiede bei Faktoren wie Ethnizität, Einkommen oder Versichertenstatus. Insgesamt wurden zwölf über einen Fragebogen erhobene Fragen zur Gesundheit ausgewertet.

Informationen über eine Psychotherapie oder andere, nicht pharmazeutische Behandlung sind nicht enthalten, ebenso wie Bewertungen der Schwere der Depression. Aus diesen Gründen ist es, wie in allen retrospektiven Beobachtungsstudien, nicht möglich, einen kausalen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Antidepressiva und der Lebensqualität herzustellen.

Wirkung von Antidepressiva in Forschung debattiert

Ob generell und wie gut konkret Antidepressiva wirken, ist ein Thema, das in der Forschung noch debattiert wird. Frühere Metaanalysen mit kleineren Stichprobengrößen und kürzeren Beobachtungszeiträumen haben kleine bis moderate Effekte gezeigt – sprich, Antidepressiva sind kurzfristig wirksamer als Placebo-Medikamente und erhöhen deshalb die Lebensqualität. Weiters seien Antidepressiva in Kombination mit einer Psychotherapie effektiver als eine der beiden Therapiemöglichkeiten allein. Eine Metaanalyse von 2009 wiederum zeigt, dass rund 70 Prozent des Effekts von Antidepressiva auf den Placeboeffekt zurückzuführen seien.

Die jetzt vorliegende Studie weißt definitiv methodische Schwächen auf. Tatsächlich sind die für die Studie ausgewerteten Daten nicht repräsentativ für die Bevölkerung der USA, weil sie durch Zugang zum Gesundheitswesen, Versichertenstatus, Bildung und mehr beeinflusst werden und keine randomisierte Gruppe abbilden, wie Tom Bschor, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Dresden, kritisiert. "Aber die Studie hat trotzdem einen hohen Wert, weil sie im Unterschied zu den nur auf wenige Wochen angelegten randomisierten Studien über einen Verlauf von zwei Jahren beobachtete und so ein realistisches Abbild der tatsächlichen Behandlungssituation gibt. Bei randomisierten Studien ist diese aufgrund der Vorgaben oft artifiziell."

Die aktuell vorgelegte Studie unterstütze mit ihrem Setting die Erkenntnisse aus randomisierten Studien. "Und wenn die Ergebnisse von randomisierten Studien und von populationsbezogenen Studien zum gleichen Ergebnis kommen, kann mit hoher Sicherheit angenommen werden, dass das Ergebnis die tatsächliche Situation beschreibt." Bschor meint weiter, dass die nicht repräsentativ für die USA zusammengesetzte untersuchte Bevölkerungsgruppe für die Übertragung der Ergebnisse auf Deutschland – und damit wohl auch auf Österreich – sogar gut sei, weil "hier ein weitgehend vollständiger Krankenversicherungsschutz gegeben ist".

Psychotherapie nachweislich wirksam

Auch Eva-Lotta Brakemeier, Direktorin des Zentrums für Psychologische Psychotherapie an der Universität Greifswald, begrüßt die Analyse grundsätzlich, "da Depressionen für die Gesellschaft nachweislich hohe Gesundheitskosten verursachen". Die praxisorientierte Forschung sei eine eindeutige Stärke. Dass die verschiedenen Verlaufsformen von Depressionen und die Behandlungsvorgeschichte nicht berücksichtigt worden seien, limitiere die Erkenntnisse aber. So sei etwa nicht abgefragt worden, ob die Betroffenen während dieser Zeit eine Psychotherapie gemacht hätten.

Mittlerweile empfehlen aber sämtliche nationale und internationale Leitlinien Psychotherapie als Methode der ersten Wahl für die Behandlung der Depression, bei schweren Formen und chronischen Verläufen in Kombination mit Antidepressiva. Brakemeier: "Psychotherapie ist in der Behandlung der Depression nachweislich wirksam, das belegen auch zahlreiche randomisiert-kontrollierte Studien, die in Metaanalysen zusammengefasst wurden." Die Effektstärke sei mit medikamentösen Behandlungen mindestens vergleichbar. Darüber hinaus sei klar erwiesen, etwa in einer Studie des "British Journal of Psychiatry", dass Psychotherapie die Lebensqualität bei Depressionen auf jeden Fall steigere. Am wirksamsten scheint eine Kombination von beidem zu sein.

Und Psychiater Pschor weist auf einen weiteren Umstand hin: "Auch wenn es kein direktes Ergebnis ihrer Studie ist, weisen die Autoren am Ende ihrer Publikation zu Recht darauf hin, dass Ärztinnen und Ärzte eine stärkere Zurückhaltung bei der medikamentösen Behandlung von Depressionen zeigen sollten. Nicht nur wegen des fehlenden Effekts auf die Lebensqualität, sondern es mehren sich auch die Befunde, dass die Verordnung von Antidepressiva langfristig zu einer Verschlechterung des Krankheitsverlaufes mit Chronifizierung und häufigeren Rückfällen führt. Das kann in der Folge eine Dauerverschreibung von Antidepressiva nötig machen."

Pschor gibt außerdem einen weiteren möglichen Grund für die fehlende Verbesserung der Lebensqualität durch Antidepressiva zu bedenken: Diese Medikamente haben auch Nebenwirkungen wie starke Müdigkeit tagsüber oder sexuelle Beeinträchtigungen. Das mache einen eventuellen Gewinn an Lebensqualität womöglich wieder wett. (Pia Kruckenhauser, 2.5.2022)