Weil Russland seit Mitte der Woche kein Gas mehr nach Polen und Bulgarien liefert, wächst die Furcht in anderen EU-Ländern, dass ihnen Gleiches passieren könnte.

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Seit Polen und Bulgarien kein Gas mehr aus Russland erhalten, wächst die Furcht auch in anderen EU-Ländern, dass ihnen schon bald das Gleiche passiert. Speziell in Österreich mit 80 Prozent Abhängigkeit von Gasimporten aus Russland sind die Sorgen groß, plötzlich auf dem Trockenen zu sitzen.

Was auf Gewerbe- und Industriebetriebe zukommt

Wenn der Gasdruck in der Pipeline auf null fällt, ist Feuer am Dach und Energielenkung gefragt. Das entsprechende Gesetz sieht für die zuständige Energie- und Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne) einen weitgehenden Eingriff in den Markt vor, sie muss sich aber beim Hauptausschuss des Nationalrats rückversichern. Zunächst würde festgelegt, dass sämtliches Gas, das in Österreich gespeichert wird, nur zur Versorgung von Endkunden in Österreich verwendet und nicht exportiert werden darf.

Und es würde großen industriellen Abnehmern, abhängig von der strategischen Bedeutung, weniger Gas zugeteilt. Zur Aufrechterhaltung der Grundversorgung nicht so wichtige Betriebe müssten sich wohl ziemlich rasch auf einen Stopp der Gasversorgung einstellen. Das immer mit dem Hintergedanken, dass für Haushaltskunden, aber auch Krankenhäuser, öffentliche Einrichtungen, Kraftwerke und Blaulichtorganisationen die Versorgung jedenfalls sichergestellt werden muss.

Die Stahlindustrie ist wie die Papier-, Chemie-, Stein/Glas- oder Nahrungsmittelbranche auf Gas in hohem Maße angewiesen.
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40 Prozent des Gasbedarfs in Österreich entfällt auf die Industrie, mit abnehmender Menge erst auf Papier, Chemie, Stahl, Stein/Glas und dann Nahrungsmittel. Die Erzeugung von Stahl und Glas beispielsweise ist ein fortlaufender Prozess. Wird abgeschaltet, erkaltet das Material in den Wannen und die Produktionsanlage ist kaputt.

Wie viel Gas sich in Österreichs Speichern befindet

Österreich ist eines der Länder mit den meisten Speichervolumen pro Kopf der Bevölkerung. Die in Niederösterreich (OMV), Oberösterreich und Salzburg (RAG) als Speicher genutzten früheren Gasfelder fassen theoretisch an die acht Milliarden Kubikmeter und damit ziemlich genau die Menge, die Österreich in einem Normaljahr verbraucht. Für knapp ein Drittel gibt es aber keinen direkten Anschluss an das österreichische Gasnetz. Der Speicher Haidach (Salzburg), von der EVN-Tochter RAG entwickelt und technisch betrieben, der aber von einer Gazprom-Tochter vermarktet wird, ist mit dem deutschen Marktgebiet verbunden.

Das erst kürzlich beschlossene Gasbevorratungsgesetz sieht einen Mindestfüllstand der Speicher von 80 Prozent bis Beginn der Heizsaison vor. Das waren in früheren Jahren "normale" Füllstände im Herbst – außer 2021. Weil die Gaspreise im vorigen Sommer, wenn sie wegen wenig Nachfrage für gewöhnlich sinken, hoch geblieben sind, haben Gashändler vergleichsweise wenig Erdgas eingespeichert. Das soll diesen Herbst nicht mehr passieren.

Zurzeit kommt Gas störungsfrei aus Russland, die Speicher füllen sich, der Füllstand liegt bei knapp 18 Prozent. Alternativ dazu will man nun zusätzliches Gas aus Norwegen und anderswoher organisieren, um gut und sicher über den nächsten Winter zu kommen.

Was die Bevorratung zu Höchstpreisen kostet

Die für die Befüllung der Gasspeicher reservierten 6,6 Milliarden Euro klingen nach sehr viel. Tatsächlich gebraucht werden für die angestrebte Aufstockung der Gasreserven um 12,6 Terawattstunden (TWh) aus heutiger Sicht "nur" rund 1,2 Milliarden Euro. Aber das ist keineswegs sicher.

Denn der Gaspreis kennt seit dem russischen Lieferstopp für Polen und Bulgarien nur eine Richtung: nach oben. Mit 111 Euro kostete eine Megawattstunde (MWh) Gas zuletzt ein Vielfaches der Vor-Corona-Zeit. Der Gaspreisindex für Mai stieg gegenüber April noch einmal um 4,5 Prozent. Im Vergleich zum Mai 2021 weist die Energieagentur ein Plus um 474,5 Prozent aus.

Wie viel die strategische Gasreserve, die Gasimporteure anlegen müssen, also tatsächlich kosten wird, steht in den Sternen. Um sicherzugehen, steht ein Puffer von rund fünf Milliarden Euro zur Verfügung. Denn mit der zusätzlichen Reserve ist es nicht getan. Der EU-Kommission schwebt vor, dass alle Speicher in Europa zu 80 Prozent befüllt werden, um bei einem allfälligen Lieferstopp nicht blank dazustehen.

Österreichs Speicher sind gemessen am Jahresinlandsverbrauch von neun Milliarden Kubikmeter (entspricht rund 95 TWh) sehr groß. Aber nicht alles gehört Österreich, es wird auch exportiert, etwa nach Slowenien, das keine eigenen Speicher hat.

Industrie kritisiert Gasausstiegsszenario

"Illusorisch" nennen österreichische Industrielle das im Auftrag des für Energie zuständigen Klimaschutzministeriums erstellten Szenario für den Ausstieg aus russischem Gas. Zehn Prozent Einsparung in der Industrie bis 2030 seien "haarsträubend" und – trotz des massiv gestiegenen Preisdrucks – "maximal unrealistisch", sagen mit der Materie vertraute Interessenvertreter. Die damit verbundenen Kosten seien völlig ausgeblendet.

Offiziell will niemand Stellung beziehen, man wolle im Lichte der durch den Ukraine-Krieg verschärften Lieferkettenprobleme nicht noch Öl ins Feuer gießen, sagt ein hochrangiger Funktionär, der nicht genannt werden will.

Porr-Chef Karl-Heinz Strauss hingegen nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Er vermisst Kompetenz beim plötzlich so wichtigen Energiethema. "Sinnentleerte Beteuerungen" à la "wird schon gutgehen" würden nicht weiterhelfen. Das Thema verlange nach einem "fachkompetenten Energieministerium". Bisweilen wird es als Anhängsel des Verkehrs- und Umweltministeriums gesehen. In dieser Energiekrise müsse sich eine Person ausschließlich mit dem Thema beschäftigten. "Ich glaube, es ist vielen nicht bewusst, was es bedeutet, wenn das Gas weg ist." Drehe man der Industrie das Gas ab, "haben Sie innerhalb von 24 bis 36 Stunden keine Milch mehr", sagt der Porr-Chef. (Günther Strobl, Luise Ungerboeck, 28.4.2022)